Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von NegatroN » 17.05.2017 10:47

Warpig1975 hat geschrieben:
chaosbraut78 hat geschrieben:Bei der jüngeren Diskussion hatte ich den Eindruck, dass die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, die ja recht populär ist, hier relativ kritiklos befürwortet wird. Ist das wirklich so?
Ich persönlich bin nämlich sehr skeptisch geworden, was diese Idee betrifft, und gehe davon aus, dass es keinen positiven Effekt auf die Situation bedürftiger Menschen hat (nicht zuletzt aufgrund der verschiedenen Refinanzierungsideen, die ja auf breiter Front Abschaffung oder Verschlankung des Sozialstaats bei drastischen Steuererhöhungen beinhalten). Dass ein solcher neoliberaler Vorstoß nun von den linken Parteien angeführt wird, macht es IMO nicht besser, weil es dann keine Opposition gibt, die das ganzen aufgrund sozialer bedenken stoppen würde. Hätten wir ja bei Hartz auch schon...
Völlig richtig erkannt. Das bedingungslose Grundeinkommen, oder Bürgergeld, ist ein radikal-liberales Konzept: Die materiellen Grundbedürfnisse des Bürgers werden befriedigt, sein physisches Überleben gesichert. Für den Rest seines Lebens ist er dann allein verantwortlich: Keine staatliche Arbeitslosenversorgung mehr, keine Sozialhilfe, keine Förderprogramme. Soziale Hilfen für Bedürftige sind Privatsache caritativer Organisationen. Beruflicher und wirtschaftlicher Erfolg hängen davon ab, wie viel du zu investieren bereit bist. Es gibt eine medizinische Grundversorgung für Notfälle - der Rest liegt in deiner Hand. Chronische Krankheiten oder angeborene Gebrechen sind ein Faktor, mit dem du umgehen musst, nicht die Gesellschaft. Steuern sind vor allem Abgaben auf Konsum oder den Gebrauch öffentlicher Einrichtungen. Höhere Bildung gibt es nur gegen Gebühren. Statt sozialer Marktwirtschaft gibt es nur noch den Markt, und zwar für alle Bereiche des Lebens. Funktionieren kann das System nämlich nur, wenn das BGE so niedrig angesetzt ist, dass es zwar ein Überleben ermöglicht, aber trotzdem den Druck erzeugt, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Man kann so ein Modell diskutieren und wird es, vor dem Hintergrund einer sich immer schneller verändernden Arbeitswelt auch müssen. Aber warum vor diesem Hintergrund grade so viele Linke das BGE befürworten, ist mir auch ein Rätsel.
Ich verstehe den Einwand nicht so ganz. Es kommt zwar darauf an, über welches Modell des BGEs wir jetzt genau sprechen. Aber selbst bei den niedrigen Modellen braucht es eigentlich keine Sozialleistungen mehr, weil die ja eben über ein BGE abgedeckt wären. Insofern sollte es eigentlich auch keine Bedürftigen geben. Du sparst dir nur den Bürokratie-Irrsinn auf der einen und die Stigmatisierung und Bittstellerschaft auf der anderen Seite.

Ich verstehe auch nicht, warum das keine Verbesserung für bedürftige Menschen darstellen soll. Bei dem Modell, dass die Sozialleistungen ersetzen soll, wäre die Steuer so gestaltet, dass das BGE für mittlere Einkommen neutral wäre. D.h., mit einem mittleren Einkommen zahlst du z.B. 750 € mehr an Steuern, bekommst aber gleichzeitig 750 € BGE. Wenn du weniger verdienst, zahlst du (deutlich) weniger Steuern und profitierst damit vom BGE. Wenn du mehr verdienst, zahlst du (deutlich) mehr Steuern und finanzierst damit die Gering- bzw. Nicht-Verdiener. Was ist daran ein neoliberaler Ansatz und wo sind die sozialen Bedenken?
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von Warpig1975 » 17.05.2017 10:49

Tolpan hat geschrieben: Zum einen halte ich das für falsch, zum anderen geht es beim Mindestlohn (als Beispiel) letztendlich um den Schutz vor Ausbeutung. "Individualität und Selbständigkeit" hört nämlich für mich dort auf, wo sie zu Lasten anderer ausgeübt wird (wie übrigens grundsätzlich alle Freiheiten IMHO). Und wenn mein Geschäftsmodell nun einmal darauf basiert, andere Menschen lohn- und risikotechnisch auszubeuten, dann hat das IMHO nichts mit liberalen Werten zu tun.

Dieses Thema dann immer gleich zu verallgemeinern und dass alles immer nur reglementiert werden soll - das ist dann die "große" rhetorische Kunst der FDP-Anhänger... :D
Also, meine Einschätzung bezog sich nicht nur auf den Mindestlohn, sondern war schon eine allgemeine Betrachtung. Und mit dem Mindestlohn hat die FDP im Grunde längst ihren Frieden gemacht. Den kriegt keine Partei mehr zurück gedreht. :wink:
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von Warpig1975 » 17.05.2017 10:59

NegatroN hat geschrieben:
Warpig1975 hat geschrieben:Also, in gesellschaftspolitischen Fragen, innere Sicherheit, Datenschutz etc. hat die FDP eigentlich schon immer liberale Positionen vertreten, auch unter Rösler, Niebel, Westerwelle & Co.
Ich hab das nicht so wahrgenommen. Mit Ausnahme von einzelnen Personen wie Leutheusser-Schnarrenberger hat die Partei jede Einschränkung von Freiheitsrechten mitgetragen. Zwar teilweise mit Murren, aber letztlich doch ohne große Konflikte. Der Koalitionsfriede und der Wille zum Mitregieren waren da schon sehr viel größer als die eigenen Werte. Das finde ich bei einem liberalen Kernthema schon eine extreme Enttäuschung. Von dem her vermisse ich da auch nichts und sehe nicht, welchen Unterschied die Anwesenheit der FDP in den Parlamenten oder Regierungen macht.
Das kleine Parteien Gefahr laufen mit ihren Themen in einer Koalition unter die Räder zu kommen, ist nun wahrlich kein reines FDP-Problem. Das kriegen die Grünen derzeit auch sehr gut hin. Inhalte werden leider gerne mal vergessen, wenn dafür die Machtoption winkt, das ist bei allen Parteien der Fall. Minister oder Staatssekretär würde man dann ja doch gerne werden. Interessanterweise wird die FDP jetzt gerade von Journalisten aus dem linken Spektrum dafür kritisiert, dass sie nicht sofort für eine schwarz-gelbe Koalition in NRW bereit steht.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von tafkasc » 17.05.2017 10:59

Warpig1975 hat geschrieben:DIe Frage, ob der Mindestlohn für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft nun schädlich oder einfach nur unnütz war, lässt sich aus meiner Sicht derzeit auch gar nicht seriös beantworten: Wir wissen schlichtweg nicht, wie viele Firmen-Neugründungen deswegen ausgeblieben sind, wie viele Geschäfte aufgegeben wurden, wie viele Vollzeit-Stellen abgebaut und stattdessen in eine geringfügige Beschäftigung umgewandelt wurden, wie viele Aufträge nun schwarz abgewickelt werden etc.
Das Problem haben aber alle Sozial- und Wirtschaftwissenschaften. Man kann die gleiche gesellschaftliche Entwicklung nicht einmal mit und einmal ohne eine bestimmte Einflussgröße laufen lassen und dann vergleichen. Richtige Experimente können nur die Naturwissenschaften (und dort ist das manchmal schon ganz schön schwierig). Deshalb betreibt man Ersatzvornahmen in Form von Verhaltensexperimenten u.ä. deren Ergebnisse man dann schamlos verallgemeinert oder man bedient sich (ziemlich zuverlässiger) statistischer Verfahren, um Korrelation aus sowieso vorhandenen Datensätze - die allerdings unterschiedliche Zeiträume und entfernte Regionen mit einander vergleichen - herzuleiten.

Zum Mindestlohn: Es gibt aktuell wenig Evidenz für schädliche Wirkung (Link). Es ist ziemlich klar, dass ein Mindestlohn zu einer Lohnstauchung und damit verminderter Lohnungleichheit führt. Gerechtigkeit ist grundsätzlich eigentlich nochmal eine anderes Thema, aber ich denke schon, dass verminderte Lohnspreizung - gerade durch Anheben der niedrigsten Einkommen - wünschenswert ist. Die Auswirkungen steigender Löhne auf Inflation und Leistungsbilanzgleichgewichte sind aktuell ebenfalls - zumindest für DE - eher positiv. Dass ein Mindestlohn nicht unbedingt zu verminderter Beschäftigung führen muss, lässt sich - unter bestimmten Annahmen - übrigens auch aus gängigen Modellen herleiten (Bei Interesse: Google nach "Monopsony" und "minimum wage"). Man wird weiter beobachten müssen, inwiefern sich Mindestlöhne negativ auf Berufseinsteiger mit niedriger Qualifikation auswirken. Und ob sie ggfs. dadurch konterkariert werden, dass sich vermehrter Kapitaleinsatz bei der Automatisierung einfacher Tätigkeiten gerade durch Mindestlöhne rechnet.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von NegatroN » 17.05.2017 11:17

Warpig1975 hat geschrieben:Das kleine Parteien Gefahr laufen mit ihren Themen in einer Koalition unter die Räder zu kommen, ist nun wahrlich kein reines FDP-Problem. Das kriegen die Grünen derzeit auch sehr gut hin. Inhalte werden leider gerne mal vergessen, wenn dafür die Machtoption winkt, das ist bei allen Parteien der Fall. Minister oder Staatssekretär würde man dann ja doch gerne werden. Interessanterweise wird die FDP jetzt gerade von Journalisten aus dem linken Spektrum dafür kritisiert, dass sie nicht sofort für eine schwarz-gelbe Koalition in NRW bereit steht.
Schon. Aber die Grünen haben sich die Entscheidungen, bei denen es wirklich um ihre Kernthemen gegangen ist (ich erinnere da mal an den Bundeswehreinsatz auf dem Balkan) alles andere als leicht gemacht. Da wurde sehr heftig drum gestritten und auf dem Parteitag ging es richtig rund - bis hin zu etlichen Austritten.

Davon war bei der FDP absolut nichts zu sehen. Bis auf einzelne Ausnahmen war es da mit einem Gewissenskonflikt nicht weit her. Das ist bei einem urliberalen Thema schon erstaunlich.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von tafkasc » 17.05.2017 11:56

Nagrach hat geschrieben:
NegatroN hat geschrieben:
Rotorhead hat geschrieben:Also beim Thema Steuern höre ich nichts ausser Plattitüden à la Reiche höher besteuern, mittlere Einkommen entlasten. Bisher habe ich noch keine Berechnung dazu unter den Augen gehabt, was nicht heißt dass es sie nicht gibt.

Auch hier lasse ich gerne nochmal mit mir reden, wenn du da eine ausführlich durchgerechnetes Konzept irgendwo als Link hast.
Einen Link hab ich nicht parat.
https://www.die-linke.de/fileadmin/down ... onzept.pdf
Ganz grundsätzlich: Man hat bei der Besteuerung von Flussgrößen wie z.B. Umsätzen, Einkommen oder Gewinnen relativ große Spielräume. Deshalb können Steuerkonzepte mit niedrigen und hohen Einkommensteuersätzen oder hohen und niedrigen Mehrwertsteuersätzen absolut miteinander konkurrieren. Natürlich wird auch dann viel über Anreize, Lenkungswirkung und Gerechtigkeit gestritten, aber das ist ok. Wenn man Bestandsgrößen - wie z.B. das Vermögen - besteuert, machen sehr kleine Zahlendifferenzen einen gewaltigen Unterschied. Es macht auch keinen Sinn eine Bemessungsgrundlage so zu besteuern, dass sie verschwindet, wenn man sich auf die Einnahmen aus dieser Steuer verlässt (in dem Sinne, dass man sie braucht). Eigentlich möchte man bei den "großen" Steuern verlässliche Einnahmen, die auch noch wachsen. Natürlich dürfen und können Steuern auch Lenkungswirkungen haben, aber dann muss man auch damit rechnen, dass es wirkt.

Wir leben aktuell in einem Umfeld mit weltweitem Wirtschaftswachstum von 3 bis 4 %, Inflation und Produktivitätsentwicklung im Bereich von 1%. Wenn man in diesem Umfeld eine Vermögensteuer von 5% einführen würde, dann hätte das absolut disruptive Auswirkungen. Ich bin kein Jurist, aber ich geh auch mal davon aus, dass eine verzehrende Vermögensteuer gewaltige juristische Problem aufwirft. Das Bundesverfassungsgericht hat außerdem - wohl auch zurecht - festgestellt, dass unterschiedliche Vermögensarten (in etwa) gleich stark besteuert werden müssen. Deshalb gehe ich mal im Weiteren davon aus, dass es da keine Unterschiede geben wird.

Inhaber von hohen Geldvermögen können zwar die 5% (pro Jahr) relativ einfach bezahlen, aber sie werden dieses Vermögen zu den aktuellen Konditionen am Geldmarkt nicht vermehren können. Es wird schrumpfen bis auf den Freibetrag. Für viele Immobilienbesitzer und Unternehmer dürfte sich ein wirklich massives Liquiditätsproblem aufwerfen. Das kann natürlich durch Verkäufe gelöst werden. Aber an wen und zu welchem Preis ? Unternehmenswerte berechnet man gerne nach abgezinsten Cash Flow-Verfahren. Wohin gehen die Unternehmenswerte, wenn ich davon ausgehen muss, dass ich jedes 5% des Wertes ans FA abführen muss ? Was bedeutet das für die Höhe der eingenommenen Vermögensteuer ? Ganz schwierig wird das Liquiditätsproblem für Sammler und Inhaber von sehr kapitalintensiven, aber eher einkommensschwachen Betrieben (Agrar und Forst z.B.).

Dazu kommt noch das Problem des Konjunkturverlaufs. In Rezessionen werden sehr viele Unternehmer nicht in der Lage sein die Vermögensteuer zu bezahlen. Man muss Ihnen die Steuer stunden. Der Staat muss die Zahlungen (vorübergehend) übernehmen. Man sollte in der Rezession weder Unternehmen wegen Steuerforderungen insolvent gehen lassen, noch die Staatsausgaben kürzen. Beides würde die Rezession verstärken. D.h. gerade wenn die Vermögensteuer einen hohen Beitrag zu den Steuereinnahmen leisten soll, wird sie in Flautephasen die Schuldenlast des Staates enorm nach oben treiben.

Die Frage nach Kapitalflucht oder auch die Überlegung, ob dann vlt relativ schnell alle nennenswerte Vermögen mit Ertragswert in Deutschland Ausländern (oder Deutschen mit Wohnsitz im Ausland) gehören, weil diese zwar u.U. auf Ihre Vermögen in Deutschland ebenfalls Vermögensteuer bezahlen müssten, aber die daraus (hoffentlich) noch erzielbaren Gewinne ins Ausland abführen und dort natürlich ohne Vermögensteuer deponieren (und reinvestieren) könnten, führe ich jetzt mal nicht weiter aus. Das vermeidet auch keine Bundesfinanzpolizei (auch wenn sie es darüberhinaus einfach mal so schafft 15 Milliarden Euro pro Jahr durch besseren Vollzug zu erwirtschaften).

Generell weiß man bei der Linken wahrscheinlich auch, dass man eine Vermögensteuer ganz behutsam einführen muss. Es gibt z.B. von Piketty und Stiglitz viele Texte dazu, wie man das gestalten kann. Die Finanzverwaltungen müssen sich erstmal wieder darauf einstellen, die ganzen Vermögenswerte zu erfassen und zu bewerten (Weil das so mühselig ist, ist die Vermögensteuer übrigens auch bei den Finanzbeamten gar nicht beliebt). Aber allein das wäre schonmal ein Transparenzgewinn, kostet aber Zeit und Geld. Eine internationale Koordination wäre mehr als wünschenswert. Man muss mit Steuersätzen im Promillebereich anfangen und sich zunächst mal darauf einstellen, dass man Jahre warten muss, bis man unterm Strich wirklich nennenswerte Erträge hat. Und auf oder in die Nähe von 5 % wird man wahrscheinlich niemals kommen. Ich würde es vorziehen, wenn man die Ziele und Vorhaben dann auch genauso formuliert.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von Warpig1975 » 17.05.2017 11:57

NegatroN hat geschrieben:
Warpig1975 hat geschrieben:Das kleine Parteien Gefahr laufen mit ihren Themen in einer Koalition unter die Räder zu kommen, ist nun wahrlich kein reines FDP-Problem. Das kriegen die Grünen derzeit auch sehr gut hin. Inhalte werden leider gerne mal vergessen, wenn dafür die Machtoption winkt, das ist bei allen Parteien der Fall. Minister oder Staatssekretär würde man dann ja doch gerne werden. Interessanterweise wird die FDP jetzt gerade von Journalisten aus dem linken Spektrum dafür kritisiert, dass sie nicht sofort für eine schwarz-gelbe Koalition in NRW bereit steht.
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Davon war bei der FDP absolut nichts zu sehen. Bis auf einzelne Ausnahmen war es da mit einem Gewissenskonflikt nicht weit her. Das ist bei einem urliberalen Thema schon erstaunlich.
Die meisten FDP-Politiker sind bürgerlich geprägte, wohlerzogene Leute. Die tragen ihre Gewissenskonflikte nicht so öffentlich aus, wie die Grünen :D
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von NegatroN » 17.05.2017 12:37

Warpig1975 hat geschrieben:Die meisten FDP-Politiker sind bürgerlich geprägte, wohlerzogene Leute. Die tragen ihre Gewissenskonflikte nicht so öffentlich aus, wie die Grünen :D
So gesehen ... *g*
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von NegatroN » 17.05.2017 15:19

Nachdem wir gerade mit WannaCry ein anschauliches Beispiel dafür hatten, wie die NSA das Netz für alle unsicherer macht, reagiert jetzt auch unsere Bundesregierung. Und zwar damit, dass auch deutsche Behörden endlich mehr Befugnisse dazu bekommen, uns alle unsicherer zu machen:

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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von chaosbraut78 » 17.05.2017 18:22

NegatroN hat geschrieben:
Warpig1975 hat geschrieben:
chaosbraut78 hat geschrieben:Bei der jüngeren Diskussion hatte ich den Eindruck, dass die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, die ja recht populär ist, hier relativ kritiklos befürwortet wird. Ist das wirklich so?
Ich persönlich bin nämlich sehr skeptisch geworden, was diese Idee betrifft, und gehe davon aus, dass es keinen positiven Effekt auf die Situation bedürftiger Menschen hat (nicht zuletzt aufgrund der verschiedenen Refinanzierungsideen, die ja auf breiter Front Abschaffung oder Verschlankung des Sozialstaats bei drastischen Steuererhöhungen beinhalten). Dass ein solcher neoliberaler Vorstoß nun von den linken Parteien angeführt wird, macht es IMO nicht besser, weil es dann keine Opposition gibt, die das ganzen aufgrund sozialer bedenken stoppen würde. Hätten wir ja bei Hartz auch schon...
Völlig richtig erkannt. Das bedingungslose Grundeinkommen, oder Bürgergeld, ist ein radikal-liberales Konzept: Die materiellen Grundbedürfnisse des Bürgers werden befriedigt, sein physisches Überleben gesichert. Für den Rest seines Lebens ist er dann allein verantwortlich: Keine staatliche Arbeitslosenversorgung mehr, keine Sozialhilfe, keine Förderprogramme. Soziale Hilfen für Bedürftige sind Privatsache caritativer Organisationen. Beruflicher und wirtschaftlicher Erfolg hängen davon ab, wie viel du zu investieren bereit bist. Es gibt eine medizinische Grundversorgung für Notfälle - der Rest liegt in deiner Hand. Chronische Krankheiten oder angeborene Gebrechen sind ein Faktor, mit dem du umgehen musst, nicht die Gesellschaft. Steuern sind vor allem Abgaben auf Konsum oder den Gebrauch öffentlicher Einrichtungen. Höhere Bildung gibt es nur gegen Gebühren. Statt sozialer Marktwirtschaft gibt es nur noch den Markt, und zwar für alle Bereiche des Lebens. Funktionieren kann das System nämlich nur, wenn das BGE so niedrig angesetzt ist, dass es zwar ein Überleben ermöglicht, aber trotzdem den Druck erzeugt, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Man kann so ein Modell diskutieren und wird es, vor dem Hintergrund einer sich immer schneller verändernden Arbeitswelt auch müssen. Aber warum vor diesem Hintergrund grade so viele Linke das BGE befürworten, ist mir auch ein Rätsel.
Ich verstehe den Einwand nicht so ganz. Es kommt zwar darauf an, über welches Modell des BGEs wir jetzt genau sprechen. Aber selbst bei den niedrigen Modellen braucht es eigentlich keine Sozialleistungen mehr, weil die ja eben über ein BGE abgedeckt wären. Insofern sollte es eigentlich auch keine Bedürftigen geben. Du sparst dir nur den Bürokratie-Irrsinn auf der einen und die Stigmatisierung und Bittstellerschaft auf der anderen Seite.

Ich verstehe auch nicht, warum das keine Verbesserung für bedürftige Menschen darstellen soll. Bei dem Modell, dass die Sozialleistungen ersetzen soll, wäre die Steuer so gestaltet, dass das BGE für mittlere Einkommen neutral wäre. D.h., mit einem mittleren Einkommen zahlst du z.B. 750 € mehr an Steuern, bekommst aber gleichzeitig 750 € BGE. Wenn du weniger verdienst, zahlst du (deutlich) weniger Steuern und profitierst damit vom BGE. Wenn du mehr verdienst, zahlst du (deutlich) mehr Steuern und finanzierst damit die Gering- bzw. Nicht-Verdiener. Was ist daran ein neoliberaler Ansatz und wo sind die sozialen Bedenken?
Wie gesagt, ich bin da skeptisch. Je nach Modell ist es ja sehr unterschiedlich, welche der Sozialleistungen abgeschafft werden soll und wie die Refinanzierung aussieht. Ich halte es für nicht machbar, jede staatliche Transferleistung zu streichen. Man kann von mir aus über Alt 1 und 2 reden und so Dinge wie Bafög, Wohngeld und Co. Ich gebe aber zu Bedenken, dass eines der Dinge, die das ALG2 so unsozial gemacht haben war, dass besondere Bedarfe nicht mehr gegeben waren.
Man darf beim BGE in meinen Augen nicht von der eigenen Situation ausgehen, sondern von der Situation derer, die besondere Bedarfe haben. Wer käme denn dann bsp. für die Dinge auf, die jetzt zur Eingliederungshilfe gehören? Wie ist es mit EU-Rente? Besondere Betreuungskosten? Der Kinderwagen fürs Baby, wenn letzte Woche die Waschmaschine kaputt war und die MwSt. bei 25 % liegt?
Das finnische Experiment hilft da in meinen Augen nicht, weil die reale Refinanzierungstruktur nicht vorhanden ist und es gleichzeitig die Stellen, die zusätzliche Hilfen geben können, noch existieren.
...Aber wisse, dass gerade jetzt und heutzutage diese Menschen mehr denn je davon überzeugt sind, vollkommen frei zu sein; und dabei haben sie selbst uns ihre Freiheit dargebracht und sie uns gehorsam zu Füßen gelegt. ...

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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von Rotorhead » 17.05.2017 18:26

Ich bin ja dafür, diese unsinnigen und qualitativ unter aller Sau seienden zwangsweisen Fortbildungen für Hartz IV Bezieher ersatzlos zu streichen. Die kosten unglaublich viel Geld und bringen wenig bis nichts. Stattdessen lieber freiwillige Hilfestellung bei Bewerbungen etc.
Schwups, hätte man doch schon ein bedingungsloses Grundenkommen, nämlich Hartz IV.
Aber: Dann könnte ja die echte Zahl der Arbeitslosen nicht mehr so wunderbar einfach verschleiert werden.

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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von chaosbraut78 » 17.05.2017 19:49

Rotorhead hat geschrieben:Ich bin ja dafür, diese unsinnigen und qualitativ unter aller Sau seienden zwangsweisen Fortbildungen für Hartz IV Bezieher ersatzlos zu streichen. Die kosten unglaublich viel Geld und bringen wenig bis nichts. Stattdessen lieber freiwillige Hilfestellung bei Bewerbungen etc.
Schwups, hätte man doch schon ein bedingungsloses Grundenkommen, nämlich Hartz IV.
Aber: Dann könnte ja die echte Zahl der Arbeitslosen nicht mehr so wunderbar einfach verschleiert werden.
Diese Maßnahmen sind in der Diskussion aber doch auch überhaupt nicht relevant...?
...Aber wisse, dass gerade jetzt und heutzutage diese Menschen mehr denn je davon überzeugt sind, vollkommen frei zu sein; und dabei haben sie selbst uns ihre Freiheit dargebracht und sie uns gehorsam zu Füßen gelegt. ...

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Beitrag von Rotorhead » 17.05.2017 20:06

chaosbraut78 hat geschrieben:
Rotorhead hat geschrieben:Ich bin ja dafür, diese unsinnigen und qualitativ unter aller Sau seienden zwangsweisen Fortbildungen für Hartz IV Bezieher ersatzlos zu streichen. Die kosten unglaublich viel Geld und bringen wenig bis nichts. Stattdessen lieber freiwillige Hilfestellung bei Bewerbungen etc.
Schwups, hätte man doch schon ein bedingungsloses Grundenkommen, nämlich Hartz IV.
Aber: Dann könnte ja die echte Zahl der Arbeitslosen nicht mehr so wunderbar einfach verschleiert werden.
Diese Maßnahmen sind in der Diskussion aber doch auch überhaupt nicht relevant...?

Für mich wäre ein Hartz IV ohne jegliche Zwangsmaßnahmen und Kürzungen bei nicht erfolgter Annahme eines Jobangebotes oder bei nicht ausreichender Anzahl von Bewerbungen ein bedingungsloses Grundenkommen. Oder sehe ich da was komplett falsch?

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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von Shadowrunner92 » 17.05.2017 20:25

Rotorhead hat geschrieben:
chaosbraut78 hat geschrieben:
Rotorhead hat geschrieben:Ich bin ja dafür, diese unsinnigen und qualitativ unter aller Sau seienden zwangsweisen Fortbildungen für Hartz IV Bezieher ersatzlos zu streichen. Die kosten unglaublich viel Geld und bringen wenig bis nichts. Stattdessen lieber freiwillige Hilfestellung bei Bewerbungen etc.
Schwups, hätte man doch schon ein bedingungsloses Grundenkommen, nämlich Hartz IV.
Aber: Dann könnte ja die echte Zahl der Arbeitslosen nicht mehr so wunderbar einfach verschleiert werden.
Diese Maßnahmen sind in der Diskussion aber doch auch überhaupt nicht relevant...?

Für mich wäre ein Hartz IV ohne jegliche Zwangsmaßnahmen und Kürzungen bei nicht erfolgter Annahme eines Jobangebotes oder bei nicht ausreichender Anzahl von Bewerbungen ein bedingungsloses Grundenkommen. Oder sehe ich da was komplett falsch?
Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre auch nicht an die Arbeitslosigkeit gebunden, sondern eben bedingungslos.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von Rotorhead » 17.05.2017 20:28

Shadowrunner92 hat geschrieben:
Rotorhead hat geschrieben:
chaosbraut78 hat geschrieben:
Rotorhead hat geschrieben:Ich bin ja dafür, diese unsinnigen und qualitativ unter aller Sau seienden zwangsweisen Fortbildungen für Hartz IV Bezieher ersatzlos zu streichen. Die kosten unglaublich viel Geld und bringen wenig bis nichts. Stattdessen lieber freiwillige Hilfestellung bei Bewerbungen etc.
Schwups, hätte man doch schon ein bedingungsloses Grundenkommen, nämlich Hartz IV.
Aber: Dann könnte ja die echte Zahl der Arbeitslosen nicht mehr so wunderbar einfach verschleiert werden.
Diese Maßnahmen sind in der Diskussion aber doch auch überhaupt nicht relevant...?

Für mich wäre ein Hartz IV ohne jegliche Zwangsmaßnahmen und Kürzungen bei nicht erfolgter Annahme eines Jobangebotes oder bei nicht ausreichender Anzahl von Bewerbungen ein bedingungsloses Grundenkommen. Oder sehe ich da was komplett falsch?
Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre auch nicht an die Arbeitslosigkeit gebunden, sondern eben bedingungslos.

Ah, achso. Das hatte ich gedanklich tatsächlich immer miteinander verknüpft. Ich dachte bisher, jemand der in Lohn und Brot stünde, wäre da raus.

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