Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Hier sammeln sich nur die Perlen an Threads, die niemals im Datennirvana verschwinden dürfen.
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SirFranklin
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von SirFranklin »

*kopfaua*
Ja, gleichermaßen. DIe DDR hat zwar in Nazi-Zeitrechnung mehrere 1000 Jahre gehalten, aber nur vernachlässigbar weniger Weltkriege und Genozide durchgeführt. Deswegen muss man die Linken von heute, die im Wesen nichts mit den Steinzeit-Kommunisten der DDR ideologisch am Hut haben, genauso beobachten.
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GoTellSomebody
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von GoTellSomebody »

SirFranklin hat geschrieben:*kopfaua*
Ja, gleichermaßen. DIe DDR hat zwar in Nazi-Zeitrechnung mehrere 1000 Jahre gehalten, aber nur vernachlässigbar weniger Weltkriege und Genozide durchgeführt. Deswegen muss man die Linken von heute, die im Wesen nichts mit den Steinzeit-Kommunisten der DDR ideologisch am Hut haben, genauso beobachten.
So sehr ich dir rein inhaltlich applaudiere, es ging in erster Linie um das Argument, dass linke Inhalte/Ideologien/Strukturen keine Machtverhältnisse ändern beziehungsweise aufbauen konnten.
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SirFranklin
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von SirFranklin »

GoTellSomebody hat geschrieben:
SirFranklin hat geschrieben:*kopfaua*
Ja, gleichermaßen. DIe DDR hat zwar in Nazi-Zeitrechnung mehrere 1000 Jahre gehalten, aber nur vernachlässigbar weniger Weltkriege und Genozide durchgeführt. Deswegen muss man die Linken von heute, die im Wesen nichts mit den Steinzeit-Kommunisten der DDR ideologisch am Hut haben, genauso beobachten.
So sehr ich dir rein inhaltlich applaudiere, es ging in erster Linie um das Argument, dass linke Inhalte/Ideologien/Strukturen keine Machtverhältnisse ändern beziehungsweise aufbauen konnten.
Oh, mein Fehler. Scheine ja gut gerüstet in nen (minimum) 11-Stunden-Arbeitstag zu gehen :pommes:
Eigentlich wollt ich ja nur stänkern^^
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von Heiko-S- »

SirFranklin hat geschrieben:*kopfaua*
Ja, gleichermaßen. DIe DDR hat zwar in Nazi-Zeitrechnung mehrere 1000 Jahre gehalten, aber nur vernachlässigbar weniger Weltkriege und Genozide durchgeführt. Deswegen muss man die Linken von heute, die im Wesen nichts mit den Steinzeit-Kommunisten der DDR ideologisch am Hut haben, genauso beobachten.
Wie GoTellSomebody richtig bemerkte,mir ging es vordringlich darum,dass Linksextreme sehr wohl Macht aufbauen können...

Andererseits, die MLPD beruft sich auf den Marxismus/Leninismus,wie es KPD und SED auch taten...das erinnert mich dann doch schon unangenehm an die Kameraden von der NPD,welche auch nicht von ihrer braunen Vergangenheitsfolklore lassen können.

Dabei sollten beide längst bemerkt haben,dass und warum ihre Vorbilder gescheitert sind.
Wobei Abermillionen von Toten zu beklagen waren.
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Rotstift
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von Rotstift »

Heiko-S- hat geschrieben:
NegatroN hat geschrieben:
Es wäre schon dreist zu behaupten, dass es mit meiner eigenen Positionierung nichts zu tun hätte. Ich denke aber trotzdem, dass das nicht der entscheidende Punkt ist. Der liegt aus meiner Sicht vielmehr dort, wo Schnabelrock ihn auch verortet: rechtsextreme Inhalte hatten in Deutschland bereits mal eine Mehrheit und verfangen immer wieder bis tief in die Gesellschaft hinein. Linksextreme Inhalte tun das nicht.
Da ist leider nicht ganz richtig...extreme Linke,nämlich Kommunisten gründeten 1949 den sogenannten Arbeiter-und Bauernstaat DDR,der anfangs sogar von vielen seiner Einwohner positiv gesehen wurde.Nicht einmak unverständlich nach den Grauen,welche die Nazis von 1933-45 entfacht hatten.Man hoffte auf ein friedliches und gerechtes politisches Gegenmodell.
Das änderte sich teilweise 1953,endgültig aber erst 1961.
Da aber war es bereits zu spät,man war schon eingezäunt und eingesperrt.
Flucht wurde mit Haft oder Erschießen geahndet.

Deutschland täte gut,anhand seiner Geschichte ,sich von Rechts-und Linksextremen gleichermaßen zu distanzieren und ein waches Auge auf beide zu haben...
Die DDR war vor allem mal eine Gründung der UdSSR. Die verbliebenen KPD-Kader hätten bei demokratischen Wahlen niemals die Chance auf eine Mehrheit gehabt, geschweige denn eine dauerhafte.

Näher dran: es gab in Deutschland mal eine echte linlsterroristische Bewegung. Man sehe sich nur mal an, wie viel "Unterstützung" die RAF tatsächlich hatte, dann verweht das Schreckgespenst linker Horden sehr schnell.
Mille millions de mille sabords!

Music is no good if it can't be sung by the human voice in some way. (John Tavener)

Im übrigen bin ich der Meinung dass die AfD der politische Arm des Rechtsterrorismus ist.
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infected
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von infected »

Heiko-S- hat geschrieben:
NegatroN hat geschrieben:
Es wäre schon dreist zu behaupten, dass es mit meiner eigenen Positionierung nichts zu tun hätte. Ich denke aber trotzdem, dass das nicht der entscheidende Punkt ist. Der liegt aus meiner Sicht vielmehr dort, wo Schnabelrock ihn auch verortet: rechtsextreme Inhalte hatten in Deutschland bereits mal eine Mehrheit und verfangen immer wieder bis tief in die Gesellschaft hinein. Linksextreme Inhalte tun das nicht.
Da ist leider nicht ganz richtig...extreme Linke,nämlich Kommunisten gründeten 1949 den sogenannten Arbeiter-und Bauernstaat DDR,der anfangs sogar von vielen seiner Einwohner positiv gesehen wurde.Nicht einmak unverständlich nach den Grauen,welche die Nazis von 1933-45 entfacht hatten.Man hoffte auf ein friedliches und gerechtes politisches Gegenmodell.
Das änderte sich teilweise 1953,endgültig aber erst 1961.
Da aber war es bereits zu spät,man war schon eingezäunt und eingesperrt.
Flucht wurde mit Haft oder Erschießen geahndet.

Deutschland täte gut,anhand seiner Geschichte ,sich von Rechts-und Linksextremen gleichermaßen zu distanzieren und ein waches Auge auf beide zu haben...
Ohne die DDR zu relativieren, aber auch deren Etablierung nach dem 2. Weltkrieg war nur möglich, da die Sowjetunion Gewehr bei Fuß stand und das entsprechend zur Sicherung ihres Machtbereichs durchsetzte (sowohl in der späteren DDR als auch in der Tschechoslowakei). Ich bezweifele, dass es auch da überhaupt eine Mehrheit in der Bevölkerung gab ("Bei den Wahlen wurde die im April 1946 durch die Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD entstandene SED stärkste Partei, allerdings reichte es nur in einem Land zur absoluten Mehrheit"QUELLE: Klingt für mich nicht wirklich nach einer Mehrheit).
Das letzte mal, dass es wirklich einen Umsturz von Links hätte in Deutschland geben können, war nach dem ersten Weltkrieg. Und selbst die wurden mehr oder weniger problemlos von rechts zusammenkartätscht, sei es die Bayrische Räterepublik, sei es der Spartakusaufstand.
Wir haben hier weder eine Unterwanderung der Staats- und Verfassungsorgane von links, noch eine Verquickung oder gar verkappte Unterstützung von Organisationen und Parteien durch den Verfassungsschutz auf Bundes- oder Landesebene. Oder Sympathien für PEGIDA und Co. (wie beispielsweise in Hessen). Keine Mordserie, bei der bis heute nicht genau zu ermitteln ist, was Teile des Verfassungsschutzes damit zu tun haben könnten. Wir haben hier auch keine Spinner, die den Staat in seiner Existenz als solches ablehnen, in dessen Dienst, oder oder oder. Mittels Radikalenerlass hat man lange Zeit alles, was auch nur leise im Verdacht stand linker als die SPD zu sein aus dem Staatsdienst gehalten. Das kann man jetzt nicht unbedingt auch für Rechts behaupten.
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Warpig1975
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von Warpig1975 »

Heiko-S- hat geschrieben:
NegatroN hat geschrieben:
Es wäre schon dreist zu behaupten, dass es mit meiner eigenen Positionierung nichts zu tun hätte. Ich denke aber trotzdem, dass das nicht der entscheidende Punkt ist. Der liegt aus meiner Sicht vielmehr dort, wo Schnabelrock ihn auch verortet: rechtsextreme Inhalte hatten in Deutschland bereits mal eine Mehrheit und verfangen immer wieder bis tief in die Gesellschaft hinein. Linksextreme Inhalte tun das nicht.
Da ist leider nicht ganz richtig...extreme Linke,nämlich Kommunisten gründeten 1949 den sogenannten Arbeiter-und Bauernstaat DDR,der anfangs sogar von vielen seiner Einwohner positiv gesehen wurde.Nicht einmak unverständlich nach den Grauen,welche die Nazis von 1933-45 entfacht hatten.Man hoffte auf ein friedliches und gerechtes politisches Gegenmodell.
Das änderte sich teilweise 1953,endgültig aber erst 1961.
Da aber war es bereits zu spät,man war schon eingezäunt und eingesperrt.
Flucht wurde mit Haft oder Erschießen geahndet.

Deutschland täte gut,anhand seiner Geschichte ,sich von Rechts-und Linksextremen gleichermaßen zu distanzieren und ein waches Auge auf beide zu haben...
Das ist natürlich kompletter Unfug. Die DDR ist ein von der sowjetischen Besatzungsmacht installiertes Regime gewesen. Sicherlich gab es auch überzeugte Sozialisten, die am Aufbau dieses Staates mit geholfen haben, und mancher DDR-Bürger hat sich später mit dem System arrangiert, aber als Argument in der Debatte um Linksextremismus taugt die DDR mal gar nix.

Der historische Verweis, auf die Machtergreifung der Nazis und das Scheitern der Weimarer Republik übrigens ebenso wenig: Die Argumentation, Rechtsextreme seien schon deshalb als gefährlicher einzustufen, als Linksextreme, weil es den den Nationalsozialisten gelungen ist, in der Endphase der Weimarer Republik die Macht zu ergreifen, greift viel zu kurz, auch wenn sie gerne immer wieder bemüht wird. Hitler ist nicht deshalb an die Macht gekommen, weil die deutsche Bevölkerung mehrheitlich den Nationalsozialismus wollte, sondern weil die Demokratie als Institution nicht mehr funktioniert hat. Und an ihrer Demontage waren eben nicht nur die Nationalsozialisten und Deutschnationalen beteiligt, sondern auch die Kommunisten. Weimar ist letztendlich an der Demokratie-Verachtung und fundamentalen Ablehnung durch extreme Kräfte auf beiden Seiten des politischen Spektrums gescheitert und das ist mithin ein Grund, warum es heute so wichtig ist, sich antidemokratischen Bewegungen in den Weg zu stellen. Egal, von welcher Ideologie sie getrieben werden. Und das ist eine grundsätzliche Frage, die viel mit dem eigenen Demokratie- und Gesellschaftsverständnis, aber nix mit der realen Gefahr einer Machtübernahme durch Links- oder Rechtsextreme zu tun hat. Beide Szenarien halte ich mittel- bis langfristig für ausgeschlossen.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von Tolpan »

Eine sehr gute und spannende Diskussion gerade!
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von NegatroN »

Warpig1975 hat geschrieben:Der historische Verweis, auf die Machtergreifung der Nazis und das Scheitern der Weimarer Republik übrigens ebenso wenig: Die Argumentation, Rechtsextreme seien schon deshalb als gefährlicher einzustufen, als Linksextreme, weil es den den Nationalsozialisten gelungen ist, in der Endphase der Weimarer Republik die Macht zu ergreifen, greift viel zu kurz, auch wenn sie gerne immer wieder bemüht wird. Hitler ist nicht deshalb an die Macht gekommen, weil die deutsche Bevölkerung mehrheitlich den Nationalsozialismus wollte, sondern weil die Demokratie als Institution nicht mehr funktioniert hat. Und an ihrer Demontage waren eben nicht nur die Nationalsozialisten und Deutschnationalen beteiligt, sondern auch die Kommunisten. Weimar ist letztendlich an der Demokratie-Verachtung und fundamentalen Ablehnung durch extreme Kräfte auf beiden Seiten des politischen Spektrums gescheitert und das ist mithin ein Grund, warum es heute so wichtig ist, sich antidemokratischen Bewegungen in den Weg zu stellen. Egal, von welcher Ideologie sie getrieben werden. Und das ist eine grundsätzliche Frage, die viel mit dem eigenen Demokratie- und Gesellschaftsverständnis, aber nix mit der realen Gefahr einer Machtübernahme durch Links- oder Rechtsextreme zu tun hat. Beide Szenarien halte ich mittel- bis langfristig für ausgeschlossen.
Das ist in jedem Fall der spannendere Einwand.

Allerdings sehe ich den Teil mit Hitler eben doch anders. Die Nazis haben nicht "die Macht ergriffen", sondern sie wurden mehrheitlich gewählt. Den Umbau von Gesellschaft und Staat mussten sie auch niemandem aufzwingen, sondern die Bevölkerung ist das mit erhobenem rechtem Arm mitgegangen und hat Hitler zugejubelt. Das wäre heute ohne Weimar sicherlich nicht mehr so ohne weiteres möglich wie damals. Aber ausgeschlossen ist es nicht, das Bedürfnis nach einem starken Mann und geregelten Verhältnissen ist sehr viel näher als das Bedürfnis nach einem neuen Arbeiter- und Bauernstaat. Man kann auch an der Türkei, den USA, Polen und Ungarn sehen, dass die vielen kleinen Schritte dahin auf einmal schneller gegangen werden als man kurz davor noch für möglich gehalten hätte.

Deswegen auch hier: in der rechtsextremen Ideologie finden sich viele brandgefährliche und aktive Elemente, die immer noch aktiv sind, Verbreitung in die Masse haben und sehr schnell sehr unangenehm werden können. Eine Demokratie ist deutlich schneller abgeschafft als aufgebaut.
Das sehe ich aber bei linksextremen Theorien nicht. Nicht mal im Ansatz. Selbst Griechenland, Spanien und Portugal sind weiter von einem linken Ende der Demokratie entfernt als wir von einem rechten.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von Rotorhead »

Warpig1975 hat geschrieben:Beide Szenarien halte ich mittel- bis langfristig für ausgeschlossen.

Und das ist einer der größten Fehler, die man machen kann. Übrigens auch laut dem Buch In Tyranny, siehe USA Thread.
Ansonsten sehe ich beide Extreme als kritisch an, muss aber ganz klar sagen, dass ich die Linksextreme hier in D zwar natürlich nicht gutheiße, sie aber als kleineres Problem als die Rechtsextreme einschätze. Das hängt mit einem imho grundsätzlich in der Bevölkerung (nicht nur in der deutschen) eher verankerten Hang nach rechts als nach links zusammen. Der Ottonormalbürger ist eher xenophob als egalitär eingestellt. Ergo treffen rechte Strömungen viel eher auf offene Ohren bei vielen Wählern, als linke. Das ist ganz klar durch Erfolge aller Rechtsparteien zu belegen.

Ergo: beides uncool, aber eine konkrete politische Gefahr geht imho derzeit nur von rechts aus.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von infected »

Zur Gefährdung durch Linksextreme:

http://www.zeit.de/news/2017-07/12/deut ... n-12102402
Das Bundeskriminalamt (BKA) geht einem Bericht zufolge von einer geringen Zahl sehr gefährlicher Linksextremisten in Deutschland aus. Derzeit gelten nur vier Linksextremisten als "Gefährder", denen jederzeit schwere Gewalttaten zugetraut werden, wie die Zeitung "Welt" (Mittwochsausgabe) unter Berufung auf das BKA berichtete. Rund 120 weitere Linksextreme gelten demnach als "relevante Personen", die innerhalb der Szene als Logistiker oder Unterstützer tätig sind.
Wirkt auf mich nicht geade wie die großen revolutionären Massen.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von infected »

Stellungnahme von betroffenen Geschäftsinhabern im Schanze-Viertel:
+++ STELLUNGNAHME ZU DEN EREIGNISSEN VOM WOCHENENDE +++

Wir, einige Geschäfts- und Gewerbetreibende des Hamburger Schanzenviertels, sehen uns genötigt, in Anbetracht der Berichterstattung und des öffentlichen Diskurses, unsere Sicht der Ereignisse zu den Ausschreitungen im Zuge des G20-Gipfels zu schildern.
In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 2017 tobte eine Menge für Stunden auf der Straße, plünderte einige Läden, bei vielen anderen gingen die Scheiben zu Bruch, es wurden brennende Barrikaden errichtet und mit der Polizei gerungen.

Uns fällt es in Anbetracht der Wahllosigkeit der Zerstörung schwer, darin die Artikulation einer politischen Überzeugung zu erkennen, noch viel weniger die Idee einer neuen, besseren Welt.
Wir beobachteten das Geschehen leicht verängstigt und skeptisch vor Ort und aus unseren Fenstern in den Straßen unseres Viertels.
Aber die Komplexität der Dynamik, die sich in dieser Nacht hier Bahn gebrochen hat, sehen wir weder in den Medien noch bei der Polizei oder im öffentlichen Diskurs angemessen reflektiert.
Ja, wir haben direkt gesehen, wie Scheiben zerbarsten, Parkautomaten herausgerissen, Bankautomaten zerschlagen, Straßenschilder abgebrochen und das Pflaster aufgerissen wurde.
Wir haben aber auch gesehen, wie viele Tage in Folge völlig unverhältnismäßig bei jeder Kleinigkeit der Wasserwerfer zum Einsatz kam. Wie Menschen von uniformierten und behelmten Beamten ohne Grund geschubst oder auch vom Fahrrad geschlagen wurden.
Tagelang.
Dies darf bei der Berücksichtigung der Ereignisse nicht unter den Teppich gekehrt werden.

Zum Höhepunkt dieser Auseinandersetzung soll in der Nacht von Freitag und Samstag nun ein „Schwarzer Block“ in unserem Stadtteil gewütet haben.
Dies können wir aus eigener Beobachtung nicht bestätigen, die außerhalb der direkten Konfrontation mit der Polizei nun von der Presse beklagten Schäden sind nur zu einem kleinen Teil auf diese Menschen zurückzuführen.
Der weit größere Teil waren erlebnishungrige Jugendliche sowie Voyeure und Partyvolk, denen wir eher auf dem Schlagermove, beim Fußballspiel oder Bushido-Konzert über den Weg laufen würden als auf einer linksradikalen Demo.
Es waren Betrunkene junge Männer, die wir auf dem Baugerüst sahen, die mit Flaschen warfen – hierbei von einem geplanten „Hinterhalt“ und Bedrohung für Leib und Leben der Beamten zu sprechen, ist für uns nicht nachvollziehbar.
Überwiegend diese Leute waren es auch, die – nachdem die Scheiben eingeschlagen waren – in die Geschäfte einstiegen und beladen mit Diebesgut das Weite suchten.
Die besoffen in einem Akt sportlicher Selbstüberschätzung mit nacktem Oberkörper aus 50 Metern Entfernung Flaschen auf Wasserwerfer warfen, die zwischen anderen Menschen herniedergingen, während Herumstehende mit Bier in der Hand sie anfeuerten und Handyvideos machten.
Es war eher die Mischung aus Wut auf die Polizei, Enthemmung durch Alkohol, der Frust über die eigene Existenz und die Gier nach Spektakel – durch alle anwesenden Personengruppen hindurch –, die sich hier Bahn brach.
Das war kein linker Protest gegen den G20-Gipfel. Hier von linken AktivistInnen zu sprechen wäre verkürzt und falsch.

Wir haben neben all der Gewalt und Zerstörung gestern viele Situationen gesehen, in denen offenbar gut organisierte, schwarz gekleidete Vermummte teilweise gemeinsam mit Anwohnern eingeschritten sind, um andere davon abzuhalten, kleine, inhabergeführte Läden anzugehen. Die anderen Vermummten die Eisenstangen aus der Hand nahmen, die Nachbarn halfen, ihre Fahrräder in Sicherheit zu bringen und sinnlosen Flaschenbewurf entschieden unterbanden. Die auch ein Feuer löschten, als im verwüsteten und geplünderten „Flying Tiger Copenhagen“ Jugendliche versuchten, mit Leuchtspurmunition einen Brand zu legen, obwohl das Haus bewohnt ist.
Es liegt nicht an uns zu bestimmen, was hier falsch gelaufen ist, welche Aktion zu welcher Reaktion geführt hat.
Was wir aber sagen können: Wir leben und arbeiten hier, bekommen seit vielen Wochen mit, wie das „Schaufenster moderner Polizeiarbeit“ ein Klima der Ohnmacht, Angst und daraus resultierender Wut erzeugt.
Dass diese nachvollziehbare Wut sich am Wochenende nun wahllos, blind und stumpf auf diese Art und Weise artikulierte, bedauern wir sehr. Es lässt uns auch heute noch vollkommen erschüttert zurück.
Dennoch sehen wir den Ursprung dieser Wut in der verfehlten Politik des Rot-Grünen Senats, der sich nach Außen im Blitzlichtgewitter der internationalen Presse sonnen möchte, nach Innen aber vollkommen weggetaucht ist und einer hochmilitarisierten Polizei das komplette Management dieses Großereignisses auf allen Ebenen überlassen hat.
Dieser Senat hat der Polizei eine „Carte Blanche“ ausgestellt – aber dass die im Rahmen eines solchen Gipfels mitten in einer Millionenstadt entstehenden Probleme, Fragen und sozialen Implikationen nicht nur mit polizeitaktischen und repressiven Mitteln beantwortet werden können, scheint im besoffenen Taumel der quasi monarchischen Inszenierung von Macht und Glamour vollkommen unter den Tisch gefallen zu sein.
Dass einem dies um die Ohren fliegen muss, wäre mit einem Mindestmaß an politischem Weitblick absehbar gewesen.
Wenn Olaf Scholz jetzt von einer inakzeptablen „Verrohung“, der wir „uns alle entgegenstellen müssen“, spricht, können wir dem nur beizupflichten.
Dass die Verrohung aber auch die Konsequenz einer Gesellschaft ist, in der jeglicher abweichende politische Ausdruck pauschal kriminalisiert und mit Sondergesetzen und militarisierten Einheiten polizeilich bekämpft wird, darf dabei nicht unberücksichtigt bleiben.

Aber bei all der Erschütterung über die Ereignisse vom Wochenende muss auch gesagt werden:
Es sind zwar apokalyptische, dunkle, rußgeschwärzte Bilder aus unserem Viertel, die um die Welt gingen.
Von der Realität eines Bürgerkriegs waren wir aber weit entfernt.
Anstatt weiter an der Hysterieschraube zu drehen sollte jetzt Besonnenheit und Reflexion Einzug in die Diskussion halten.
Die Straße steht immer noch, ab Montag öffneten die meisten Geschäfte ganz regulär, der Schaden an Personen hält sich in Grenzen.
Wir hatten als Anwohner mehr Angst vor den mit Maschinengewehren auf unsere Nachbarn zielenden bewaffneten Spezialeinheiten als vor den alkoholisierten Halbstarken, die sich gestern hier ausgetobt haben.
Die sind dumm, lästig und schlagen hier Scheiben ein, erschießen dich aber im Zweifelsfall nicht.

Der für die Meisten von uns Gewerbetreibende weit größere Schaden entsteht durch die Landflucht unserer Kunden, die keine Lust auf die vielen Eingriffe und Einschränkungen durch den Gipfel hatten – durch die Lieferanten, die uns seit vergangenem Dienstag nicht mehr beliefern konnten, durch das Ausbleiben unserer Gäste.
An den damit einhergehenden Umsatzeinbußen werden wir noch sehr lange zu knapsen haben.

Wir leben seit vielen Jahren in friedlicher, oft auch freundschaftlich-solidarischer Nachbarschaft mit allen Formen des Protestes, die hier im Viertel beheimatet sind, wozu für uns selbstverständlich und nicht-verhandelbar auch die Rote Flora gehört.
Daran wird auch dieses Wochenende rein gar nichts ändern.

In dem Wissen, dass dieses überflüssige Spektakel nun vorbei ist, hoffen wir, dass die Polizei ein maßvolles Verhältnis zur Demokratie und den in ihr lebenden Menschen findet, dass wir alle nach Wochen und Monaten der Hysterie und der Einschränkungen zur Ruhe kommen und unseren Alltag mit all den großen und kleinen Widersprüchen wieder gemeinsam angehen können.

Einige Geschäftstreibende aus dem Schanzenviertel

BISTRO CARMAGNOLE
CANTINA POPULAR
DIE DRUCKEREI - SPIELZEUGLADEN SCHANZENVIERTEL
ZARDOZ SCHALLPLATTEN
EIS SCHMIDT
JIM BURRITO'S
TIP TOP KIOSK
JEWELBERRY
SPIELPLATZ BASCHU e.V.
https://www.facebook.com/CantinaPopular ... 4439251557
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von tafkasc »

One night as he sat at his table head on hands he saw himself rise and go.

http://www.stupidedia.org/stupi/Hoden
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von Schnabelrock »

Wenn die drei Gestalten vorne "linksextreme Gewaltttäter" sind, bin ich Leo Trotzki.
Ich bin ein Systemling!
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitrag von infected »

Schnabelrock hat geschrieben:Wenn die drei Gestalten vorne "linksextreme Gewaltttäter" sind, bin ich Leo Trotzki.
Nicht wirklich.

Mittlerweile wurden ja auch alle im Zusannemhang mit dem Hinterhalt festgenommene (Angriff mit den Platten/Molli etc.) wieder freigelassen und es wird geraunt, dass die Vorwürfe nach Sichtung des ganzen Video-Materials nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte. Ob/wie/was da jetzt dran ist, wird sich hoffentlich auch die Tage zeigen.
Das ganze gibt auf jeden Fall Kopfschmerzen und wird mit jedem Tag verwirrender bei dem, was da gerade scheibchenweise wieder ans Tageslicht kommt.
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