Der schöne Tod

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Jutting
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Der schöne Tod

Beitrag von Jutting » 03.12.2018 15:47

Da die Anteilnahme doch größer ist als ich mir erhofft hatte, möchte ich euch auch gerne etwas wiedergeben, in Form meiner Erlebnisse.

Fragt man die Menschen nach dem eigenen Tod, kommt immer die gleiche Antwort. - Einschlafen und nicht mehr Aufwachen- So harmlos und schmerzbefreit das auch klingen mag, liegt es doch selten in unserer Hand. Ein Hospiz mal außen vor gelassen, begegnet mir das absehbare Ende Tag für Tag in meiner Ausbildung zur Altenpflege Fachkraft. Zum System vorweg: innerhalb dieser drei Jahre, muss man als Schüler zwei Ausseneinsätze absolvieren. Ist man stationär untergebracht geht's für sechs Wochen in den ambulanten Dienst und umgekehrt. Der zweite Einsatz ist frei wählbar, muss aber zur Thematik der Pflege passen.

Warum nun also freiwillig ins Hospiz? Und ja, bis auf wenige Ausnahmen hat mich das quasi jeder ungläubig gefragt. Die Antwort ist so simpel wie traurig. Meine Ausbildung begann im August 2017. Nach zwei Wochen hatte ich bereits die erste Bewohnerin, bei der die finale Lebensphase bevorstand. Nun sollte man meinen, dafür sei Personal vor Ort. Pustekuchen. Die Dame hatte keine Familie und die Kollegen eher Zeit am Handy zu tippen, als sich zu ihr zu setzten. Ohne sie zu kennen, habe ich aber eben das gemacht. Vielleicht auch um mir selbst im Spiegel in die Augen schauen zu können.

Sie starb wie sollte es anders sein allein. Und ja immerhin arbeite ich in einer Einrichtung, in der verstorbene noch vernünftig hergerichtet werden. Decke über den Kopf und auf den Bestatter warten, gibt es leider auch. Fakt ist und war, das MUSS besser gehen. Somit steht für mich relativ früh fest, dass ich dort und wohl auch nur dort lernen kann, dass es auch anders geht. Eins noch vorweg. Liest man sich Berichte über Hospize durch, oder schaut reportagen, wird meist ein falsches Bild vermittelt. Gesprochen wird dort mit Leuten die am Ende ihres Lebens stehen und rekapitulieren. Das sind große Ausnahmen. Sagt man, dass sie zum Sterben in die Einrichtung kommen, ist das faktisch auch so. Fast alle sind nach 2-7 Tagen verstorben und meist schon bei der Ankunft nicht mehr ansprechbar.

Der erste Tag:

Ich fahre, man mag es kaum glauben mit richtig guter Laune zum Dienst. Unwissend, dass diese bereits wenige Minuten nach meiner Ankunft komplett verflogen sein wird. Hatten doch alle die bereits im Vorfeld mit der Einrichtung im Kontakt waren, nur positives zu berichten. Dienstbeginn um 8:00 Uhr. Dazu sei gesagt, dass ich vieles durchwinke, aber keine Unpünktlichkeit. Ich erscheine um 7:30 Uhr und erhalte direkt von der Leitung einen Einlauf, was ich denn so früh dort zu suchen hätte? Wo sei meine Arbeitskleidung? Zeit sei jetzt keine, ich soll im Aufenthaltsraum warten, bis man vielleicht für mich Zeit hat.

Da sitze ich also und denke bereits nach zehn Minuten, dass ich gleich wieder im Auto sitze und gucken muss, ob der Einsatz im ambulanten Dienst vorgezogen werden kann. Kein guter Start. Immerhin vergisst man mich nicht und auch die Chefin scheint sich etwas beruhigt zu haben. Dennoch verläuft der erste Tag sehr holprig. So stehe ich um kurz nach 8:00 mit ihr vor einem großen Schrank mit Dienstkleidung in Hülle und Fülle. Wozu dann der Aufriss, wenn alles gestellt und vorgeschrieben ist :ka: Ohne das ich es möchte, gerate ich an diesem Tag mehrfach mit ihr aneinander.

Ich werde einer Kollegin zugeteilt und versuche mich so gut es geht einzubringen. So dümpelt der Tag vor sich hin, Menschen liegen im Sterben und ich habe zum Abschluss ein Gespräch mit meiner Anleitung - für Außenstehende, eine Fachkraft, die einen im Idealfall mit an die Hand nimmt, erklärt, zeigt etc -, was ich vom Einsatz erwarte. Was ich lernen möchte usw. Da ich seit 1,5 Jahren alleine durch die mir zu geteilten Wohnebenen laufe und keinerlei Anleitung habe oder Feedback erhalte, lautet meine Antwort quasi alles.

Durch das Gespräch, gewinne ich zumindest das Gefühl ein Stück weit ernst genommen zu werden. Ob ich morgen wieder komme, weiß ich aber noch nicht zu 100%, als man mich in den Feierabend schickt.
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Jutting
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Re: Der schöne Tod

Beitrag von Jutting » 03.12.2018 16:33

Der zweite Tag:

Ich fahre mit Bauchschmerzen zur Arbeit, möchte aber zumindest noch einen Tag versuchen. Soviel sei vorweg gesagt, bis das ungute Gefühl vollends verflogen ist, wird eine Woche vergehen. Ich lerne die Gäste kennen. Mit dem Wort Gast, habe ich am Anfang so meine Probleme. Schaut man sich aber an, wie schnell es bei einigen geht, sind sie tatsächlich nur Gast in diesem Haus.

Die Einrichtung verfügt über zehn Zimmer. Als ich anfange, gibt es vier Gäste die schon etwas länger dort sind und noch teilweise kommunizieren können. Die Ausnahmen.

Da wäre zum einen Herr R. Bauchspeicheldrüsen Karzinom und ehemaliger Sporttrainer. Aber nicht irgendeiner. Der gute Mann hat im Bereich der Leichtathletik, zahlreiche Landesmeister sowie einige deutsche Meister zum Titel gebracht. Und sie kommen in Scharen aus ganz Deutschland. Quasi täglich hat Herr R. Besuch von Sportlern, die ihm Respekt erweisen.

Herr B. Gerade mal 53 Jahre alt. Sieht aber aus wie Ende 30. Hirntumor, raucht gerne mal eine, abgemagert aber trotzdem mit großer Freude beim Essen dabei. Er legt großen Wert darauf in der Küche in Gesellschaft zu sein. Nach der morgendlichen Pflege, werde ich ihm zugeteilt. Zum Rauchen, zum reden, einfach nur da zu sein. Für mich komplett ungewohnt und es dauert ein paar Tage, bis ich mich an diese Entschleunigung gewöhnt habe. Einfach mal Zeit haben.

Frau S. Bei meiner Ankunft bereits drei Wochen dort. Wie alle, Krebs im Endstadium. Erstaunlich klar und orientiert für die Verhältnisse. Bis auf einen Dekubitus am Steiss, der ihr zu schaffen macht eher unauffällig. Für mich als Laie eine sichere Kandidatin für eine persönliche Verabschiedung nach sechs Wochen Einsatz.

In der Nacht sind zwei Gäste verstorben, bei denen es wie vorher erwähnt schon absehbar war. Ich nehme keinen Abschied, schließlich ist es mir in den wenigen Minuten am ersten Tag nicht gelungen Zugang in jedweder Form zu finden. Eine Kollegin kommt zu Dienstbeginn auf mich zu und erzählt mir unter vier Augen, dass man sich wohl unsicher sei, was ich überhaupt in der Einrichtung wolle.

Ich bin verwirrt, habe ich doch gestern im Gespräch noch schriftlich die Ziele festhalten lassen. Das Problem zu lösen, gelingt mir aber zum Glück relativ zügig und mit mehr Erfolg, als ich es mir erhofft hatte. Wie so oft lautet die Devise:Fragen, Fragen und Fragen. Und die habe ich Und zwar in Massen. Das tolle dabei, ist die unglaubliche Kompetenz bzw. das Fachwissen der Kollegen. Keine Frage bleibt offen und ist Ihnen die Antwort selbst nicht bekannt, wird so lange recherchiert, bis sie beantwortet ist. Für mich als Schüler richtig, richtig gut. So erfahre ich jede Menge zum Thema Schmerzbehandlung und leite aus diesem Wissen folgendes ab. Eine Bewohnerin in meinem Stammbetrieb, ist über Jahre hinweg falsch behandelt worden und letztendlich im August unter Schmerzen gestorben. Dabei wäre die Lösung so einfach gewesen.

Bei dem Gedanken daran, wird mir schlecht. Erneut fahre ich eher betrübt nach Hause.
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Re: Der schöne Tod

Beitrag von Apparition » 03.12.2018 16:40

Dass Chef(innen) im sozialen Bereich ihren Stress an Azubis und Zivis auslassen (und generell charakterlich etwas schwach auf der Brust sind), ging also nicht nur mir so. Die Beschreibung dieser Interaktion liest sich fast 1:1 wie mein Leben im Zivildienst.
Zuletzt geändert von Apparition am 03.12.2018 16:44, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Der schöne Tod

Beitrag von costaweidner » 03.12.2018 16:43

Liest sich sehr interessant, insbesondere da ich vor kaum einem Berufsfeld so viel Respekte habe, wie vor sozialen Berufen. Da zudem viele Freunde von mir und meine Freundin im sozialen Bereich arbeiten, hab ich da auch schon einiges gehört und je mehr ich mich damit beschäftige, merke ich, dass das einef der besten und schlimmsten Arbeitsbereiche überhaupt sein kann und ich es niemals machen könnte, vermutlich in keinem Teilbereich davon.
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Jutting
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Re: Der schöne Tod

Beitrag von Jutting » 06.12.2018 18:31

Tag 3 & 4

Sorry, aber zur Zeit liegt viel an, also komme ich nur sporadisch voran.

Auftritt Herr S. Wobei man ihm damit Unrecht tun würde. Herr S. ist im Prinzip ein feiner Kerl. Seine Frau hingegen gar nicht. Beide haben eine prominente Tochter und eben diese Karte versucht Frau S. im vollen Umfang auszuspielen. Tapert im Designer Kostüm über die Station und lässt kein gutes Haar an nichts und niemandem. Da sollte man meinen, dass der sterbende Mann Priorität besitzt. Auf Diskussionen sollte man sich freilich nicht einlassen und zumindest am Morgen des 4ten Tages, kann ich meine Schüler Karte voll ausspielen.

Herr S. gibt mir am Morgen klare Anweisungen, wo er gewaschen werden möchte und wo eben nicht. Ein Eklat wie sich wenige Stunden später beim eintreffen der Frau heraus stellt. Wie könne so etwas denn passieren?? Der freie Wille Ihres Mannes? Drauf ge... Zum Mittag gibt es immerhin Pizza. Das Team hat eine Tagung, der Schüler hält mit zwei anderen die Stellung und zur Belohnung wird etwas, aus ner schmierigen Ferkelbude bestellt, wie ich später erfahre.

Da ist es gar nicht weiter schlimm, dass Herr B. in der Küche neben mir sitzt und die Pizza fixiert :D Er bekommt die Hälfte, danach gehen wir zusammen rauchen. Die Sonne scheint, er hat keine Schmerzen, für einen Moment ist das Leben schön. Am Nachmittag kommt Herr N. Als Neuaufnahme. Jetzt wird es schwierig. Fakt ist, das fast alle Gäste die kommen, seid vielen Jahren gegen den Krebs gekämpft haben. Sie sind am Ende und froh gehen zu dürfen.

Nicht aber Herr N. Er hat nur 5 Tage vor seiner Ankunft die Diagnose bekommen. Bei seiner Ankunft weint er bitterlich, da er sich der Situation voll bewusst ist. Das trifft mich schon irgendwie, ich kann es nicht verleugnen. Immerhin freut er sich über ein Bier und trinkt es in einem Zug leer. Wir verstehen uns gut und doch bricht er immer wieder zusammen. Ich ahne bereits, dass es nicht einfach wird, bin aber nicht ansatzweise darauf vorbereitet, was nur wenige Tage später passieren wird.
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Re: Der schöne Tod

Beitrag von Rotorhead » 07.12.2018 07:57

Du schreibst große Klasse.

Das Thema ist hochinteressant. Meine Mutter macht nächstes Jahr bei der Caritas einen Kurs und möchte dann ehrenamtliche Sterbebegleitung machen ...

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Re: Der schöne Tod

Beitrag von drmedmabuse » 07.12.2018 08:37

Sehr schöner Thread, sehr gut und eindrücklich geschrieben. Ich begleite auch sehr oft Menschen am Ende ihres Lebens und versuche, ihnen die letzte Zeit einigermassen erträglich zu machen, soweit das in meiner Macht steht. Ausgerechnet hier zeigt sich aber leider oft das Ausmaß der Pflegemisere in Deutschland. Zu wenig Personal muss sich um zu viele Patienten kümmern. Für alles Mögliche ist Geld da (die Abwrackprämie ist nur ein besonders absurdes Beispiel), aber dafür, seinen alten und kranken Bürgern das Leben zu erleichtern fehlen dem Staat die Mittel. Schön zu sehen, dass es trotzdem Menschen gibt, die diesen Beruf weiter ergreifen möchten und ihn auch mit Sinn und Herz füllen wollen.

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Re: Der schöne Tod

Beitrag von Jutting » 07.12.2018 11:51

Danke für das Feedback :)

Tag 5 und der Beginn der zweiten Woche.

Nun ist es also soweit, aber auch deswegen bin ich vor Ort. Kurz nach Dienstbeginn der erste Todesfall, der von mir und meiner Anleitung versorgt werden muss. Ich sehe die Versorgung relativ nüchtern, schließlich habe ich die Dame im laufe der Woche kaum zu Gesicht bekommen.

So bleibt alles wie gehabt, bzw. nicht ganz. Frische Leichen anzukleiden ist in der Regel ohne Probleme möglich. Das wir die gute Frau, aber in eine Parade Uniform quetschen müssen, sorgt zumindest bei meiner Kollegin für Schweißperlen auf der Stirn :D Das ganze geht relativ zügig von der Hand und gut 40 Minuten später liegt sie da. Bereit für die Familie die kommen wird, aber dazu gleich mehr. Einzig das Anlegen der Kieferklemme (die Kollegen nennen sie so, keine Ahnung wie der Fachbegriff lautet), sorgt bei mir für ein leichtes Schaudern.

Diese wird quasi benutzt, um den Mund permanent geschlossen zu halten. Effektiv sieht es beim anlegen aber so aus, als würde man den Kehlkopf zerquetschen. Tot hin tot her, irgendwie ist das eher unschön. Der morgen verläuft weiterhin ruhig. Herr B. quarzt weiterhin wie ein Weltmeister und freut sich über die letzten sonnigen Tage. Gegen Mittag kommt die Familie der verstorbenen. Dazu nochmal kurz wie ich es kenne.

In meinem Stammbetrieb kommt entweder niemand, oder vielleicht mal 1-2 Leute. Das Haus hat 55 Betten auf 5 Ebenen. Da also jemanden über dem Weg zu laufen in solchen Fällen, ist eher unwahrscheinlich. Nicht so im Hospiz. Ein Flur, 10 Zimmer und quasi keine Chance der Konfrontation zu entgehen. Sie kommen mit 9 Personen, Kinder dabei etc. Meine Chefin teilt mir mit, dass nun eine so genannte Aussegnung statt findet und fragt ob ich daran teilnehmen möchte. Das muss ich zu diesem Zeitpunkt schon feststellen, ist ein großer Pluspunkt. Alles ist optional, wenn mir bei etwas unwohl ist, wie z. B. die Versorgung von Herrn S. Muss ich das auch nicht machen.

Wir betreten das Zimmer in gesamter Truppenstärke des anwesenden Personals. Die Familie ist noch recht gefasst. Es dauert aber auch nicht lange und Tränen fließen, als meine Chefin los legt. Das Ganze kann man sich als Kombination aus Gebet und persönlichen Worten zur verstorbenen vorstellen. Quasi eine Beerdigung ohne Beerdigung. Am Ende liegen mir zwei Meter große Männer weinend in den Armen und bedanken sich. Das ich ihre Mutter nie versorgt habe, bis auf das letzte Mal spielt dabei keine Rolle. Das wird schon passen, denke ich zumindest.

Die erste Woche endet mit einem erneuten Gespräch mit der Chefin. Wir verlieren keine Worte mehr über den ersten Tag, aber ich bekomme positive Resonanz im Überfluss. Offenbar mag mich das Kollegium gut leiden. Nochmal Glück gehabt nach dem Start und in dem Wissen, ab Montag ohne schlechtes Gefühl zurück zu kommen, verlasse ich das Haus.

Montag 19.11.2018

Hätte ich die Gabe in die Zukunft schauen zu können, wäre ich dem Hospiz wohl fern geblieben. Fakt ist, dass in zwei Tagen in einer solchen Einrichtung viel passieren kann. Zunächst einmal ist aber privat der Wurm drin. Mein Sohn fiebert seit Freitag Abend ohne erkennbare Begleiterscheinungen. So kann er nicht zur Tagesmutter und meine Frau und ich versuchen uns aufzuteilen so gut es geht. Dienstbeginn um 13:30 Uhr. Am Wochenende kam Herr O. Als Neuzugang. Krebs (wie halt alle) und einen Darm verschluss. So widerlich das jetzt auch klingen mag, aber das was als Stuhlgang abgehen sollte, erbricht der arme Kerl.

Bei unserer ersten Runde um 14:00 Uhr schläft er und wir entscheiden uns später wieder nach ihm zu schauen. Später ist 15:30 Uhr und Herr O. tot. Damit hat keiner so wirklich gerechnet, aber nun gut. Er ist schnell versorgt, hat keine Angehörigen mehr. Es ist wohl besser so. Erneuter Auftritt Frau S. Sie passt mich auf dem Flur ab, nachdem meine beiden Kolleginnen bei Herrn S. drin waren. Auch er hat dem Tod nichts mehr entgegen zu setzen. Letztendlich lässt sie sich bei mir darüber aus, dass sie von meinen Kolleginnen gebeten wurde kurz draußen zu warten, um Herrn S. in Ruhe waschen und lagern zu können.

Jemand von ihrem Rang, ließe sich schließlich von niemandem vor die Tür setzen. Ich höre mir den Schmonsens vielleicht 20 Sekunden an und verweise auf meinen Kolleginnen, die sich im Anschluss von ihr anmotzen lassen müssen. Wenige Stunden später ist er tot. Ich bin nicht mehr da und werde beide nicht wieder sehen. Besser ist das. Wir gehen weiter und landen am Ende der Runde bei Herrn N. Dieser weint nicht mehr, schläft viel und ist kaum noch ansprechbar.

Wie schnell doch letztendlich alles geht. Dennoch kommt es nun Knüppeldick. Wir lagern ihn und heben den Oberkörper an, um das Kissen aufzuschütteln. In diesem Moment atmet er noch einmal kräftig aus. Dann ist er tot.
Ich brauche einige Minuten um das einerseits zu realisieren aber auch um es akzeptieren zu können. Das einsetzen der Leichenblässe im Gesicht, lässt keine Zweifel zu. Ich war auf vieles vorbereitet, aber nicht unbedingt darauf, dass jemand in meinem Arm stirbt. Kurz nachdem wir ihn zurecht gemacht haben, ruft meine Frau an. Wir müssen mit dem jungen ins Krankenhaus.

Ich bin am Ende Und zwar so richtig. Natürlich darf ich sofort los, aber das macht einiges nicht besser. Den Rest der Woche verbringe ich zuhause. Einerseits schade, aber zurück blickend besser so. Nächste Woche geht es wieder bergauf, da bin ich mir sicher.
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Re: Der schöne Tod

Beitrag von Thunderforce » 07.12.2018 12:06

Heftig.

Danke für die Einblicke, ist nicht immer "schön" zu lesen, aber sehr interessant, bewegend und ich finde auch durchaus mal wichtig, da mal Eindrücke zu bekommen.

Zudem echt gut geschrieben.
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Re: Der schöne Tod

Beitrag von costaweidner » 07.12.2018 13:10

Thunderforce hat geschrieben:Heftig.

Danke für die Einblicke, ist nicht immer "schön" zu lesen, aber sehr interessant, bewegend und ich finde auch durchaus mal wichtig, da mal Eindrücke zu bekommen.

Zudem echt gut geschrieben.
Genau so.
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Twinhilde
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Re: Der schöne Tod

Beitrag von Twinhilde » 07.12.2018 15:20

Oh... Puh... Ich gestehe, dass ich beim Thema Tod eher die "Vogel Strauß Methode" anwende. Ich habe schon zweimal mit mir gerungen, ein Hospiz zu betreten und es nicht geschafft.
Auch der Umgang mit den Hinterbliebenen, fällt mir wahnsinnig schwer. Und wenn sich die Begegnung dann doch nicht vermeiden lässt, breche ich beim ersten Ton in Tränen aus.
Umso mehr bewundere ich Menschen wie dich!

Ich lese hier trotzdem mit. Vielleicht ein wenig in der Hoffnung, für mich etwas daraus ziehen zu können und in Zukunft anders/besser damit umgehen zu können.

Ich überlege schon die ganze Zeit, wie ich einen Teil dazu beitragen kann. Finanziell sitzt es jetzt leider so gar nicht drin. Aber ich könnte vielleicht Schlüsselanhänger für die Pfleger machen, gerne auch mit Namen?!
Schutzengel, Engelsflügel, Kleeblatt... Irgendwie so was?
Wenn du magst, melde dich einfach per PN.
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I lose myself between the sounds
And open wide to suck it in
I feel it move across my skin

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Jutting
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Re: Der schöne Tod

Beitrag von Jutting » 07.12.2018 16:50

Woche drei.

Neue Woche, neue Gäste. Wie ich es mir schon gedacht habe, ist nach sieben Tagen fast jeder gestorben. Und in der Zeit sogar nochmal drei Leute, die ich gar nicht erst kennen gelernt habe.

Herr R. Der Sportler, ist wie er sagt "immer im Training"
Zwar lässt seine Orientierung immer mehr Lücken zu, aber er ist nach wie vor gewillt so viel wie möglich alleine zu machen. Ehemalige Schüler kommen nicht mehr. Sie alle haben bereits Abschied genommen und teilweise Briefe dort gelassen, die an die Substanz gehen.

Frau S. Im ersten Beitrag erwähnt, hat auch stark abgebaut. Sie wird die Woche nicht überleben.

Besonders tragisch ist der Zustand von Herrn B. Er hat zwei Krampfanfälle in meiner Abwesenheit gehabt und liegt nur noch im Bett. Vorbei sind die gemeinsamen Raucherpausen, die nicht vorhanden Schmerzen usw. Da liegt er, mit 53 Jahren unfähig mich wieder zu erkennen. Schade ich hätte ihm noch ein paar gute Wochen gewünscht. Ob er das genauso gesehen hat?

Bereits am Montag kommt ein Neuzugang, der mich wie Herr N. nachträglich zurück denken lässt. Wobei es nur zum Teil seine Person ist, primär steht seine Frau im Vordergrund. Die beiden kommen aus Sibirien und haben sich in Deutschland kennen gelernt. Er selbst ist der erste Gast ohne Krebs. Dafür lesen sich seine vorhandenen Diagnosen, wie das Who is Who, der "Das Leben haut dir immer wieder aufs Maul" Liste.

Beginnend mit einer seltenen Form der Epilepsie, bietet die Liste noch Diabetes, Demenz, Morbus Parkinson und als ob das noch nicht reichen würde noch Creutzfeld Jakob obendrauf. Der Wahnsinn folgt aber im Anschluss. Der Mann kann seit Jahren nichts mehr bewegen, außer seinen Augen, keine Sprache nichts. Ratet mal wer ihn gepflegt hat?

Richtig seine Frau. Und zwar komplett alleine. Der Mann hat vor seiner Ankunft keine andere Pflegekraft zu Gesicht bekommen. Sie hat ALLES alleine gemacht, sich sämtliche Gelder und Hilfsmittel, die ihr unser Gesundheitssystem zur Verfügung stellt beantragt und ihn 6 Jahre lang alleine gepflegt. Nebenbei noch drei Kinder groß gezogen. Eine Frau wie sie herzlicher nicht sein könnte.

So gepflegt wie seine Haut ist, können viele 20 jährige neidisch werden. Der Mann ist aber Anfang 70. Ich rede lange mit seiner Frau. Was für eine Persönlichkeit. Bei allem Lob und Respekt, was einem mitunter zu Teil wird, da komme ich mir vor, wie ein ganz kleines Licht. Der Rest der Woche verläuft unauffällig, bzw. bietet zahlreiche Lerninhalte, die hier aber keine Erwähnung finden müssen.

Zum Freitag geht es Herrn B. schlecht. Ich verabschiede mich von ihm und rechne nicht damit, ihn am Montag lebend wieder zu sehen. Ob er mich gehört hat? Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es.
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Re: Der schöne Tod

Beitrag von Cherusker » 07.12.2018 20:35

Auch ich bedanke mich für die Eindrücke. Habe den Tag über überlegt, ob ich mir das durchlesen sollte. Beim Thema Tod weiche ich doch lieber aus. Es tut aber gut es zu lesen, auch wenn ich manchmal ganz schön schlucken musste.

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Re: Der schöne Tod

Beitrag von Timojugend » 08.12.2018 15:31

Auch von mir ein herzliches "Danke" für diesen Wahnsinns-Job den du da tagtäglich machst.

Ich habs aufgrund von Panikatacken schonmal nicht geschafft, jemanden mit nem gebrochenen Bein im Krankenhaus besuchen zu gehen, weil mich die ganzen Ärzte, Schwestern und lange weiße Flure schlicht erstarren ließen.

Sterben würde ich allerdings auch lieber für mich alleine. Idealerweise nen schönen Schlaganfall, Herzinfarkt oder sonstwas mit Kippe im Maul und Game-Controller in der Hand.

Das schlimmste was ich mir vorstellen könnte, wäre das meine Freunde oder Familie mir am Totenbett das Händchen halten müssten. Ich würde das nicht wollen.
Das wäre so, als wenn mir jemand beim kotzen von hinten die Haare aus dem Gesicht hält. Das würde ich genausowenig wollen.

Ich komme mit dem Thema Tod jedenfalls furchtbar schlecht klar, und würde mit meinem eigenen Tod niemanden belasten wollen.
Wenn man aus einer Schulter heraus wächst, gilt man in Deutschland als Arm.

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Re: Der schöne Tod

Beitrag von Talana » 08.12.2018 17:32

Timojugend hat geschrieben:Sterben würde ich allerdings auch lieber für mich alleine.
...
Das schlimmste was ich mir vorstellen könnte, wäre das meine Freunde oder Familie mir am Totenbett das Händchen halten müssten. Ich würde das nicht wollen.
Das wäre so, als wenn mir jemand beim kotzen von hinten die Haare aus dem Gesicht hält. Das würde ich genausowenig wollen.

Ich komme mit dem Thema Tod jedenfalls furchtbar schlecht klar, und würde mit meinem eigenen Tod niemanden belasten wollen.
Täusch dich da mal nicht. Die Umstände deines Dahinscheidens spielen eine immens große Rolle.

Mein Vater ist im Juni gestorben. Er war immer unabhängig und alles andere als gefühlsduselig. Im Krankenhaus habe ich zum ersten Mal im Leben Tränen in den Augen meines Vaters gesehen, die ihm dann die Wangen hinunterliefen. Und als ich ihn fragte, ob ich die Nacht über bei ihm bleiben sollte, sagte er ja.
Nach zwei OPs am Herzen lag er monatelang auf der Intensivstation (incl. Hirninfarkt, Herzinfarkt, drei Reanimationen, Keim, Wechsel zwischen Dauerdialyse und Dialyse alle paar Tage, Lungeninfektion etc.) und seit der ersten OP war er nicht mehr auf die Beine gekommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Dazwischen lag wochenlanges Koma.
Er konnte nicht mal ein Buch halten oder sich auf eine Fernsehsendung/ein Hörbuch konzentrieren, er konnte NICHTS mehr alleine, aber geistig war er voll da. Und diese Situation war schrecklich für ihn. Wegen des Keims musste er in Quarantäne liegen und wir durften nur in Vollvermummung zu ihm: Kittel, Handschuhe, Haube, Mundschutz. Kein direkter Körperkontakt, kein vertrauter Anblick der Familie.

Als er sich dafür entschieden hatte, die "Therapie einstellen" zu lassen, wie es in der Ärztesprache heißt, wurden keine lebenserhaltenden Mittel mehr gegeben, sondern nur noch schmerzstillende und beruhigende. Gegen Abend bekamen wir den Anruf, dass sein Blutdruck schon sehr niedrig sei. Da waren wir noch nicht mal vom Besuch wieder zu Hause, sondern immer noch auf der Autobahn (er lag in einer gut 100 km entfernten Klinik mit einer exzellenten Herzchirurgie), also hieß es sozusagen auf der Autobahn umkehren.

Er wollte, dass wir bei ihm bleiben, wenn wir das auch wollten. Das hatte ich nicht erwartet. Und dann saßen wir drei Kinder mit unserer Mutter um ihn herum und hielten wortwörtlich seine Hände bis zu seinem letzten Atemzug. Das ist nichts, was man sich als Angehöriger gern vorstellt oder wünscht, aber keine zehn Pferde würden jemanden davon abbringen.

Ich würde es auch nicht wollen, dass jemand heulend an meinem Bett sitzt, aber ich weiß nach dieser Erfahrung nun, dass eine Umentscheidung absolut im Bereich des Möglichen ist. Niemand kann vorhersagen, ob man nicht in den letzten Minuten oder Stunden Angst bekommt und nicht allein sein will oder dann, als Gegenbeispiel, die geschockte Familie und Freunde aus dem Zimmer bittet oder bitten lässt, weil man, entgegen aller Absprachen oder vorherigen Bitten, doch lieber allein sein will.

Das ist bis zum Ende völlig offen. Also sei nicht von dir selbst geschockt, wenn du dich in den letzten Wochen, Tagen oder Minuten komplett veränderst und das Gegenteil von dem tust oder willst, was du vorher von dir kanntest. Richte dich auf ALLES ein, auch bei anderen. Da ist dann rein GAR nichts in Stein gemeißelt, wenn du weißt, dass du sterben wirst.

Und ich bin dem Personal noch heute dankbar, dass sie uns erlaubten, unter bestimmten Bedingungen (danach gut desinfizieren, zu Hause Klamotten umgehend in die Wäsche und gründlich duschen) auf die Handschuhe und den Mundschutz zu verzichten, so dass mein Vater noch unsere Gesichter sehen und unsere Hände/Küsse spüren konnte.

...

@ Jutting: Danke für deine Berichte und deine Tätigkeit in diesem Beruf. Ich stelle mir das sehr schwer vor, aber ich glaube, die wenigen Momente, in denen man ein positives Gefühl hat oder etwas Positives erlebt, können sehr viel wieder wettmachen. Trotzdem kann ich es nachvollziehen, wenn nicht jeder dafür gemacht ist oder auch nach Jahren spürt, dass es so nicht mehr geht.
Und ich glaube, es ist auch nicht so einfach, mit den Angehörigen umzugehen, die so unterschiedlich gestrickt sein können, wie z. B. die Trulla, deren Tochter ein Promi ist und sich selbst deswegen für etwas Besseres hält. Solche Leute müssten täglich Alufolie kauen.
Zuletzt geändert von Talana am 08.12.2018 18:54, insgesamt 1-mal geändert.
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