TMW316 hat geschrieben: 27.05.2026 22:35
Man erkennt 80er Pop sofort irgendwie. Und man kennt fast alle Lieder, obwohl man die Künstler oft gar nicht kennt. Auch noch so ein Phänomen.
Was macht diesen typischen 80er Sound aus?
Es sind halt in den allermeisten Fällen verdammt gut geschriebene Songs.
Ich liebe mitnichten jeden typischen Achtzigersound und erst recht nicht jede geschniegeltе Plastikgranate. Aber selbst dort finde ich erstaunlich selten wirklich belanglose oder komplett inspirationsfreie Musik. Das ist für mich der entscheidende Unterschied. Versuch mal heute, in den Auswürfen moderner Contentfabriken Vergleichbares zu finden. Für mein Verständnis hat das mit Musik mittlerweile nichts mehr zu tun. Musik hatte vor ein paar Jahrzehnten noch eine andere Bedeutung. Es wurde sich Zeit genommen. Für Songs, Arrangements, Atmosphäre und Emotionen. Und auch für handwerkliches Können, das heute durch fünfzehn Schichten Autotune und Quantisierung abgelöst und begraben wurde. Es lag auch an völlig anderen Produktionsbedingungen, gesellschaftlichen Umständen und einer insgesamt anderen kulturellen Wahrnehmung von Musik. Musik war Ausdruck von Zuständen und Weltgeschehen. Es war Eskapismus und Kontrollverlust. Aber vor allem Aufbruch und eine furchtlose Lust am Ausprobieren.
Produzenten hatten zudem damals bis weit in die Neunziger hinein oft einen enormen kreativen Einfluss, hantierten nicht selten als eine Art zusätzliches Bandmitglied und lenkten die Musiker in Richtungen, auf die sie selbst vielleicht gar nicht gekommen wären. Halt das komplette Gegenteil von den furchtbaren Stock Aitken Waterman Fabrikverbrechen. Ich halte die Achtziger jedenfalls bis heute für das kreativste Musikjahrzehnt überhaupt. Nicht zwingend für das beste, aber mit Sicherheit für das mutigste und experimentierfreudigste. Da wurde unglaublich viel ausprobiert, Genres miteinander verknotet und mit kleinen Mitteln erstaunlich große Kunst geschaffen. Das ist für mich auch der zweite entscheidende Punkt. Damals entstand aus viel weniger sehr oft hörbar mehr. Mehr Atmosphäre, mehr Identität, mehr Wiedererkennungswert und viel mehr Seele. Da wurden aus Scheiße tatsächlich noch Bonbons gemacht.
Heute hingegen gibt es noch nicht mal ein kleines, halb verdautes Bonbon in der Scheiße. *g*