Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

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infected
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon infected » 11.10.2018 15:40

Apparition hat geschrieben:
Shadowrunner92 hat geschrieben:
Mustafa_Manson hat geschrieben:Ein interessanter Artikel über den Rassismus, den man in der Kindheit mitbekommen hat, aber garnicht so eingeordnet hatte.
Klar: Da geht es nicht um 'die Bayern', sondern um einzelne Erfahrungen mit Bayern.

https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/ ... ion-heimat

Für mich sehr interessant, da habe ich einige Erinnerungen aus der Kindheit.
Etwa als die Nachbarjungs (damals etwa 12 und doppelt so als wie ich), mit denen ich oft gespielt habe, irgendwas an eine Wand schmierten,
und als ich sie fragte, was das ist, meinten sie :"Mia woima an Hitler wieda ham".
Wir sind danach weiter, und ich habe mit denen was anderes gespielt.
Später kamen noch Schneebälle an unsere Fensterscheiben.
Waren halt 'Streiche' der etwas 'wilden' Nachbarjungs.


Ich fand extrem interessant, wie sehr das manchen meiner Kindheitserinnerungen gleicht, insbesondere auch der Part mit der Ironisierung des Ganzen. Das hatte ich bisher ehrlich gesagt immer für relativ Ost-exklusiv gehalten, weil meine "West-Freunde" sowas in der Regel nicht von zuhause kannten.


Ich kenne das auch so ähnlich aus meiner Schulzeit. "Lustige" Ausländerwitze waren da an der Tagesordnung und die Alten waren auch nicht besser. Irgendwann vorm Abitur sind die meisten von uns zwar zur Besinnung gekommen, was das angeht, aber das generelle Klima kenne ich schon auch.

In etwa wohl gleicher Zeitraum: Aus einem Dorf etwas weiter Moselabwärts kenne ich von gleichaltrigen auch noch die Unsitte das Wort „Jude“ als Schimpfwort im Sinne von Geizkragen/ Lügner/ bzw für einen Freund der einen gefühlt für Geld im Stich lässt zu benutzen. War natürlich alles überhaupt nicht rassistisch gemeint. Bezeichnenderweise hat Baldur von Schirach in dem Ort seine letzten Lebensjahre verbracht und wurde dort auch beerdigt.
Und Juden-Witze gab es gefühlt überall zu hören.
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borsti
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon borsti » 11.10.2018 17:06

Ich glaube, diese Erfahrungen kann man überall machen. Meine Oma kannte das Wort Jude aus ihrer Kindheit auch noch als Schmähwort für Jemanden, der geizig ist und hat es manchmal in dem Kontext benutzt, auch wenn sie eigentlich in keiner Weise rassistisch eingestellt war.

Das sind manchmal halt Sachen, die sich eingeprägt haben und über die man später nicht mehr nachdenkt. Ich könnte nicht Mal mit Sicherheit sagen, dass ich vor solchen Sachen gefeilt wäre. Jedenfalls kenne ich solche Sachen von anderen Leuten zuhauf.

Bei Southpark gab es glaube ich Mal eine Folge, in der es um die Verwendung des Wortes "Gay" ging, dass anscheinend zum geflügelten Wort für etwas geworden ist, dass man irgendwie komisch findet. Da wurde die Frage aufgeworfen, inwiefern das ein Ausdruck von Schwulenfeindlichkeit ist oder eben nicht. Im Endeffekt war ich ziemlich zwiegespalten, weil der Begriff zwar in dem Kontext nicht Schwulenfeindlichkeit aber doch negativ assoziiert war.

So genau erinner ich mich aber nicht mehr an die Folge.
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infected
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon infected » 11.10.2018 17:25

borsti hat geschrieben:Ich glaube, diese Erfahrungen kann man überall machen. Meine Oma kannte das Wort Jude aus ihrer Kindheit auch noch als Schmähwort für Jemanden, der geizig ist und hat es manchmal in dem Kontext benutzt, auch wenn sie eigentlich in keiner Weise rassistisch eingestellt war.

Das sind manchmal halt Sachen, die sich eingeprägt haben und über die man später nicht mehr nachdenkt. Ich könnte nicht Mal mit Sicherheit sagen, dass ich vor solchen Sachen gefeilt wäre. Jedenfalls kenne ich solche Sachen von anderen Leuten zuhauf.

Bei Southpark gab es glaube ich Mal eine Folge, in der es um die Verwendung des Wortes "Gay" ging, dass anscheinend zum geflügelten Wort für etwas geworden ist, dass man irgendwie komisch findet. Da wurde die Frage aufgeworfen, inwiefern das ein Ausdruck von Schwulenfeindlichkeit ist oder eben nicht. Im Endeffekt war ich ziemlich zwiegespalten, weil der Begriff zwar in dem Kontext nicht Schwulenfeindlichkeit aber doch negativ assoziiert war.

So genau erinner ich mich aber nicht mehr an die Folge.


In dem Fall waren das aber Leute in meinem Alter in etwa, wir reden hier von Jahrgang 1978-1985 in etwa, da sollte sich so etwas eigentlich erledigt haben.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon Rotstift » 11.10.2018 17:29

Viel schlimmer finde ich die Angewohnheit meiner Schwiegerleute, die sehr oft nur den Singular benutzen, wenn sie von Juden sprechen. Mehr Nazi-Diktion geht eigentlich nicht.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon Kaleun Thomsen » 11.10.2018 17:33

Ich kenne es noch aus meiner Bundeswehr-Zeit als Bezeichnung für den Betreiber des Mannschafts- und Uffz.-Heims. Wurde dann auf Befehl des Regimentskommandeurs in "Ferengi" geändert.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon JudasRising » 11.10.2018 18:46

Apparition hat geschrieben:
Shadowrunner92 hat geschrieben:
Mustafa_Manson hat geschrieben:Ein interessanter Artikel über den Rassismus, den man in der Kindheit mitbekommen hat, aber garnicht so eingeordnet hatte.
Klar: Da geht es nicht um 'die Bayern', sondern um einzelne Erfahrungen mit Bayern.

https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/ ... ion-heimat

Für mich sehr interessant, da habe ich einige Erinnerungen aus der Kindheit.
Etwa als die Nachbarjungs (damals etwa 12 und doppelt so als wie ich), mit denen ich oft gespielt habe, irgendwas an eine Wand schmierten,
und als ich sie fragte, was das ist, meinten sie :"Mia woima an Hitler wieda ham".
Wir sind danach weiter, und ich habe mit denen was anderes gespielt.
Später kamen noch Schneebälle an unsere Fensterscheiben.
Waren halt 'Streiche' der etwas 'wilden' Nachbarjungs.


Ich fand extrem interessant, wie sehr das manchen meiner Kindheitserinnerungen gleicht, insbesondere auch der Part mit der Ironisierung des Ganzen. Das hatte ich bisher ehrlich gesagt immer für relativ Ost-exklusiv gehalten, weil meine "West-Freunde" sowas in der Regel nicht von zuhause kannten.


Ich kenne das auch so ähnlich aus meiner Schulzeit. "Lustige" Ausländerwitze waren da an der Tagesordnung und die Alten waren auch nicht besser. Irgendwann vorm Abitur sind die meisten von uns zwar zur Besinnung gekommen, was das angeht, aber das generelle Klima kenne ich schon auch.

"Anti-Türken-Test" auf dem C64, kannte jeder auf der Schule, fand auch fast jeder irgendwie lustig.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon Nagrach » 11.10.2018 18:56

Auf dem C64 gabs da ja noch einige "Schmankerl".

Ansonsten: Was bei mir aus der Erinnerung hängenblieb, war eher die Verwendung von "Vitschi" als Bezeichnung für die vietnamesischen Gastarbeiter. Kriegst du aus dem Vokabular meiner Elterngeneration auch scheinbar nicht mehr raus, das wird da ganz selbstverständlich weiter verwendet.
Ich hatte einen Traum und dieser Traum war wundervoll.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon Kaleun Thomsen » 11.10.2018 19:03

Nagrach hat geschrieben:Auf dem C64 gabs da ja noch einige "Schmankerl".

Ansonsten: Was bei mir aus der Erinnerung hängenblieb, war eher die Verwendung von "Vitschi" als Bezeichnung für die vietnamesischen Gastarbeiter. Kriegst du aus dem Vokabular meiner Elterngeneration auch scheinbar nicht mehr raus, das wird da ganz selbstverständlich weiter verwendet.



Jo, ist hier auch so.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon Leviathane » 11.10.2018 19:48

Für den Pott fallen mir da spontan Spaghettifresser und Ölauge ein. Hat man sich früher nicht gross Gedanken drum gemacht.

Wenn ich daran denke, mit welcher Gedankenlosigkeit ich früher Türkenwitze weiter erzählt habe, möchte ich sofort in den Erdboden versinken ...
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon Feindin » 11.10.2018 20:48

So gesehen verstehe ich jetzt auch Negatron, wenn ihm ein früheres Ich peinlich ist.
Ich bin vermutlich nicht der einzige, der mit Airfix Soldaten den Afrikafeldzug gewonnen hat, aber ja, man hat schon viel Scheißdreck viel zu unbedacht dahergeplappert.
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are all one country, living one immortal day.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon Tolpan » 11.10.2018 20:51

Feindin hat geschrieben:Ich bin vermutlich nicht der einzige, der mit Airfix Soldaten den Afrikafeldzug gewonnen hat

Ja, hier, anwesend.
Ante: "Bruda, schlag der Ball lang!"
Prince: "Bruda, ich schlag der Ball lang!"
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon borsti » 11.10.2018 21:42

infected hat geschrieben:
borsti hat geschrieben:Ich glaube, diese Erfahrungen kann man überall machen. Meine Oma kannte das Wort Jude aus ihrer Kindheit auch noch als Schmähwort für Jemanden, der geizig ist und hat es manchmal in dem Kontext benutzt, auch wenn sie eigentlich in keiner Weise rassistisch eingestellt war.

Das sind manchmal halt Sachen, die sich eingeprägt haben und über die man später nicht mehr nachdenkt. Ich könnte nicht Mal mit Sicherheit sagen, dass ich vor solchen Sachen gefeilt wäre. Jedenfalls kenne ich solche Sachen von anderen Leuten zuhauf.

Bei Southpark gab es glaube ich Mal eine Folge, in der es um die Verwendung des Wortes "Gay" ging, dass anscheinend zum geflügelten Wort für etwas geworden ist, dass man irgendwie komisch findet. Da wurde die Frage aufgeworfen, inwiefern das ein Ausdruck von Schwulenfeindlichkeit ist oder eben nicht. Im Endeffekt war ich ziemlich zwiegespalten, weil der Begriff zwar in dem Kontext nicht Schwulenfeindlichkeit aber doch negativ assoziiert war.

So genau erinner ich mich aber nicht mehr an die Folge.


In dem Fall waren das aber Leute in meinem Alter in etwa, wir reden hier von Jahrgang 1978-1985 in etwa, da sollte sich so etwas eigentlich erledigt haben.


Naja, irgendwo werden es die ja aufgeschnappt haben.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon borsti » 11.10.2018 21:51

Feindin hat geschrieben:So gesehen verstehe ich jetzt auch Negatron, wenn ihm ein früheres Ich peinlich ist.


Wenn es nur darum geht, dass man früher mit vielen Dingen aus Unwissenheit unbedarfter umgegangen ist und nicht den gleichen Erkenntnishorizont hatte, ist das nix, was einem peinlich sein muss. Naja, es sei denn man war wirklich ein Arschloch und hat das mittlerweile eingesehen :wink: Aber generell mal jung und dämlich gewesen zu sein, ist ja nix schlimmes, sondern ziemlich normal.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon Mustafa_Manson » 11.10.2018 22:36

borsti hat geschrieben:Wenn es nur darum geht, dass man früher mit vielen Dingen aus Unwissenheit unbedarfter umgegangen ist und nicht den gleichen Erkenntnishorizont hatte, ist das nix, was einem peinlich sein muss. Naja, es sei denn man war wirklich ein Arschloch und hat das mittlerweile eingesehen :wink: Aber generell mal jung und dämlich gewesen zu sein, ist ja nix schlimmes, sondern ziemlich normal.


Ich glaube nicht, daß es nur darum geht.
Es geht um rassistische 'Gewohnheiten', die recht tief in der Gesellschaft verankert sind.
Natürlich nicht nur in Deutschland.
Aus der Kindheit in Jugoslawien kenne ich das Wort 'Zigeunerin' als Synonym zu "Hexe", Kinder klauen und so.
Mir war als Kind garnicht klar, wer 'Zigeuner' sind, und damit nicht 'meine Schuld' und 'nix schlimmes', aber das Problem ist doch grundlegender. Es geht um die Frage, wieso es einem so gezeigt wurde.
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Re: Allgemeiner Politik/Zeitgeschehen-Thread, Teil 2

Beitragvon borsti » 12.10.2018 16:25

Mustafa_Manson hat geschrieben:
borsti hat geschrieben:Wenn es nur darum geht, dass man früher mit vielen Dingen aus Unwissenheit unbedarfter umgegangen ist und nicht den gleichen Erkenntnishorizont hatte, ist das nix, was einem peinlich sein muss. Naja, es sei denn man war wirklich ein Arschloch und hat das mittlerweile eingesehen :wink: Aber generell mal jung und dämlich gewesen zu sein, ist ja nix schlimmes, sondern ziemlich normal.


Ich glaube nicht, daß es nur darum geht.
Es geht um rassistische 'Gewohnheiten', die recht tief in der Gesellschaft verankert sind.
Natürlich nicht nur in Deutschland.
Aus der Kindheit in Jugoslawien kenne ich das Wort 'Zigeunerin' als Synonym zu "Hexe", Kinder klauen und so.
Mir war als Kind garnicht klar, wer 'Zigeuner' sind, und damit nicht 'meine Schuld' und 'nix schlimmes', aber das Problem ist doch grundlegender. Es geht um die Frage, wieso es einem so gezeigt wurde.


Na wahrscheinlich weil Vorurteile früher noch verbreiteter und gesellschaftlich anerkannt waren. Sowas verschwindet halt nicht von jetzt auf gleich. Entscheidend ist in dem Fall doch, dass in deinem Fall anscheinend eigene Erfahrungen dazu beigetragen haben, dieses Vorurteil nicht weiterzutragen.

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