Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (neu: "Test for Echo")

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costaweidner
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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von costaweidner » 10.10.2017 19:50

Thunderforce hat geschrieben:Resist noch.
Der. Als einziger IMO. Und den haben sie danach auch über 15 Jahre lang nicht getoppt. Aber ich will nicht vorgreifen. *g*
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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von KnitterRitter » 18.10.2017 13:12

Presto gehörte auch lange zu meinen liebsten Rush-Alben, aber auch wenn das natürlich immer noch ein tolles Album ist, sehe ich das mittlerweile ein klein wenig anders.

Zum einen finde ich, dass es recht inhomogen ist und z.B. mit dem eher banalen "Superconducter" oder dem für mich unfertig klingenden "Scars" (mehr einen Jamming Session als ein Song) schon auch ein paar schwächere Songs dabei hat. Mit Abstrichen kann man dazu auch noch "Hand Over Fist" und "Anagram" zählen, die schon gut sind, aber halt auch niemals erste Reihe.

Was den Rest angeht, der ist zwar sehr gut, ich habe aber das Gefühl, dass sich die Songs selbst etwas unter Wert verkaufen. Das hat zum einen und vor allem natürlich mit dem arg dünnen Sound zu tun - das Ziel, das Rush-Rock-Power-Trio wieder in den Vordergrund zu heben, wurde mit der Produktion finde ich völlig verfehlt. Vor allem der angestrebte Rock-Charakter der Songs leidet ziemlich darunter. Auf der anderen Seite sind es die sehr minimalistischen Arrangements, die natürlich die Band wieder auf das Wesentliche reduzieren, die aber meiner Ansicht nach den Songs nicht ganz gerecht werden. Das Songwriting ist im Kern noch recht stark an die vorherigen 80er-Bombast-Nummern angelehnt, und diese Songs verlangen einfach nach einem etwas größeren Arrangement. Deswegen schreibst du auch oft und völlig zurecht von irgendwelchen vermeintichen Zweite-Reihe-Songs, die man nicht auf dem Schirm hat, die aber trotzdem großartig sind.

Trotzdem, wie bereits geschrieben, ein tolles Album mit einem der besten Rush-Songs überhaupt (The Pass) und ein paar, die direkt dahinter stehen und ebenfalls völlig großartig sind.

Und das Review ist natürlich auch mal wieder sensationell.
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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von NegatroN » 19.10.2017 09:37

Mich stört der Sound vor allem dann, wenn man direkt davor eine andere Scheibe der Band gehört hat. Ich hab die einmal im Anschluss an Counterparts aufgelegt und hab es keine Minute ausgehalten, dann ist sie wieder rausgeflogen. Ohne den Kontext geht es aber.
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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von JAYMZZ » 19.10.2017 10:12

Presto ist an vielen Tagen mein absolutes Lieblingsalbum von Rush. Ich finde es gut, dass die Band nach dem Keyboard-Overkill von Windows und Fire wieder etwas basischer zu Werke gehen wollte und die traditionellen Instrumente wieder in den Vordergrund rückte.
Das Album lebt in erster Linie (wie eigentlich alle 80er Rush Scheiben) von den unfassbaren Melodien, die aufeinmal auf einen niederprasseln wie nur was. Alleine so Kleinigkeiten wie diese unglaubliche Keyboard Melodie im Opener (gegen Ende) lassen mich immer wieder ungläubig drein schauend in meinem Musikzimmer zurück.
Bis auf das irgendwie deplatziert wirkende "Superconducter" finde ich eigentlich jeden Song auf diesen Album Weltklasse. Auch das hier erwähnte "Hand over fist" ist für mich an Genialität nicht zu überbieten (wieviele Gottgesangsmelodien passen denn bitte in einen Song, ker??).
Die absoluten Highlights sind für mich The Pass (außerirdische Atmosphäre), War paint, Titelsong, Hand over fist und das schon fast einer Gotteserfahrung gleiche Available light.

Das einzige Manko dieses Wahnsinnswerks ist die schon erwähnte extrem dünne Produktion, die besonders auf einer richtig guten Anlage fast schon zum "no go" wird. Besonders wenn man vorher eine druckvollere Scheibe gehört hat wirkt Presto fast unerträglich in den Ohren. Aber ansonsten 10/10.
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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von Porcupine » 19.10.2017 12:31

Hand Over Fist ist ein gnadenloser Ohrwurm, der sich immer wieder festbeißt, wenn ich den Songtitel auch nur lese. Jetzt auch wieder. Gehört für mich klar zu den Highlights der Scheibe.
TMW316 hat geschrieben:Musik und Schlagzeug sind ja zwei verschiedene Dinge. Das eine hat verschiedene Töne c d e f g a h c und so, das andere macht bum burum bum klick bum zisch.

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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von Robbi » 19.10.2017 12:44

Absolut. Superconductor ist der einzige schwache Song. Ohne den wäre es eine 11/10 :-)
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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von VoiceOfTheSoul » 05.04.2018 21:04

*thread hochhol*

Hatte in den letzten Tagen bedingt durch Ferien und ungewohntes Strohwitwerdasein viel Zeit und habe mir nach längerer Zeit mal wieder die "Time Machine"- und "R40"-DVDs reingezogen. Tja, was soll ich sagen: Bisher war eigentlich neben "Rush in Rio" die "Clockwork Angels Tour" mein liebstes Livedokument der Band wegen der starken Gewichtung der 'Keyboard-Phase' und dem unfassbar tollen 'Clockwork Angels'-Set samt Streichersektion. Aber irgendwie sind durch den Rewatch jetzt auch "Time Machine" und "R40" für mich mit auf der selben Stufe. Jedes dieser Livedokumente hat andere Vorzüge. Bei "Time Machine" gibt es 'Moving Pictures' komplett, klar, aber ich werde in diesem Leben wohl nicht mehr der größte Fan von 'The Camera Eye' und 'Vital Signs'. Aber als weiteres Alleinstellungsmerkmal gibt es die wohl bescheuertsten Kurzfilme und den beklopptesten Humor sämtlicher Rush-Veröffentlichungen. Alleine die völlig kaputte Polkaversion von 'Closer To The Heart' im Abspann samt Geddys Textzeile als Würstchenverkäufer: "Schmeckt gut, jaah?" *LOL*... :prost: Und die schrägen Intros zu 'La Villa Strangiato' und 'Working Man' suchen auch ihresgleichen.
Und bei "R40" ist natürlich wie seinerzeit hier von mehreren angemerkt Geddys Gesang schon arg grenzwertig bzw. bereits jenseits der Grenze, aber das Gesamtkonzept der Zeitreise rückwärts samt wechselnder Beleuchtung und Bühnendeko ist wirklich absolut stimmig und genial umgesetzt. Und die Songauswahl, ey,... Alleine 'Losing It' ist schon den Kauf der DVD bzw. BluRay wert, da habe ich gestern vor dem Hintergrund dessen, was dieser Song auf dieser Tour der Band für eine Bedeutung hat bzw. hatte, erstmal ein paar Tränen verdrückt. :heul: Und im zweiten Teil dann der Prä-'Moving Pictures'-Overkill mit 'Natural Science', 'Jacob's Ladder', 'Cygnus X-1' oder 'Xanadu'. Das ist ganz groß, genau wie der Zugabenblock als "aufstrebende junge Band". Ich hätte mir statt 'What You're Doing' lieber den lässigen Gute-Laune-Rocker 'In The Mood' gewünscht, aber man kann ja nicht alles haben... :)

Insgesamt ist "R40" genau wie "Time Machine" und "Clockwork Angels Tour" auch ein würdiges Dokument der Spätphase einer der größten und besten Bands aller Zeiten. Man braucht ohne Wenn und Aber alle drei!
We are young
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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von TheRiverDragon » 05.04.2018 21:55

Ich finde, dass die "R30" und die "Snakes And Arrows Live" auf dem gleichen Niveau wie "Time Machine" und "Clockwork Angels Tour" sind. "R40" kann das Niveau nicht ganz halten, wegen Geddy Lees Gesang. Die "Rush In Rio" finde ich das schwächste Live-Dokument im Zeitraum nach der Bandpause Ende der 90er. Zum einen ist der Sound schlechter, zum anderen ist die Show und die Bühnenästhetik nicht auf dem Niveau der nachfolgenden Konzerte.

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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von Thunderforce » 06.04.2018 07:51

Rush in Rio ist aber die Live-DVD (nicht nur von Rush, sondern überhaupt) mit dem unfassbarsten Publikum und der großartigsten Live-Atmosphäre.
Zudem sind die deutlich härter und wuchtiger gespielten Songs IMO eine grandiose Ergänzung zu den Originalen.

Bei mir war Rush in Rio jedenfalls der Einstieg in das Schaffen der Band überhaupt.

Für am ehesten verzichtbar würde ich hingegen die "Snakes and Arrows Live" halten.

Liste!! *g* (nur Live-DVDs nach "A Show of Hands")

1. Rush in Rio
2. Time Machine
3. R30
4. Clockwork Angels Tour
5. R40
6. Snakes and Arrows Live

Wobei an 1-4 wirklich überhaupt GAR kein Weg vorbeiführt.
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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von costaweidner » 11.04.2018 08:55

Entgegen aller Erwartungen geht es hier heute tatsächlich weiter. *g*
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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von Thunderforce » 11.04.2018 09:19

Mind = blown.

:D
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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von costaweidner » 11.04.2018 09:31

Thunderforce hat geschrieben:Mind = blown.

:D
Mal was anderes:
Da wir uns ja innerhalb der nächsten zwei Jahre (*g*) doch in die Richtung bewegen: Besprechen wir dann eigentlich "Feedback"?
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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von Thunderforce » 11.04.2018 09:35

Ich glaube, da haben wir damals gesagt, das entscheiden wir dann, wenn es soweit ist *g*
Wann kam die nochmal, vor oder nach Vapor Trails? *lol*

Mir egal eigentlich. Ein Song für Song Review macht aber eher wenig Sinn oder?
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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von costaweidner » 11.04.2018 09:36

Thunderforce hat geschrieben:Ich glaube, da haben wir damals gesagt, das entscheiden wir dann, wenn es soweit ist *g*
Wann kam die nochmal, vor oder nach Vapor Trails? *lol*

Mir egal eigentlich. Ein Song für Song Review macht aber eher wenig Sinn oder?
Nach VT.
Ich hab aber eine Idee. *g*
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Re: Living on a lighted stage... - Rush für die Massen (aktuell "Presto")

Beitrag von costaweidner » 11.04.2018 11:59

ROLL THE BONES (1991)

1. Dreamline (4:37)
2. Bravado (4:36)
3. Roll the Bones (5:30)
4. Face Up (3:54)
5. Where's My Thing? (Part IV, "Gangster of Boats" Trilogy) (3:49)
6. The Big Wheel (5:13)
7. Heresy (5:25)
8. Ghost of a Chance (5:19)
9. Neurotica (4:40)
10. You Bet Your Life (5:01)

TOTAL PLAYING TIME: 47:59


Cover

Mit "Roll the Bones", ihrem 14. Studioalbum stiegen RUSH dann also schließlich in die 90er ein. Müsste ich stilistisch einen Schnitt ans Ende der 80er-Phase setzen, käme der allerdings nicht hier, sondern entweder vor "Presto", da man sich hier vom Synthie-Overkill verabschiedet hatte oder tatsächlich nach dem vorliegenden Album, da man IMO erst mit dem Nachfolger so richtig seinen Stil einem Update unterzog. Das führt uns auch schon zur ersten Krux dieses Albums: Man kann es kaum zur (für mich) alles überragenden 80er-Phase zählen, es gehört aber auch noch gar nicht zur härteren, erdigeren Ausrichtung, die ab "Counterparts" oder spätestens mit "Test for Echo" begann. Stattdessen passt "Roll the Bones" stilistisch am besten zu "Presto", kann jedoch mit diesem 10er-Album nicht mithalten. Aber ich greife vor.

Wie schon "Presto" wurde "Roll the Bones" von Rupert Hine produziert bevor für die beiden Nachfolger Peter Collins zurückkehrte. Der Sound ist in meinen Ohren (und das fiel mir vor allem bei den Durchläufen auf, die ich für dieses Review absolviert habe) ein ganz großes Plus für dieses Album. Das ist insofern spannend, weil "Roll the Bones" ja irgendwie zwischen den Phasen hängt, aber einen sehr klar definierten und, wie ich finde, extrem passenden Klang verpasst bekommen hat. Das ist umso interessanter, bedenkt man, dass die Band (und wie wir hier festellen durften auch einige Fans) mit dem Sound von "Presto" so ihre Schwierigkeiten hatten und haben.

Loben sollte man außerdem das Cover, mal wieder von Hugh Syme designt, das zumindest ich zu 100% beim Hören mit dem Album verbinde, das zudem völlig fantastisch aussieht und darüber hinaus den Albumtitel schön aufnimmt, da "bones" im Englischen auch ein Slangbegriff für Würfel sein kann. Textlich beschäftigte sich Neil Peart diesmal vor allem mit Zufall und der Idee, das eine Möglichkeit genauso gut sein kann wie jede andere auch. Zwei schöne Zitate von ihm dazu und zu den Texten auf "Roll the Bones": "[...] the essence of these songs is: if there's a chance, you might as well take it." "A random universe doesn't have to be futile; we can change the odds, load the dice, and roll again [...]". Kommen wir nach diesen einleitenden Worten des Großmeisters also zu den Songs.

Die Songs:

DREAMLINE
Der Opener macht direkt klar, wieso dieses Album irgendwie zwischen den Stühlen hängt. Bass- und Gesangslinie haben für mich einen leichten "Hold Your Fire"-Touch während vor allem Alex' Gitarre und die stilistische Ausrichtung klar an "Presto" angelehnt sind. Da ist einerseits dieses leichte, offene, melodisch-flotte Element, das an das '87er-Album gemahnt, gleichzeitig aber sind die Gitarren inzwischen ein gleichberechtigtes Instrument und man kann auch eindeutig von Rockmusik sprechen. Das liegt besonders auch am Sound. Geddys Bass ist sehr im Vordergrund und Neils Drums haben richtig Punch, dazu kommen ein klarer Gitarrensound und Keyboards, die gleichzeitig über und hinter dem Geschehen schweben. Großartig! 'Dreamline' ist auch direkt eins der unumstößlichen Highlights des Albums, es geht recht flott nach vorne, die Melodien sind mal wieder zum Anbeten und man hat trotz einzelner langsamer Passagen (Alex' Solo beispielsweise) eine richtige Aufbruchsstimmung als Hörer. Während "Power Windows" einen eher zu einer Aufführung willkommen hieß, wird man hier einfach mitgerissen und -genommen und ist dann eben für die Reise dabei. Das ist auch der Aspekt, der 'Dreamline' irgendwie näher and "Hold Your Fire" rückt als es das erste Hören vermuten lässt. Besonders herausheben muss man noch den Part (technisch gesehen vermutlich der Chorus) mit den Textzeilen "When we are young / Wandering the face of the earth / Wondering what our dreams might be worth /Learning that we're only immortal /For a limited time". Das ist nicht nur ein großartiges Stück Text, sondern vor allem ein totales Melodiefeuerwerk wie man es auch auf den 80er-Alben hätte hören können. Einstieg nach Maß.

BRAVADO
Das absolute Album-Highlight folgt für mich bereits hier. 'Bravado' ist für mich nicht nur einer der zehn besten RUSH-Songs, sondern in ihrer Diskographie auch sehr einzigartig. Es ist klar eines ihrer ruhigsten Stücke obwohl es nicht balladesk ist. Im Gegensatz zu anderen melancholisch angelegten Songs wie 'Available Light' fehlt 'Bravado' eigentlich auch ein energetischer Ausbruch, der Song fließt wie eine Linie, extrem homogen, Akzente werden fast ausschließlich durch Neils Drumming gesetzt, das voller Kabinettstückchen steckt. 'Bravado' ist auch beim 100. Hören noch komplett faszinierend, weil man stets die Möglichkeit hat, den Song nur als Gesamtwerk auf sich wirken zu lassen - oder eben auf die einzelnen Instrumente zu achten und völlig fasziniert zu sein, was in diesem vordergründig ruhigen, fließenden Song tatsächlich alles passiert. Tatsächlich finde ich den Song wahnsinnig bewegend und sehr viel emotionaler als es eine "gewöhnliche" Ballade hätte sein können. Der Song wirkt je nach Stimmung des Hörers entweder melancholisch jedoch aufbauend und hoffnungsvoll oder schlicht bestätigend. "If love remains - though everything is lost - we will pay the price, but we will not count the cost." Mehr geht nicht, mehr kann nicht.

ROLL THE BONES
Wo 'Bravado' durch seine ruhige Ausrichtung ein Superlativ im RUSH-Kosmos darstellt, so ist der Titelsong vermutlich der coolste Song der Band überhaupt und das dritte Highlight in Folge. RUSH spielen hier komplett lässig und locker auf, bieten Groove par excellence und haben dabei hörbaren Spaß. Die Keyboards werden eingesetzt um Akzente zu setzen während die Strophe vor allem durch Geddys fetzige, funkige Basslinie dominiert wird. Das ganze Gegroove steigert sich einen wundervoll entspannten Chorus, der schon beinahe lachhaft eingängig ist und das auf eine ganz andere Art als es die 80er-Alben waren - auch hier zeigt sich wieder die eigentümliche Ambivalenz dieses Albums. Um der Lässigkeit die Krone aufzusetzen gibt es einen Rap-Part von Neil, der komischerweise nicht im Geringsten aus dem Rahmen fällt, sondern komplett ins Bild passt und astrein in die poprockige Ausrichtung des Songs eingebunden ist. Würde das restliche Songmaterial das Niveau dieser ersten drei Songs halten, dann wäre "Roll the Bones" vermutlich in meiner Top 3 der Band.

FACE UP
Hier wird es nun erstmals etwas beliebig. Also natürlich immer noch im Bandkontext, somit ist auch 'Face Up' ein guter Song. Stilistisch schlägt er in eine ähnliche Kerbe wie der Opener, besonders was das Tempo angeht. Die "Hold Your Fire"-Anleihen fehlen hier jedoch, stattdessen orientiert man sich an den rockigeren Songs von "Presto", übertreibt es jedoch meiner Meinung nach ein wenig mit der positiven Stimmung. Während Intro und Strophe einfach nach eingängiger Rockmusik klingen und der ruhigere Part nach dem zweiten Refrain eine ganz andere Atmosphäre schafft, ist der Refrain einfach zu dick aufgetragen upbeat ausgefallen. Unterm Strich ein unterhaltsamer Song, aber vermutlich der verzichtbarste des Albums.

WHERE'S MY THING? (PART IV, "GANGSTER OF BOATS" TRILOGY)
Der Titel ist wenig überraschend Nonsens, dass die drei kanadischen Herren sich gerne mal so gar nicht ernst nehmen ist natürlich bekannt.
Ansonsten handelt es sich hier um das dritte RUSH-Instrumental nach 'La Villa Strangiato' und 'YYZ'. Da es zumindest mir immer Spaß macht guten Musikern beim guten Musizieren zuzuhören, mag ich den Song. Er ist toll durcharrangiert, hat eine nachvollziehbare Songstruktur und ist stilistisch wieder mal nahe bei "Presto". Für diesen Song erhielten RUSH zum zweiten Mal eine Grammy-Nominierung, konnten den Preis allerdings nicht für sich gewinnen. 'Where's My Thing?' ist für mich definitiv nicht das beste ihrer Instrumentals, das findet sich nämlich entweder auf "Moving Pictures" oder einem Album, das hier noch nicht vorkam. *g*

THE BIG WHEEL
'The Big Wheel' beginnt extrem 80er-mäßig (sprich: Synthie-Phase) und pendelt danach in Richtung lockerer Rock, der mich persönlich sehr an den Titelsong des Vorgängers erinnert, zumindest in der Strophe. Auch der Chorus drückt eine ähnliche Stimmung aus, ist allerdings sehr keyboard-lastig, besonders für dieses Album. Ich würde den Song klar zu den Highlights zählen, da er die beiden Welten, in deren Mitte "Roll the Bones" rumgondelt wunderbar gekonnt vereint - auf der einen Seite, die erdige aber dennoch beschwingte Strophe, auf der anderen Seite der Göttergaben-Chorus mit Keyboard-Untermalung. Alles wirkt komplett schlüssig und beim Zusammenspiel von Geddy und Neil fällt auch der tolle Sound einmal mehr auf. Insgesamt schrammt 'The Big Wheel' etwas am Niveau des Opening-Triples vorbei, ist aber dennoch einer der besten RUSH-Songs der 90er.

HERESY
Meiner Meinung nach ist 'Heresy' der einzige Song, der das übermenschliche Qualitätslevel der ersten drei Songs nochmal erreicht. Wo 'The Big Wheel' eigentlich schon alles richtig macht wenn es um stilistische Verknüpfungen angeht, macht 'Heresy' eben noch ein bisschen mehr richtig. *g* Textlich dreht sich der Song um den Fall des Kommunismus in Osteuropa und dessen Folgen sowie dem Wegfallen der konstanten Bedrohung des Kalten Krieges. Das inspirierte Neil zur völligen Meisterzeile "the counter-revolution at the counter of a store", die ich erwähnen musste, weil sie so super ist. *g*
'Heresy' beginnt ruhig, die erste Strophe ist sehr ruhig und getragen und steigert sich zur unfassbar sehnsuchtsbeladenen Passage, in der Geddy singt: "All those precious wasted years - who will pay?" Allein dieser Part würde reichen, um den Song auf's gleiche Podest zu stellen wie zum Beispiel 'Dreamline'. Spannend ist noch, wie sich in der zweiten Strophe im Vergleich das Drumming verändert. Die Strophe bleibt nämlich eher ruhig oder beruhigend, doch Neils Beat wirkt inzwischen sehr viel treibender und dazu inspirieren lassen hat er sich wohl in Togo als er dort beim Einschlafen Trommeln aus der Ferne vernahm. "I hear the drums echoing tonight." Gut, falsche Band aber richtiger Kontinent.

GHOST OF A CHANCE
Ich gehe mir ja eigentlich schon selbst damit auf die Nerven, dass ich andauernd auf "Presto" verweisen muss, aber 'Ghost of a Chance' macht recht eindeutig klar, wieso man es bei einem Review von "Roll the Bones" kaum anders machen kann. Das Stück könnte praktisch genau so auch auf dem Vorgänger zu finden sein, dummerweise lässt sich der Vergleich mit dem dortigen Songmaterial also ebenfalls nicht vermeiden. Und da drängt sich mir beinahe ein bisschen der Eindruck auf, es mit B-Ware des deutlich besseren Albums zu tun zu haben. Das ist eigentlich wahnsinnig schade, denn 'Ghost of a Chance' glänzt mit einigen wundervollen, melancholisch angehauchten Melodien und der wundervoll hoffnungsvollen Gesangslinie "I believe there's a ghost of a chance" sowie sehr schöner Lead-Arbeit von Alex - aber doch werde ich das Gefühl nicht los, das es dem Song (oder eben auch einem Song wie 'The Big Wheel' oder später 'You Bet Your Life' an irgendetwas fehlt. Auch wenn ich nicht ausdrücken könnte, was es genau ist. Ein weit, weit überdurchschnittlicher Rocksong ist das hier dennoch - aber eben kein perfekter.

NEUROTICA
Hier wird noch einmal auf interessante Art und Weise klar, wieso man "Roll the Bones" als Übergangsalbum ansehen kann. Vieles gemahnt (fast schon verdächtig) an die rockigeren Songs des 89er-Albums während man als jemand, der "Counterparts" bereits kennt auch Elemente dieses Albums hört, die die hier Band bereits vorwegnimmt. Besonders das Intro und die Gesangslinie der Strophe beinhalten Aspekte, die RUSH auf späteren Alben sehr viel mehr betonen würden, während der sehr eingängige Chorus klar in der Tradition der vorherigen Alben steht. Leider gehört 'Neurotica' zusammen mit 'Face Up' zu den uninteressanteren Liedern hier, daran ändert auch der Fakt nichts, dass der Refrain komischerweise mit jeder Wiederholung irgendwie mehr Spaß macht.

YOU BET YOUR LIFE
Der letzte Song beginnt sehr unbeschwert und extrem spielfreudig. Das Zusammenspiel der drei Ausnahmemusiker steht hier mehr im Vordergrund als ein bestimmter Teil des Stücks und es wird sehr, sehr klar, dass sich nun eine Bandphase manifestiert hatte, in der auch die Gitarre wieder mit Bass und Drums gleichberechtigt ist und die Keyboards maximal noch als Beiwerk dienen dürfen. Wie bereits oben angesprochen reiht sich der Rausschmeißer mit 'The Big Wheel' und 'Ghost of a Chance' als Songs ein, die eigentlich Highlights sind, es auf den 80er-Alben aber vermutlich nicht wären. Trotzdem macht der Song zumindest mir unheimlich Spaß, weil RUSH hörbar selbst mit Spaß bei der Sache sind. Merkwürdig finde ich persönlich nur die Wahl als letzten Song. Auf den meisten Vorgängern wirkte der letzte Song immer wie etwas Besonderes, ein Stück, das ausschließlich an dieser und keiner anderen Stelle des Albums stehen konnte. Diese besondere (wenn auch nicht immer gleiche) Stimmung transportiert 'You Bet Your Life' im Gegensatz zu Closern wie 'Vital Signs', 'Between the Wheels' oder 'Available Light' nicht.

FAZIT: Seit "Caress of Steel" hatte ich bei keinem der Reviews hier mehr ein solches Erlebnis wie jetzt bei diesem Album. Beide Alben habe ich vor dem Review in höherem Ansehen gehalten als danach. Bei "Caress of Steel" lag das daran, dass mir beim konzentrierten Schreiben über die Musik zunehmend auffiel, wie wenig einheitlich diese teils ausgefallen war. Bei "Roll the Bones" ist das Problem, dass ich das Album stets als großes Ganzes gehört habe und obwohl die Highlights klar verteilt waren, fielen die etwas beliebigeren Songs nicht so stark ins Gewicht wie nun bei einem Review Song für Song. Das ändert insgesamt nichts daran, wie gerne ich das Album mag, schwach ist hier nämlich noch gar nichts. Einen Aspekt möchte ich nach dem Review sogar im Besonderen positiver bewerten: "Roll the Bones" wirkt als hätten sich RUSH hiermit etwas vom detaillierten Arrangieren wegbewegt (so ausgefeilt die Songs immer noch sind) und klingen als hätten sie den Spaß am einfach mal Musikmachen wiederentdeckt. Daran, als Rockband drauf los zu spielen, auch wenn die fertigen Songs sicher nicht so entstanden sind. Letztlich steht "Roll the Bones" wohl qualitativ hinter allem seit "Moving Pictures", dennoch bleibt es ein tolles Album mit unverzichtbaren Songs und ohne Ausfälle, das vielleicht etwas im Schatten des stilistisch ähnlichen, aber besseren Vorgängers und des Stilwandels ab dem Nachfolger steht.

3 Tips zum Antesten:
Bravado Roll the Bones Heresy
Zuletzt geändert von costaweidner am 26.02.2019 17:20, insgesamt 2-mal geändert.
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