Apparition und die wilden Siebziger

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Apparition
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Frank2 hat geschrieben: 22.03.2020 16:16 Eine der Bands, mit denen ich mich schon immer
mal intensiver beschäftigen wollte.
Das Review hat mich nun dazu beweg, dass auch endlich mal
umzusetzen.
Danke @Apparition

Frage an die Experten:
Ist das nicht auch die Band, in der Mick Jones von Foreigner
mal kurzzeitig involviert war ?
Ja, richtig. Auf diesem Album ist er aber nicht zu hören.
Als Westernheld muss ich Ihnen sagen, hier ist man nicht ordinär, sondern in Lebensgefahr.
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Apparition
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Ich hatte im Can-Posting versprochen, noch was zu Neu! zu schreiben. Neu! waren eine Art Spin-off von Kraftwerk, die man an dieser Stelle wohl nicht mehr vorstellen muss. Andererseits habe ich sie auch nicht zufällig in einem Atemzug mit Can genannt, denn wenn man Neu! beschreiben will, kommt eine Mischung aus Can und Kraftwerk halbwegs gut hin. An Can erinnert das echte Schlagzeug und die Anleihen an Rockmusik, an Kraftwerk der massive Einsatz von Synthesizern. Grob vereinfacht würde ich sagen, dass Neu! nicht so eindeutig im Jazz und Rock verankert waren wie Can und nie so synthetisch klangen wie Kraftwerk.

Dass Michael Rother und Klaus Dinger sich irgendwann 1972 von Kraftwerk getrennt haben, ist fast folgerichtig, wenn man die Musik von Neu! hört. Ich bin wirklich kein Kraftwerk-Experte, aber während die einen sich im Laufe der Zeit immer synthetischer und anti-individualistischer gaben, wurde die Musik von Neu! über die Jahre immer wärmer und organischer. Wo die einen das Aufgehen des Individuums in einer zunehmend ökonomisierten und technisierten Welt erforschten, suchten die anderen nach Emotion und Wärme. So zumindest meine Interpretation und Empfindung.

Allen drei Bands gemeinsam ist natürlich, dass sie so etwas wie klassische Songstrukturen und Komposition nahezu komplett aufgegeben hatten. Ähnlich wie Can dekonstruierten Neu! Musik, konzentrierten sich auf wenige Grundelemente, die in immer wiederkehrenden Schleifen ins Gehirn des Hörers eindringen. Anders als Can darf man sich hier aber keine groovigen Endlos-Jams von Musikern im Proberaum vorstellen, sondern Klanglandschaften aus dem Synthesizer, nicht selten angereichert mit passenden Geräuschen, die die Atmosphäre des Songs verstärken sollten. Heute gibt es dafür einen Namen: Ambient.

Allerdings besteht Neu! bei weitem nicht nur aus Sphärenklängen, sondern eben auch aus extrem tanzbaren Rhythmen und ab und zu auch aus geradezu aggressiven Klängen. Und damit sind wir bei meinem Lieblingsalbum "Neu! '75". Es ist das letzte der drei Neu!-Alben aus den Siebzigern, und während landläufig wohl "Neu! 2" als der große Klassiker gilt, finde ich "Neu! '75" am ausgereiftesten und geschlossensten. Obwohl: eigentlich hat dieses Album buchstäblich zwei Seiten. Während die A-Seite nämlich weitgehend Ambient ist, dominiert auf der B-Seite so etwas wie Proto-Punk mit Synthesizer. Und da wird es eigentlich spannend, denn während Seite eins für mich zwar schon ganz schön ist (vor allem "Seeland", dabei kann man sich richtig schön wegtreiben lassen), ist Seite 2 die historisch interessantere (und auch von den Songs stärkere).

Wenn man mal den Opener "Hero" nimmt, ist das eigentlich unerhört. Man beschreibt das am besten so: Wer schon immer mal wissen wollte, welche Platten Killing Joke studiert haben wie der IS den Koran, dann ist "Neu '75" die Antwort. Es ist alles da, von aggressiv herausgekotzten Gesang über die aggressiven Gitarren (wenn auch wenig verzerrt) bis zum komplett manischen Beat. "Pssyche", anyone? Im Prinzip hört man hier die Blaupause für alles, was seit 1979 unter Post Punk und Gothic läuft, und zwar bis heute. Exakt diese Drumbeats und Bassläufe nahmen und nehmen Legionen von Bands zum Vorbild. 1979 deswegen, weil der Schritt von "Neu '75" bis "Unknown Pleasures" marginal ist. Dass da reichlich Synthies dabei sind, gibt dem ganzen eine schön technoide Klangfarbe, bei "Hero" meint man sogar einen ungekannten Bastard aus Pink Floyd und frühem englischem Punk zu hören. Beim Rausschmeißer "After Eight" sind wir dann endgültig im Punk angekommen, ich bin wirklich nicht sicher, ob das, was anderthalb bis zwei Jahre Später in England passiert ist, ohne "Neu! '75" so geklungen hätte wie es das schlussendlich tat. Die Sex Pistols und speziell John Lydons Gesang mal ganz sicher nicht.

Kann ich nicht besser beschreiben, hört selber (Qualität nicht optimal, aber reicht zum Eindruck verschaffen):

Seeland:
Hero:
After Eight:
Zuletzt geändert von Apparition am 23.03.2020 09:06, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von costaweidner »

Schöner Text, zu dem ich inhaltlich aber nicht viel sagen kann, weil ich nur das erste Album kenne. *g* Das ist aber grandios.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von hunziobelix »

Was Klaus Dinger und natürlich auch Michael Rother für einen Einfluss hatten auf die Musikszene ist wirklich unglaublich.Ich habe letzthin eine Doku über Dinger gesehen und da hatte unter Anderem Iggy Pop die Outputs (Vor allem Neu!) als Inspiration für seine Musik genannt.Vor allem in seinen Berliner Jahren,dies gilt auch für Bowie.
NEU! ist sensationell geil und noch geiler (Für mich zumindest) sind LA DÜSSELDORF.
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Apparition
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Faule Sau, schon wieder viel zu lange nix mehr gemacht! Morgen gibt's wieder was neues.
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Sambora
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Sambora »

*sehr freu* @ darauf
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Zugegeben, ich hab hier schon teilweise recht abgefahrenes Zeug besprochen, aber darum geht's bei einem Rückblick auf die Siebziger ja auch - zu zeigen, was damals schon alles ging und erfunden wurde. Heute hab ich aber was, das sehr viele Leute hier ansprechen sollte. Wir haben hier reichlich Fans von Künstlerinnen wie Angel Olsen, Emma Ruth Rundle, Chelsea Wolfe, Tori Amos und anderen. Diese Singer/Songwriterinnen folgen im Grunde alle einer Tradition, die in den Sechzigern bei Joan Baez und Joni Mitchell ihren Anfang nahm. Ich bin bei dieser Musik eher zurückhaltend, weil neben den meist tollen Stimmen musikalisch oft wenig passiert. Wenn mich neben der Stimme aber auch die Musik anspricht, bin ich voll dabei, denn der Magie eine ausdrucksstarken Frauenstimme und dazu passender Musik kann ich mich auch schwer entziehen.

Und darum stelle ich heute eine Musikerin vor, die meinen Nerv in dieser Hinsicht genau trifft. Im Thread mit GoTellSomebody habe ich ihr bekanntestes und wichtigstes Album schon vorgestellt: "Liege and Lief" von Fairport Convention. Ihr wisst Bescheid: Es geht um die großartige Sandy Denny.

Sandy Denny begann ihre Karriere in der zweiten Hälfte der Sechziger als eine von vielen Folkbardinnen, die das Folkrevival jener Jahre hervorbrachte. Nach einem Album mit den Strawbs schloss sie sich Fairpot an, mit denen sie drei Alben aufnahm. Deren drittes, eben besagtes "Liege and Lief" war eine Revolution - das erste Album in der Schnittmenge aus Folk und Rock, das auf uraltes britisches Liedgut zurückgriff und in die Moderne brachte. Doch die Liaison hielt nicht lange, und Sandy verließ Fairport. Nachdem ihrer nächsten Band, Fotheringay, auch kein langes Leben beschieden war, nahm sie 1971 ihr erstes Soloalbum "The North Star Grassman and the Ravens" auf. Und um dieses Album geht es mir heute.

Ich kenne den Namen Sandy Denny schon lange, aber mit ihren Soloschaffen habe ich mich erst vor kurzen wirklich beschäftigt. Und aus diesem ragt ihr Debutalbum heraus wie ein Leuchtfeuer. Warum? Nun, zuerst war Sandy Denny eine herausragende Sängerin. Ich würde ihre Stimme als leicht rauchig beschreiben, aber mit einem bemerkenswerten Ausdruck, vor allem auch in den höheren Lagen. Kein Gesäusel, keine Piepsstimme, sondern ein durchdringendes, aber sanftes Organ, das Emotionen modulieren und verkörpern konnte. Kein Zufall, dass Led Zeppelin ausgerechnet sie im gleichen Jahr als Gastsängerin für "The Battle of Evermore" holten.

Und dann war sie eine fantastische Songschreiberin und Musikerin. Bei Fairport standen zuletzt neu arrangierte Traditionals im Fokus, auf ihren Soloalben finden sich fast ausschließlich Eigenkompositionen. Mit "Blackwaterside" gibt es nur ein Traditional, dazu je ein Cover von Bob Dylan ("Down in the Flood") und Charles Robins/Brenda Lee ("Let's Jump the Broomstick"). Es ist bezeichnend, dass gerade die beiden Cover den Fluss des Albums etwas stören - beide sind eher Uptemponummern, "Broomstick" sogar lupenreiner Rockabilly. Alles andere ist getragener Folk und Folkrock, der Sandys Stimme perfekt unterlegt. Aber eben nicht nur das - hier gibt es kein generisches Akustikgitarrengeklimper, sondern auskomponierte und arrangierte Songs, die sich mit den atemberaubend schönen Gesanglinien perfekt ergänzen. Frau Denny hatte einen ganzen Haufen talentierter Musiker um sich geschart, die sich gleichberechtigt ausleben und sogar Teile des Gesangs übernehmen durften. Wir hören zarte Klavierstücke, Streicher, Orgeln, natürlich viel Akustikgitarre - aber es darf eben wie in "Late November" auch mal die Elektrische ran. Der Song wäre ohne das teils zweistimmige Solo nur halb so schön. Ich mag das eigentlich nicht endlos beschreiben - hört Euch einfach "Late November", "The Optimist" oder den wunderschönen Titelsong an - und wenn das noch nicht reicht, das alles überstrahlende "John the Gun". Ich gebe so etwas selten zu, aber als ich das Album heute Vormittag gehört habe, und "John the Gun" lief, musste ich tatsächlich heulen. Ich kenne keinen schöneren Folkrocksong, und ich habe auch keine Worte dafür.

Hört selbst:

Late November

The North Star Grassman and the Ravens

John the Gun (mit Fotheringay, tut dem Ganzen aber keinen Abbruch)

Sandy Denny veröffentlichte danach noch drei weitere Soloalben, die aber nicht mehr an die Ausdrucksstärke von "The North Star Grassman and the Ravens" heranreichten, auch wenn vor allem das Nachfolgealbum "Sandy" wirklich stark ist. Auf dem letzten Album "Rendezvous" war sie dann endgültig im Pop angekommen, was ich leider nur ganz ok finde. Zwischendurch schloss sie sich sogar nochmals Fairport Convention an, aber nach nur einem gemeinsamen Album war da leider auch schon wieder Schluss.

Sandy Denny ist eine jener Künstlerinnen, von denen es längst mehr Compilations, Raritäten-Alben, und Liveaufnahmen als eigentliche Studioalben gibt. Das sagt etwas über ihre Bedeutung und Klasse, aber leider auch über einen Kult, der einem zu Lebzeiten eher selten zuteil wird. Sandy Denny litt an Depressionen, war abhängig von Alkohol und anderen Drogen, neigte wohl zu selbstverletzendem Verhalten und stürzte immer tiefer in eine Spirale, aus der sie nicht mehr herauskam. Im Jahr 1978 stürzte sie eine Treppe hinunter, unter welchen Umständen ist meines Wissens nicht ganz geklärt. Sie überlebte das zunächst, trug aber gravierende innere Verletzungen davon, so dass sie schließlich noch im selben Jahr im Alter von nur 31 Jahren an einer Hirnblutung starb. Die Kombination aus Alkohol- und Medikamentenmissbrauch tat wohl das ihrige dazu. Eine in der langen Reihe junger Musiker, die dem Zirkus aus Aufmerksamkeit, Ruhm, ungesundem Leben und Depression nicht gewachsen war.
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Frank2
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Frank2 »

Apparition hat geschrieben: 20.04.2020 23:13 Zugegeben, ich hab hier schon teilweise recht abgefahrenes Zeug besprochen, aber darum geht's bei einem Rückblick auf die Siebziger ja auch - zu zeigen, was damals schon alles ging und erfunden wurde. Heute hab ich aber was, das sehr viele Leute hier ansprechen sollte. Wir haben hier reichlich Fans von Künstlerinnen wie Angel Olsen, Emma Ruth Rundle, Chelsea Wolfe, Tori Amos und anderen. Diese Singer/Songwriterinnen folgen im Grunde alle einer Tradition, die in den Sechzigern bei Joan Baez und Joni Mitchell ihren Anfang nahm. Ich bin bei dieser Musik eher zurückhaltend, weil neben den meist tollen Stimmen musikalisch oft wenig passiert. Wenn mich neben der Stimme aber auch die Musik anspricht, bin ich voll dabei, denn der Magie eine ausdrucksstarken Frauenstimme und dazu passender Musik kann ich mich auch schwer entziehen.

Und darum stelle ich heute eine Musikerin vor, die meinen Nerv in dieser Hinsicht genau trifft. Im Thread mit GoTellSomebody habe ich ihr bekanntestes und wichtigstes Album schon vorgestellt: "Liege and Lief" von Fairport Convention. Ihr wisst Bescheid: Es geht um die großartige Sandy Denny.

Sandy Denny begann ihre Karriere in der zweiten Hälfte der Sechziger als eine von vielen Folkbardinnen, die das Folkrevival jener Jahre hervorbrachte. Nach einem Album mit den Strawbs schloss sie sich Fairpot an, mit denen sie drei Alben aufnahm. Deren drittes, eben besagtes "Liege and Lief" war eine Revolution - das erste Album in der Schnittmenge aus Folk und Rock, das auf uraltes britisches Liedgut zurückgriff und in die Moderne brachte. Doch die Liaison hielt nicht lange, und Sandy verließ Fairport. Nachdem ihrer nächsten Band, Fotheringay, auch kein langes Leben beschieden war, nahm sie 1971 ihr erstes Soloalbum "The North Star Grassman and the Ravens" auf. Und um dieses Album geht es mir heute.

Ich kenne den Namen Sandy Denny schon lange, aber mit ihren Soloschaffen habe ich mich erst vor kurzen wirklich beschäftigt. Und aus diesem ragt ihr Debutalbum heraus wie ein Leuchtfeuer. Warum? Nun, zuerst war Sandy Denny eine herausragende Sängerin. Ich würde ihre Stimme als leicht rauchig beschreiben, aber mit einem bemerkenswerten Ausdruck, vor allem auch in den höheren Lagen. Kein Gesäusel, keine Piepsstimme, sondern ein durchdringendes, aber sanftes Organ, das Emotionen modulieren und verkörpern konnte. Kein Zufall, dass Led Zeppelin ausgerechnet sie im gleichen Jahr als Gastsängerin für "The Battle of Evermore" holten.

Und dann war sie eine fantastische Songschreiberin und Musikerin. Bei Fairport standen zuletzt neu arrangierte Traditionals im Fokus, auf ihren Soloalben finden sich fast ausschließlich Eigenkompositionen. Mit "Blackwaterside" gibt es nur ein Traditional, dazu je ein Cover von Bob Dylan ("Down in the Flood") und Charles Robins/Brenda Lee ("Let's Jump the Broomstick"). Es ist bezeichnend, dass gerade die beiden Cover den Fluss des Albums etwas stören - beide sind eher Uptemponummern, "Broomstick" sogar lupenreiner Rockabilly. Alles andere ist getragener Folk und Folkrock, der Sandys Stimme perfekt unterlegt. Aber eben nicht nur das - hier gibt es kein generisches Akustikgitarrengeklimper, sondern auskomponierte und arrangierte Songs, die sich mit den atemberaubend schönen Gesanglinien perfekt ergänzen. Frau Denny hatte einen ganzen Haufen talentierter Musiker um sich geschart, die sich gleichberechtigt ausleben und sogar Teile des Gesangs übernehmen durften. Wir hören zarte Klavierstücke, Streicher, Orgeln, natürlich viel Akustikgitarre - aber es darf eben wie in "Late November" auch mal die Elektrische ran. Der Song wäre ohne das teils zweistimmige Solo nur halb so schön. Ich mag das eigentlich nicht endlos beschreiben - hört Euch einfach "Late November", "The Optimist" oder den wunderschönen Titelsong an - und wenn das noch nicht reicht, das alles überstrahlende "John the Gun". Ich gebe so etwas selten zu, aber als ich das Album heute Vormittag gehört habe, und "John the Gun" lief, musste ich tatsächlich heulen. Ich kenne keinen schöneren Folkrocksong, und ich habe auch keine Worte dafür.

Hört selbst:

Late November

The North Star Grassman and the Ravens

John the Gun (mit Fotheringay, tut dem Ganzen aber keinen Abbruch)

Sandy Denny veröffentlichte danach noch drei weitere Soloalben, die aber nicht mehr an die Ausdrucksstärke von "The North Star Grassman and the Ravens" heranreichten, auch wenn vor allem das Nachfolgealbum "Sandy" wirklich stark ist. Auf dem letzten Album "Rendezvous" war sie dann endgültig im Pop angekommen, was ich leider nur ganz ok finde. Zwischendurch schloss sie sich sogar nochmals Fairport Convention an, aber nach nur einem gemeinsamen Album war da leider auch schon wieder Schluss.

Sandy Denny ist eine jener Künstlerinnen, von denen es längst mehr Compilations, Raritäten-Alben, und Liveaufnahmen als eigentliche Studioalben gibt. Das sagt etwas über ihre Bedeutung und Klasse, aber leider auch über einen Kult, der einem zu Lebzeiten eher selten zuteil wird. Sandy Denny litt an Depressionen, war abhängig von Alkohol und anderen Drogen, neigte wohl zu selbstverletzendem Verhalten und stürzte immer tiefer in eine Spirale, aus der sie nicht mehr herauskam. Im Jahr 1978 stürzte sie eine Treppe hinunter, unter welchen Umständen ist meines Wissens nicht ganz geklärt. Sie überlebte das zunächst, trug aber gravierende innere Verletzungen davon, so dass sie schließlich noch im selben Jahr im Alter von nur 31 Jahren an einer Hirnblutung starb. Die Kombination aus Alkohol- und Medikamentenmissbrauch tat wohl das ihrige dazu. Eine in der langen Reihe junger Musiker, die dem Zirkus aus Aufmerksamkeit, Ruhm, ungesundem Leben und Depression nicht gewachsen war.
Ich habe mich schon immer gefragt, wer die wunderschöne Stimme in Zeps
"The Battle of Evermore" wohl sein mag.
Ausser dem Namen kannte ich nichts von der Dame, somit Danke für die Auf-
klärung.

Das hört sich ganz nach meinem Geschmack an, werde ich umgehend antesten.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Ich glaube, ich bespreche heute Abend mal was abgefahrenes, einfach, weil die Gelegenheit gerade günstig ist.
Als Westernheld muss ich Ihnen sagen, hier ist man nicht ordinär, sondern in Lebensgefahr.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Vor ein paar Tagen sah ich in einem Second Hand-Plattenladen unter "Krautrock" eine LP, deren Cover mich sofort ansprach. Das Ding hört auf den Namen "Hope" und ist, wie eine kurze Recherche ergab, das zweite Album der kanadischen Prog-Pop-Rocker Klaatu (benannt nach dem Außerirdischen aus dem Film "Der Tag, an dem die Erde stillstand") aus dem Jahr 1977.

Cover

Wikipedia sagt, das Album habe mal eine Preis für bestes Engineering gewonnen. Kann ich nachvollziehen, die LP klingt nämlich wirklich formidabel und hat vor allem ein paar Laut-Leise-Spielereien aufzuweisen, die man auf Rockalben eher selten findet. Angeblich klingt es vor allem nach den Beatles, hier und da auch nach Queen. Und weil ich keine Ahnung, aber zuviel Zeit habe, mach ich jetzt ein Livereview. So denn:

We're off you Know:

Jo, Beatles. *g* Das Stück ist so dermaßen FabFour-mäßig, dass man schon fast von einem Plagiat sprechen muss. Hört einfach den Titelsong von Sgt. Pepper, dann wisst Ihr wie das klingt. Selbst der Gesang klingt derbst nach Lennon/McCartney. Schon beeindruckend irgendwie, packt mich so aber noch gar nicht. Mal weiterhören...

Madman:

Aha, jetzt sind wir im Progrock. Alter, wie geil das klingt! Die Drums, der Bass! Ich glaube ich habe noch nie ein Album aus den Siebzigern mit so einer Dynamik gehört. Lohnt eigentlich allein deswegen. Die Beatles sind Passe, dafür lugen hier ganz leicht Queen um die Ecke. Ein Freddie Mercury singt da zwar nicht, aber dennoch ein wirklich guter Sänger, der auch leicht an Peter Gabriel erinnert. Der Song ist eine recht harte und hektische Angelegenheit, und abrupt vorbei kaum dass man drin ist. Stark!

Around the Universe in Eighty Days:

Pianoballade mit erneut leicht Beatles-artigem Gesang, aber nicht mehr so vordergründig. Da scheinen ein paar Soundeffekte drauf zu sein, bei denen schon die Achtziger anklingen. Klingt sehr weit und groß. Hope ist ja ein Konzeptalbum mit SciFi-Story. Die hab ich noch nicht kapiert, aber es klingt genau so wie man sich eine vertonte Weltraumreise vorstellen würde. Da schimmert auch etwas Barclay James Harvest, mittelalte Manfred Manns Earth Band, Supertramp und sowas durch. Und lusitgerweise Ayreon. *g* Ob Arjen das Album kennt? Wieder ein sehr guter Song.

Long Live Politzania:

Fanfaren. Barockes Spinett (?) mit exaltierter Rede darunter. Geht plötzlich in einen abgehackten Progrocker mit Vocoder-verfremdetem Gesang über. Dann wieder ein klassisch anmutender Part mit Palaver. Denkt vom Aufbau an Floyds "The Trial", das geht entfernt in die Richtung. Sehr abwechslungsreich, die Verschränkung von Klassik und Rock erinnert an Deep Purples "April", mache Solosachen von Jon Lord und auch Beggar's Opera. Sehr gekonnt, da wusste jemand genau, was er tut. Könnte dem ein oder anderen zu fluffig sein, weil schon eher Operette als Bach. Für sowas ist der Begriff Rockoper erfunden worden, und eins der ganz wenigen Beispiele, wo das mal gelingt. Endet in einer Art Hymne mit sehr kitschigem Chor. *g* Ist mit über 9 Minuten auch der längste Song. Sehr geil, aber nichts für jeden Tag.

The Loneliest of Creatures:

Seite B beginnt mit fernem, spacigem Keyboard, das immer lauter wird und sich langsam zu einem Queen-auf-Klassik-artigen Stück steigert, bei dem der Sänger plus Chor im Mittelpunkt steht. Nicht wirklich eine Ballade, eher eine Art opulentes Solo für die Hauptfigur der Geschichte, nehme ich mal an. Die Texte muss ich mir mal separat zu Gemüte führen. Basiert musikalisch vor allem auf Klavier/Keyboard und Streichern. Ob die echt sind, kann ich nicht sagen, vermute es aber. Gut, aber für mich nicht das Highlight.

Prelude:

Ja, das Präludium kommt in der Mitte der B-Seite. *g* Ein Instumentalstück, fast ausschließlich klassisch, aber die Gitarre bekommt auch ihre kurzen Solospots. Sehr lieblich insgesamt, mit viel Dynamik. Zum Ende hin steigt die Rockband mit ein und spielt Seite an Seite mit dem Orchester bis zum abrupten Ende. Schön, könnte für mich aber etwas dunkler sein.

So Said the Lighthouse Keeper:

Jetzt sind wir wieder mehr im klassischen Prog der Genesis/Camel/Caravan-Schule. Dramatisch, langsam, mit vielen Klangschichten. Sanfter Gesang, geht in einen ruhigen Part mit überwiegend klassischer Instrumentierung über. Schöne (Halb)Ballade mit zwischenzeitlichen Ausbrüchen. Generell fällt auf, dass man für ruhige Stellen eher den Streichern und Keyboards das Feld überlässt und die E-Gitarre fast nur für harte Kontrapunkte zum Einsatz kommt. Erwähnte ich, wie geil die Drums klingen? Sehr fett, aber auch sehr präzise und präsent, fast schon ein Achtziger-Drumsound. Passt aber super dazu, finde ich.

Hope:

Der Schlusspunkt, eine etwas poppige Ballade mit viel Drama. Bisschen sehr easy listening für meinen Geschmack, als Abschluss des Albums aber schon richtig. Und mit nicht mal 4 Minuten auch nicht zu lang.


Fazit:
Schönes Ding für einen Blindkauf nach Cover. Müsste ich es empfehlen, würde ich sagen: FFO Beggar's Opera, Mitt- bis Spätsiebziger-Queen, Camel, Caravan, eventuell auch Curved Air, vielleicht ELO. Insgesamt sehr rund und ambitioniert. Nichts für Leute, die es düster und hart brauchen. Ich hab's jedenfalls nicht bereut und lege es mal Eiswalzer, oger, Eschi, Ploppi und vielleicht Sambora ans Herz.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von oger »

Bei Amazon Music gibt es echt alles...hör ich mich auch mal durch.

We're off you Know:

Beatles, aber eher wie eins von deren Schunkelliedern. Lenon hatte einen bestimmten Begriff für die...nicht meine Tasse Tee.


Madman:

Da hört man die erwähnten Soundspielereien. Sound ist ohnehin extrem druckvoll. Der Song erinnert bei den ruhigeren Passagen entfernt an die Peter Hammill-Solosachen. Gefällt mir.


Around the Universe in Eighty Days:

Auch das erinnert von der Atmosphäre an die ruhigeren VGG und Hammill Sachen. Klingt die Konzept Geschichte schon ziemlich durch. Gut.


Long Live Politzania:

Up the Horns. Etliche klassische Passagen, Soundspielereien und gesprochene Passagen. Macht bestimmt im Konzeptkontext Sinn. Der Schluss ist mir mit den Chören in der Tat zu muscaliesk.


The Loneliest of Creatures:

Ein bisschen klingt das Ganze schon mal wie die Vertonung von "Alice im Wunderland", gerade bei den Chorpassagen. Die ruhigen und Rockpassagen mag ich deutlich lieber. Erstaunlich wie druckvoll vor allem die Bässe sind für 1977.


Prelude:

So Queen-Klassik. Sehr nett gemacht.


So Said the Lighthouse Keeper:

Ein ruhiges Stück mit härteren Zwischentönen. Das können sie am besten.

Hope:

Klingt ruhig aus. Auch ganz gut.


Fazit:
War kurzweilig für den ersten Hör, wobei die Texte sicher noch was ausmachen. Erstaunlich starker Klang und tolle Musiker. Haben ja noch ein paar Sachen, hab ich bei Amazon gesehen.

Dank @ Tip
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Thunderforce »

Merk ich mir mal vor, danke.
Liest sich spannend.
Und Arjen kennt sowas mit Sicherheit, der ist doch rin kompletter Nerd. *g*
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Thunderforce hat geschrieben: 17.09.2020 05:46 Merk ich mir mal vor, danke.
Liest sich spannend.
Und Arjen kennt sowas mit Sicherheit, der ist doch rin kompletter Nerd. *g*
Hast Du eigentlich mal das Sandy Denny-Album gehört? Ich schätze, dass das Deine Wellenlänge sein sollte.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Thunderforce »

Njet. Ging irgendwie an mir vorbei, das Review. *auch vormerk*
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von hunziobelix »

KLAATU,eine Megaband.Beim Debut wusste niemand wer dahintersteckt und es wurde tatsächlich vermutet,dass es die BEATLES sind.Das war damals sehr spannend.Nun weiss man ja,dass es eine kanadische Band war.
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