Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Das gute alte Dark Eye Inn - die Heimat der Stammposter
Benutzeravatar
puppetmaster
Beiträge: 812
Registriert: 10.07.2011 22:10

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von puppetmaster »

Und wieso sollte das so sein?
≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈
Stop breathing and dedicate to me
Stop dreaming and terminate for me
All meaning you dedicate to me
All feelings you terminate for me

≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈
Benutzeravatar
Rotstift
Beiträge: 10615
Registriert: 26.03.2004 00:21
Wohnort: Steinfeld

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von Rotstift »

puppetmaster hat geschrieben: 24.01.2021 21:44 Und wieso sollte das so sein?
Das klassische linke Argument wäre dass Gruppen sich ökonomisch orientieren. Daher das Missverständnis (mMn) das Trumps Anhänger sich abgehängt fühlten. Das tun sie mglw tatsächlich aber sie fühlen sich kulturell abgehängt. Make America great again bedeutet eben vor allem make America white again. Die Forderung nach Teilhabe durch Schwarze, LGBT oder Feminismus ist eine direkte Bedrohung des eigenen privilegierten Status. Aus gerechter Sprache wird Gendergaga, aus sexueller Toleranz eine vermeintlich Umerziehung zu einer homosexuellen Agenda.
Mille millions de mille sabords!

Music is no good if it can't be sung by the human voice in some way. (John Tavener)

Im übrigen bin ich der Meinung dass die AfD der politische Arm des Rechtsterrorismus ist.
Benutzeravatar
infected
Beiträge: 11003
Registriert: 26.03.2004 00:21
Wohnort: Sanctum Sanctorum

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von infected »

Rotstift hat geschrieben: 24.01.2021 22:00
puppetmaster hat geschrieben: 24.01.2021 21:44 Und wieso sollte das so sein?
Das klassische linke Argument wäre dass Gruppen sich ökonomisch orientieren. Daher das Missverständnis (mMn) das Trumps Anhänger sich abgehängt fühlten. Das tun sie mglw tatsächlich aber sie fühlen sich kulturell abgehängt. Make America great again bedeutet eben vor allem make America white again. Die Forderung nach Teilhabe durch Schwarze, LGBT oder Feminismus ist eine direkte Bedrohung des eigenen privilegierten Status. Aus gerechter Sprache wird Gendergaga, aus sexueller Toleranz eine vermeintlich Umerziehung zu einer homosexuellen Agenda.
Das ist vor allem ein ganz wichtiger Punkt. Die Auswirkungen davon bzw. die Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust merkt man ja bis in das letzte gammelige Comicforum, wenn sich Marvel wieder mal erdreistet einen weiteren schwarzen/schwulen Comichelden einzuführen, da ist dann direkt wieder ein Mob am geifern inklusive der üblichen "Kulturbolschewismus" Vorwürfe.
Zuletzt geändert von infected am 28.01.2021 21:34, insgesamt 1-mal geändert.
Nobody expects the Spanish Inquisition!



Fnord
Benutzeravatar
borsti
Beiträge: 3492
Registriert: 26.03.2004 00:21

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von borsti »

Rotstift hat geschrieben: 24.01.2021 22:00
puppetmaster hat geschrieben: 24.01.2021 21:44 Und wieso sollte das so sein?
Das klassische linke Argument wäre dass Gruppen sich ökonomisch orientieren. Daher das Missverständnis (mMn) das Trumps Anhänger sich abgehängt fühlten. Das tun sie mglw tatsächlich aber sie fühlen sich kulturell abgehängt. Make America great again bedeutet eben vor allem make America white again. Die Forderung nach Teilhabe durch Schwarze, LGBT oder Feminismus ist eine direkte Bedrohung des eigenen privilegierten Status. Aus gerechter Sprache wird Gendergaga, aus sexueller Toleranz eine vermeintlich Umerziehung zu einer homosexuellen Agenda.
Ich glaube, dass "sich kulturell angehängt fühlen" ist mittlerweile ein viel größerer Faktor als allgemein angenommen wird. Als Jemand, der den Großteil seines Lebens in der tiefsten Provinz gewohnt hat und mittlerweile seit einigen Jahren in der Großstadt wohnt, kann ich mir auch erklären, wie dieses Gefühl entsteht und wie es dazu führt Ressentiments zu verstärken oder überhaupt erst zu schüren.

Nach meiner Wahrnehmung geht ein immer größerer Teil des sogenannten öffentlichen Diskurses nämlich an vielen Menschen vorbei. Während es für mich zum Beispiel vollkommen normal ist, mit Kollegen aus über 30 Nationen zusammenzuarbeiten, hat das mit der Lebenswirklichkeit in der Provinz aus der ich komme, überhaupt nix zu tun. Viele Themen, die heutzutage Teil des für mich ganz öffentlichen Diskurses sind, wirken auf die Menschen da regelrecht befremdlich. Ich kann tatsächlich nachvollziehen, dass sich Leute angesichts dessen kulturell abgehängt fühlen. Sie nehmen bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen, die in der Großstadt längst sichtbar sind, in ihrem Alltag einfach gar nicht wahr, sehen sich medial aber dennoch ständig damit konfrontiert. Und da spreche ich nur von Deutschland und dem Unterschied zwischen Großstädten und den Gegenden, die außerhalb der Agglomerationsräume liegen. In den USA ist allein die räumliche Distanz zwischen den ländliche geprägten sogenannten Flyover-States und den Großstädten an den Küsten eine völlig andere.
Benutzeravatar
Apparition
Beiträge: 15378
Registriert: 26.03.2004 00:21
Wohnort: At the End of the Line

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von Apparition »

borsti hat geschrieben: 24.01.2021 23:26 Ich glaube, dass "sich kulturell angehängt fühlen" ist mittlerweile ein viel größerer Faktor als allgemein angenommen wird. Als Jemand, der den Großteil seines Lebens in der tiefsten Provinz gewohnt hat und mittlerweile seit einigen Jahren in der Großstadt wohnt, kann ich mir auch erklären, wie dieses Gefühl entsteht und wie es dazu führt Ressentiments zu verstärken oder überhaupt erst zu schüren.

Nach meiner Wahrnehmung geht ein immer größerer Teil des sogenannten öffentlichen Diskurses nämlich an vielen Menschen vorbei. Während es für mich zum Beispiel vollkommen normal ist, mit Kollegen aus über 30 Nationen zusammenzuarbeiten, hat das mit der Lebenswirklichkeit in der Provinz aus der ich komme, überhaupt nix zu tun. Viele Themen, die heutzutage Teil des für mich ganz öffentlichen Diskurses sind, wirken auf die Menschen da regelrecht befremdlich. Ich kann tatsächlich nachvollziehen, dass sich Leute angesichts dessen kulturell abgehängt fühlen. Sie nehmen bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen, die in der Großstadt längst sichtbar sind, in ihrem Alltag einfach gar nicht wahr, sehen sich medial aber dennoch ständig damit konfrontiert. Und da spreche ich nur von Deutschland und dem Unterschied zwischen Großstädten und den Gegenden, die außerhalb der Agglomerationsräume liegen. In den USA ist allein die räumliche Distanz zwischen den ländliche geprägten sogenannten Flyover-States und den Großstädten an den Küsten eine völlig andere.
Ich komme ja auch von ganz weit draußen und kann das ein Stück weit bestätigen. Ich denke auch, dass viele der Veränderungen in Sprache und Handeln (vulgo "political correctness"), die wir derzeit haben, aus einem studentisch-akademisch-großstädtischen Milieu kommen und da vorangetrieben werden. Bei den Menschen außerhalb dieses Kreises kommt dann nur das Ergebnis an, aber nicht die Diskussion. Ich befürchte eine immer weiter auseinandergehende Schere zwsichen Veränderungswunsch und Haltung und Erleben des "Mainstreams". Das heisst nicht, dass die antirassistischen, -sexistischen und -homophoben Entwicklungen falsch wären, aber die Herausforderung, sie zu kommunizieren, wird immer größer.

Ich würde noch die Generationenfrage anfügen. Alte Bäume verpflanzt man nicht so einfach.
Als Westernheld muss ich Ihnen sagen, hier ist man nicht ordinär, sondern in Lebensgefahr.
Benutzeravatar
NegatroN
Stammposter
Stammposter
Beiträge: 23154
Registriert: 26.03.2004 00:21
Wohnort: Schräg dahoam
Kontaktdaten:

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von NegatroN »

Rotstift hat geschrieben: 24.01.2021 22:00Das klassische linke Argument wäre dass Gruppen sich ökonomisch orientieren. Daher das Missverständnis (mMn) das Trumps Anhänger sich abgehängt fühlten. Das tun sie mglw tatsächlich aber sie fühlen sich kulturell abgehängt. Make America great again bedeutet eben vor allem make America white again. Die Forderung nach Teilhabe durch Schwarze, LGBT oder Feminismus ist eine direkte Bedrohung des eigenen privilegierten Status. Aus gerechter Sprache wird Gendergaga, aus sexueller Toleranz eine vermeintlich Umerziehung zu einer homosexuellen Agenda.
Das ist aber nur ein Teil daran und zwar der, der eigentlich unproblematisch ist. Der problematische Teil ist, dass ein gar nicht mal so kleiner, vor allem aber ziemlich lauter Teil der Linken inzwischen quasi jedes gesellschaftliche Problem über Gruppenidentität und die Ungleichheit von Privilegien zu erklären und zu adressieren versucht und alles darauf reduziert. Kombiniert mit einer enormen Empörungs- und Shitstormdynamik gegenüber jedem, der da nicht mitgeht. Dessen Verhalten ist dann nur Beweis dafür, dass er selber Teil des Problems ist. Das ist der Teil, an dem es kontraproduktiv wird.
And we are bored of the fireworks
We want to see the fire
We're long past being careful
Of what we wish for

https://www.negatron.de
https://cloud.collectorz.com/negatron/music
Benutzeravatar
puppetmaster
Beiträge: 812
Registriert: 10.07.2011 22:10

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von puppetmaster »

Wow. Damit scherst Du einerseits ziemlich viele Menschen über einen Kamm, und bedienst Dich dann noch der Mär der Cancel Culture. Verkürzt: die meisten Linken machen Shitstorm, wenn ihnen was nicht passt.
Schon interessant, wenn man sich die letzten Jahre in den Kommentarspalten mal umgeschaut hat. Noch interessanter, wenn man die Schuld für Trump und Capitol, sowie den damit verbundenen Rassismus und Faschksmus, irgendwie den Linken in die Schuld schieben möchte, statt eventuell die eigene Position der angeblichen Mitte zu hinterfragen und festzustellen: „ja, wir sind im Umgang damit gescheitert.“
≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈
Stop breathing and dedicate to me
Stop dreaming and terminate for me
All meaning you dedicate to me
All feelings you terminate for me

≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈
Benutzeravatar
Alphex
Beiträge: 3815
Registriert: 28.08.2012 16:34

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von Alphex »

1. Ich habe vor kurzem eine Doku über das Wien der 90er Jahre gesehen (für Locals: Spira), bei der halt auch "einfache" Menschen in weniger geilen Gegenden interviewt wurden. Ganz ehrlich: Ich vermute, dass das, was wir als "die Öffentlichkeit" und "die Gesellschaft" wahrgenommen haben, war auch nicht weniger frustriert und darbend, als das, was jetzt aktuell seinem Frust freien Lauf lässt.

Allein: Es fehlen die Gatekeeper. Schmuddelblatt Bildzeitung hatte früher zwar gerne mal strittige Themen, und ein im Bierzelt beheimateter CSU-Politiker graste im entsprechenden Fahrwasser, aber es ist jetzt nicht so, als wäre das durch die Tagesschau gegangen. Davon wurde sich distanziert, und 2. die Leute waren auch versprengten vereinzelt in ihren Stammkneipen, nicht zentral organisiert über das Internet.

3. Die Unterschiede steigen krass an. Sowohl die zwischen modern und traditionell als auch die zwischen Stadt und Land als auch die zwischen Modernisierungsgewinnern und -verlierern. Es mag eine rechte Mär sein, dass "die Globalisten" sich frei auf der Welt bewegen können - dass viele Provinzeier gar nicht die Möglichkeit haben, ihr Nest zu verlassen, und sollten sie es tun, sich in einer Großstadt wie Berlin völlig verloren fühlen kulturell, ist aber keine Mär. Scheitern ist lokal, Gewinnen global. Und:

4. Thema "kulturell abgehängt": Diese Leute werden dafür verlacht und verachtet, und das oft vor allem von denen, die sonst als Anwält/innen der entrechteten auftreten. Das unterscheidet sie von anderen Verlierern der Lage, die gewissermaßen aktuell "entdeckt" wurden (war ja auch jahrzehntelang unklar, dass Migrant/innen in Deutschland eventuell nicht die fairste Behandlung erfahren). Du hast Plakate, die mit "Zukunft ist weiblich" oder "Für Diversität" werben, aber der Bauerntrottel ist halt nur bei der AfD Thema. Und das auch nur rhetorisch, denn freilich verachtet diese Partei de facto "nichtarbeitende Parasiten" (deren Rhetorik, nicht meine) in ihrem Sozialdarwinismus bis aufs Blut. Beide wollen letztlich nur gerechtfertigt sehen, dass die Ärmsten arm sind, und der eigene Reichtum seine Richtigkeit hat. Es bleibt der Bedarf einer Pariah-Gruppe.

5. Das Ausmaß des Elends im hiesigen (!) darbenden Milieu hat auch schlicht zugenommen. Es heißt immer, der Wohlstand steige global - und das tut er auch. Die Ärmsten in Afrika sind weniger arm, und die reichsten im Westen sind reicher. Die Billiglöhner aus Rumänien haben durch EU-Zugang heute ebenfalls bessere Karten. Alleine: Die Billiglöhner aus Hof Saale konkurrieren nun mit den rumänischen Billiglöhnern. Ohnehin - die Welt dreht sich immer schneller. Was machst du nicht nur mit der Oma, die nicht mal weiß wie man den PC einschaltet, sondern auch mit dem Typen, der nicht mal einen Hauptschulabschluss hat? Die zerreiben sich gegenseitig um einen immer noch kleiner werdenden, ohnehin von Anfang an kleinen Fresstopf.

6. Thema "die Leute von Fox-News leben in ihrer eigenen Welt": Das tun ganz ehrlich die Berliner auch. Sie können es sich halt leisten, aber universell verständlichen "Dialog" bietet das Setting auch nicht mehr an als es ein in den Alpen gelegener Kurort tut. Social Media mag die Leute hier weiter verblödet haben - generell ist es aber eher nicht typisch, dass Menschen die Konfrontation mit abweichenden Argumenten suchen würden. Der Abfall des Journalismus, bedingt durch die Konkurenz im Internet, und der Reaktion, schlichte Meinungspieces noch und nöcher zu liefern, hilft eher nicht. Ein Hanswurst wie Ken Jebsen durfte Jahrelang seine Scheiße mit "das habt ihr noch nie gehört, was?" vergolden, da die Leute nur gelernt hatten, DASS etwas Blödsinn ist - nicht jedoch, WARUM. Ein unmündiger Souverän ist in Demokratien aber keine Option.

Und wenn mir jetzt jemand hier mit "alphex sagt linke berliner sind schuld, oder verarmte rumänen, oder das nazis arm sind weil niemand sie beachtet" ankommt, dann rappelt es. Mir geht es um Ursachen. Wenn ich sagen kann, "der verarmte Migrant hat die Wahl zwischen dealen und verhungern, da er nicht drei Monate auf den Amtsbescheid warten kann - also wird er dealen, das ist halt so", dann kann ich auch sagen, dass in dem Fall die Leute nicht aus angeborenem Bösssinn tun was sie tun, sondern das schon auch Gründe hat, die weniger bequem sind. Beziehungsweise: System hat. Punkte 3 - 5 sind schlicht klassische linke Punkte, die man nicht aus lauter Liberalogscheitheit den Rechten überlassen sollte. Der bildungsferne Typ vom Dorf, der in der Fabrik dumme Arbeit macht, ist halt trotzdem entrechteter Arbeiter. Auf den mag man privat keinen Bock haben, aber politisch hat der quantitativ halt einfach trotzdem Gewicht. Das kann man anerkennen, und versuchen an den ranzukommen. Oder auch nicht. Dann aber bitte mit einer Begründung, die über "lol trottel selber schuld" rausgeht.
Zuletzt geändert von Alphex am 25.01.2021 10:03, insgesamt 4-mal geändert.
"Wenn man in der Metalszene unterwegs ist, dann bekommt man quasi NIE politische Statements zu hören. Auch deswegen liebe ich diese Szene so. Politik ist dort nunmal kein Thema. Fast schon ein Tabuthema."
Fraoch
Beiträge: 460
Registriert: 14.08.2020 21:10

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von Fraoch »

Weil ichs gerade an anderer Stelle hier im Forum eingestellt hatte und es passt ein Lektürehinweis:
* Volker Weiß - Die autoritäre Revolte
* Martin Langebach, Andreas Speit - Europas radikale Rechte
Ergänzend, hier anders als Nebenan:
* Paul Bey, Benno Nothardt: Kämpfe um Meinungsfreiheit und Medien.
Aha!
Lobi
Beiträge: 1117
Registriert: 12.02.2009 12:31
Wohnort: Almanien

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von Lobi »

Apex-Alfred hat zur Abwechslung mal nicht Unrecht, indem er prinzipiell auf die Grundlagen hinweist. Das sollte man öfter tun, wenn andere sich über Zustände beklagen.
Schnabelrock hat geschrieben: 05.02.2021 22:11 Deine Beiträge hier sind dominiert von Hass auf alles und jeden und Minderwertigkeitskomplexen, die gute Gründe haben werden. Also steck dir deine Gutmenschensozialblödsinnheuchelei und das verquaste, geschwollene Gefasel in den Arsch.
Lobi
Beiträge: 1117
Registriert: 12.02.2009 12:31
Wohnort: Almanien

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von Lobi »

Alphex hat geschrieben: 25.01.2021 09:27 Punkte 3 - 5 sind schlicht klassische linke Punkte, die man nicht aus lauter Liberalogscheitheit den Rechten überlassen sollte. Der bildungsferne Typ vom Dorf, der in der Fabrik dumme Arbeit macht, ist halt trotzdem entrechteter Arbeiter. Auf den mag man privat keinen Bock haben, aber politisch hat der quantitativ halt einfach trotzdem Gewicht. Das kann man anerkennen, und versuchen an den ranzukommen.
Passiert auch an den entsprechenden Stellen, wenn man mal bspw. in Ostdeutschland die politische Arbeit der Linken (Partei) anschaut. Vermessen - nicht explizit hier - sondern i.A. ist es, linke Aktivitäten auf irgendwelche im Kontext betrachteten sozialmedialen Phänomene zu reduzieren; und letzteres geschieht ziemlich prominent, wie wir auch hier (meint jetzt: in diesem Faden) sehen können.

Als Ergänzung zur obigen Aufzählung ein weiterer Punkt, der bei so Grundlagengeschichten immer gerne bisschen ignoriert wird, gerade weil er vor allem liberal bis rechte Erzählungen und Zweckmäßigkeiten anboxt: das tatsächliche Rechtsextremismuspotential in der Bevölkerung (s. Langzeitstudien bspw. aus Leipzig). Manche Menschen wollen einfach so sein. Egal, ob abgehängt oder so oder doch privilegiert. Und das dürften gar nicht so wenig sein.
Schnabelrock hat geschrieben: 05.02.2021 22:11 Deine Beiträge hier sind dominiert von Hass auf alles und jeden und Minderwertigkeitskomplexen, die gute Gründe haben werden. Also steck dir deine Gutmenschensozialblödsinnheuchelei und das verquaste, geschwollene Gefasel in den Arsch.
Benutzeravatar
Alphex
Beiträge: 3815
Registriert: 28.08.2012 16:34

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von Alphex »

Lieber Lumpi-Lobi,
Lobi hat geschrieben: 25.01.2021 10:06Passiert auch an den entsprechenden Stellen, wenn man mal bspw. in Ostdeutschland die politische Arbeit der Linken (Partei) anschaut. Vermessen - nicht explizit hier - sondern i.A. ist es, linke Aktivitäten auf irgendwelche im Kontext betrachteten sozialmedialen Phänomene zu reduzieren; und letzteres geschieht ziemlich prominent, wie wir auch hier (meint jetzt: in diesem Faden) sehen können.
du weißt genau so gut wie ich, dass der Linkspartei - vor allem deren Ostausläufern - gerne mal "Querfront", ob nun in Gestalt von Wagenknecht oder mit lokaler Rhetorik, unterstellt wird. Also wird auch da draufgekloppt. Zu "Social Media vs. lokale Praxis": Dass "die Linken als solche" nicht geschlossen falsch agieren, ist klar, aber gerade prominente bürgerlich-liberale Sprechorgane, die sich aber noch irgendwie als links sehen, reklamieren da gerne mal Deutungshoheit. Und die hocken in Talkshows. Ob das jetzt Grünen-Politiker/innen sind, oder der Spiegel - die haben mehr Reichweite und bestimmen den Diskurs mehr, als es die Linkspartei Ost tut.

Und, leider wichtig: Die dümmsten Aktionen werden in rechten Netzwerken gescreenshottet und als "DAS WOLLEN ALLE LINKEN TUN" verkauft. Man muss bei Blödsinn auch das Propaganda-Potential für die Gegenseite bedenken, denn das potenziert die Reichweite davon noch mal mehr.


Zu deinem Zusatzpunkt noch etwas: Ich erinnere nochmals daran, welche Positionen Roland Koch, die CDU (nicht CSU, also nicht nur "Strauss halt"!) bis zum Jahr 1999 noch hatten, Thema "wo kann ich hier gegen ausländer unterschreiben". Schill war ja noch später. Das ist nicht neu, und siehe mein erster Punkt, das war vermutlich auch nie ganz anders. Die Frage ist nur - wie gehst du damit um, und was machst du, wenn manche nicht weitergehen, die Welt aber immer schneller wird?

Subjektiv gesprochen gebietet es schon die Vernunft, sich seinerseits nichts zuschulden zukommen zu lassen. Heißt: Auch, wenn der Typ dann vielleicht trotzdem Nazi wird, sollte man nicht direkt mit "lol du bist dumm mit dir mag ich nix zu tun haben" kommen, sondern versuchen, es den Leuten zu erklären. Diese Form von "Dialog" sieht vor, dass der mir auch sagen kann "du, das sagst du so, aber in der praxis läuft das bei mir so ab", und ich dann nicht sage "du laberst", sondern das auch annehme. Aber dass ich ihm halt auch seine Denkfehler erkläre. Aber die Demut, nicht der Experte für andere Lebensrealitäten zu sein, muss ich haben. Ansonsten hört der mir eh nicht zu. Und das zurecht.
"Wenn man in der Metalszene unterwegs ist, dann bekommt man quasi NIE politische Statements zu hören. Auch deswegen liebe ich diese Szene so. Politik ist dort nunmal kein Thema. Fast schon ein Tabuthema."
Benutzeravatar
crazy_monkey
Beiträge: 159
Registriert: 20.08.2020 16:30

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von crazy_monkey »

Dieses ganze Aufhebens machen um eine vermeintliche oder tatsächliche Identitätspolitik, welche angeblich Gewinner und Verlierer produziert, diese Identifikation von Identitätspolitik vor allem auch mit linken Milieus geht meiner Meinung nach an der Sache ein wenig vorbei - und zwar deshalb, weil, so wie ich das mitbekomme, in genuin linken Kreisen sehr wohl Marx und Postmarx, Klassenpolitik und der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und entfremdete Arbeits- und Gesellschaftsverhältnisse nach wie vor Vorrang zukommt. Natürlich sind Antirassismus, feministische Agenden, Kämpfe um Anerkennung kultureller Besonderheiten auch von Relevanz, aber es ist kein Entweder-oder, es ist auch kein Sowohl-als-auch, die materialistische Grundierung ist meines Dafürhaltens nach wie vor gegeben. Warum diese materialistische linke Politik nicht mehr in dem Maße reüssieren kann, ist wieder eine andere Frage, die wohl genauso viel mit der Anziehungskraft von simplifizierenden rechten Populismen wie mit der Kongruenz und Durchsetzung von wirtschafts- und gesellschaftsliberalen Narrativen, mit der Diskreditierung von utopischen Idealen und einem allgemeinen Verfall der Kritik in der öffentlichen Meinung zu tun hat. Und mit dem Wohlstandsversprechen der kapitalistischen Produktionsweise.

Jedenfalls glaube ich, dass dieses ganze Gewese um angeblich linke Identitätspolitik viel zu aufgeblasen ist, es ist vielleicht tatsächlich ein Problem in kleinen linksliberal-akademischen Kreisen, jedoch sicher keines der Linken an sich, was nicht heißt, dass sie diesem Gespenst, dieser Chimäre nicht auf den Leim geht und das Schwinden der eigenen Bedeutung diesem Phänomen in die Schuhe schiebt, anstatt die eigenen Taktiken, Strategien und theoretischen Gerüste weiter zu hinterfragen.
Lobi
Beiträge: 1117
Registriert: 12.02.2009 12:31
Wohnort: Almanien

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von Lobi »

Alphex hat geschrieben: 25.01.2021 10:18 Lieber Lumpi-Lobi,
Lobi hat geschrieben: 25.01.2021 10:06Passiert auch an den entsprechenden Stellen, wenn man mal bspw. in Ostdeutschland die politische Arbeit der Linken (Partei) anschaut. Vermessen - nicht explizit hier - sondern i.A. ist es, linke Aktivitäten auf irgendwelche im Kontext betrachteten sozialmedialen Phänomene zu reduzieren; und letzteres geschieht ziemlich prominent, wie wir auch hier (meint jetzt: in diesem Faden) sehen können.
du weißt genau so gut wie ich, dass der Linkspartei - vor allem deren Ostausläufern - gerne mal "Querfront", ob nun in Gestalt von Wagenknecht oder mit lokaler Rhetorik, unterstellt wird. Also wird auch da draufgekloppt. Zu "Social Media vs. lokale Praxis": Dass "die Linken als solche" nicht geschlossen falsch agieren, ist klar, aber gerade prominente bürgerlich-liberale Sprechorgane, die sich aber noch irgendwie als links sehen, reklamieren da gerne mal Deutungshoheit. Und die hocken in Talkshows. Ob das jetzt Grünen-Politiker/innen sind, oder der Spiegel - die haben mehr Reichweite und bestimmen den Diskurs mehr, als es die Linkspartei Ost tut.

Und, leider wichtig: Die dümmsten Aktionen werden in rechten Netzwerken gescreenshottet und als "DAS WOLLEN ALLE LINKEN TUN" verkauft. Man muss bei Blödsinn auch das Propaganda-Potential für die Gegenseite bedenken, denn das potenziert die Reichweite davon noch mal mehr.


Zu deinem Zusatzpunkt noch etwas: Ich erinnere nochmals daran, welche Positionen Roland Koch, die CDU (nicht CSU, also nicht nur "Strauss halt"!) bis zum Jahr 1999 noch hatten, Thema "wo kann ich hier gegen ausländer unterschreiben". Schill war ja noch später. Das ist nicht neu, und siehe mein erster Punkt, das war vermutlich auch nie ganz anders. Die Frage ist nur - wie gehst du damit um, und was machst du, wenn manche nicht weitergehen, die Welt aber immer schneller wird?
Ich suche ein bisschen den Widerspruch; die kontextuellen Ergänzungen sind aber sicher richtig. Dass man aus nicht-rechten Blasen auf diese rechten Mechanismen gerne entgegen den eigenen Plakatwerten anspringt, mag ich hier dennoch nicht unerwähnt lassen. Damit wäre der Kreis zum Anstoss des heutigen Wiegenspiels wieder geschlossen und ich verweise einfach mal zur Weiterführung auf Schluchtis Beitrag weiter oben.
Alphex hat geschrieben: 25.01.2021 10:18 Subjektiv gesprochen gebietet es schon die Vernunft, sich seinerseits nichts zuschulden zukommen zu lassen. Heißt: Auch, wenn der Typ dann vielleicht trotzdem Nazi wird, sollte man nicht direkt mit "lol du bist dumm mit dir mag ich nix zu tun haben" kommen, sondern versuchen, es den Leuten zu erklären. Diese Form von "Dialog" sieht vor, dass der mir auch sagen kann "du, das sagst du so, aber in der praxis läuft das bei mir so ab", und ich dann nicht sage "du laberst", sondern das auch annehme. Aber dass ich ihm halt auch seine Denkfehler erkläre. Aber die Demut, nicht der Experte für andere Lebensrealitäten zu sein, muss ich haben. Ansonsten hört der mir eh nicht zu. Und das zurecht.
Sicher sollte man jenen, die von sich selbst den Dialog suchen, den nicht verwehren; meinetwegen auch als ausgesprochenes Angebot. Ob diejenigen den halt wollen, ist wieder eine andere Frage, die ziemlich zentral gestellt werden sollte. Denn zwingt man ihnen auch im besten Willen diesen Dialog auf, dann hat man das übliche Dilemma, das diese ganze Sache durchzieht und das von allerlei Akteuren exploitiert wird. Man muss also - und das ist längst überfällig - sich die Frage stellen, an welchen Stellen man die Schrauben anziehen sollte, statt weiter auf liberale Wattebällchen gegen Faschismus zu setzen. Ausschluss ist halt auch ein sozialer Mechanismus, den man bei weitem präziser einsetzen kann, als liberale Demoagogie und Verharmlosung und sowieso diese Spaltungsrhetorik mit all ihren Zwecken uns weismachen wollen.
Schnabelrock hat geschrieben: 05.02.2021 22:11 Deine Beiträge hier sind dominiert von Hass auf alles und jeden und Minderwertigkeitskomplexen, die gute Gründe haben werden. Also steck dir deine Gutmenschensozialblödsinnheuchelei und das verquaste, geschwollene Gefasel in den Arsch.
Fraoch
Beiträge: 460
Registriert: 14.08.2020 21:10

Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 3

Beitrag von Fraoch »

Alphex hat geschrieben: 25.01.2021 10:18 Auch, wenn der Typ dann vielleicht trotzdem Nazi wird, sollte man nicht direkt mit "lol du bist dumm mit dir mag ich nix zu tun haben" kommen, sondern versuchen, es den Leuten zu erklären. Diese Form von "Dialog" sieht vor, dass der mir auch sagen kann "du, das sagst du so, aber in der praxis läuft das bei mir so ab", und ich dann nicht sage "du laberst", sondern das auch annehme. Aber dass ich ihm halt auch seine Denkfehler erkläre. Aber die Demut, nicht der Experte für andere Lebensrealitäten zu sein, muss ich haben. Ansonsten hört der mir eh nicht zu. Und das zurecht.
Der private Austausch ist aber nicht der öffentliche Diskurs und ein solcher privater Austausch findet auch nicht in irgendwelchen Kommentarspalten statt. Wo und wie solche Debatten stattfinden können ist eines der wirklich bedeutenden Themen der Gegenwart und Zukunft. Wenn wir davon sprechen, dass auch sich abgehängt wähnende/fühlende Bürger:innen mitgenommen oder auch abgeholt werden sollen, muss zuvorderst das wie angemessene Wege und Rahmen finden. Im Web2.0 hat es bisher nicht funktioniert und wird voraussichtlich nicht funktionieren. Das Aufweichen der demokratischen Grenzen in Politik und Presse zugunsten der Mitnahme von Populisten und ihren Wählern ist, war und bedingte auch alles mögliche, nur kein Erfolg der Demokratie.
Aha!
Antworten