Apparition und die wilden Siebziger

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Apparition
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Ich hatte mir zwar vorgenommen, keine Proto-Metal-Klassiker zu verwursten, aber es hilft nichts, einer muss sein.

Noch in den Neunzigern waren Pentagram ein völliger Insidertipp. Sicher, es gab mindestens drei Alben (Pentagram bzw. Relentless, Day of Reckoning und Be Forwarned), die der Besetzung um Bobby Liebling, Victor Griffin und Joe Hasselvander zu Recht Kultstatus einbrachte, aber so richtig wahrgenommen wurden Pentagram erst mit der Wiederentdeckung der Siebziger ab etwa dem Jahr 2000. Es war nämlich bekannt, dass eine erste Inkarnation mit Liebling am Mikro bereits seit Anfang jenes Jahrzehnts ihr Unwesen trieb, aber nie ein Album zuwege gebracht hatte. Allerdings war der Fundus an Songs, die damals geschrieben wurden, so immens, dass Liebling bis in jüngste Zeit auf sie zurückgreifen konnte, um neue Alben zu füllen. Glücklicherweise existieren von vielen Songs recht gute Proberaum- und Demoaufnahmen, die unter dem Titel "First Daze Here" erstmals 2001 in ihrer ursprünglichen Form veröffentlicht wurden. 2006 folgte mit "First Daze Here Too" eine weitere Compilation, wobei ich aber First Daze Here wichtiger und auch etwas besser finde.

Heute ist es ja fast normal geworden, dass obskure Demos wiederveröffentlicht werden, die dann oft nur was für die absoluten Cracks der jeweiligen Richtung sind. Nicht so hier. Die frühen Pentagram waren nämlich großartige Songwriter, und es ist ein absoluter Glücksfall, dass diese Aufnahmen existieren und so aufbereitet werden konnten, dass sie heute noch absolut konkurrenzfähig klingen.

Als Referenz für Pentagram müssen natürlich immer Black Sabbath herhalten, und wenn man die finsteren Doomalben der Achtziger und Neunziger kennt, liegt das auch nahe. Die Originale aus der Frühzeit allerdings klingen im Vergleich mit Sabbath oft geradezu leichtfüßg, luftig, fast beschwingt. Auch hier regieren schwere Riffs und Grooves, die von Bill Ward manchmal nicht so weit weg sind, aber das Ergebnis steht dann doch ganz für sich. Wo Sabbath viel experimentiert haben und auch nicht vor Funk- und Soul-Einflüssen zurückschreckten (War Pigs...), gingen Pentagram immer den geraden Weg. Das Ergebnis ist eine Sammlung von schwer riffenden Hits, die mit keiner anderen Band aus dieser Ära wirklich vergleichbar ist. Musikalisch wohlgemerkt, in seinen Texten verbreitete Bobby Liebling nicht durchweg gute Laune. Da macht sich vielleicht der geografische Unterschied bemerkbar: die einen aus den verrauchten Birmingham, die anderen von der etwas beschaulicheren (?) amerikanischen Ostküste. Wo Sabbath total Anti-Hippie waren, macht sich bei Pentagram hier und da ein etwas freundlicherer Einfluss aus... hm, vielleicht dem Garage-Punk der Sechziger und dem frühen Bluesrock bemerkbar. Liebling selbst geht als durchaus guter Sänger mit etwas dunklem, bluesigem Timbre durch. Erschreckenderweise klingt er hier deutlich souveräner als bereits auf den ersten Alben Mitte der Achtziger.

Gerade läuft "Living in Ram's Head" und ich komm nicht damit klar, wie gnadenlos heavy das ist. Iommi hatte die größeren Riffs und die Vision, aber so brutal gesägt hat der nie, auf keinem Album. Hut ab.

EDIT / Nachtrag: Erwähnen sollte ich noch, dass auf "First Daze Here Too" teilweise ganz schön aufs Gaspedal getreten wird, was die Band noch etwas einzigartiger macht - solche Abrissbirnen wie "Smokescreen" Und "Much Too young To Know" kenne ich wirklich von keiner anderen Band aus der Zeit (den frühen Judas Priest vielleicht mal abgesehen).

Über die Person Bobby Liebling muss man leider nichts mehr sagen. Er war Zeit seines Lebens unzuverlässig, emotional instabil, schwer drogenabhängig, zeitweise so verwahrlost, dass er noch im gesetzten Alter ohne die Unterstützung seiner Eltern nicht lebensfähig gewesen wäre (siehe die ziemlich schonungslose Dokumentation "Last Days Here"). Das hat der Band schon in den Siebzigern alles verbaut, führte nach dem tollen "Be Forewarned"-Album zum Auseinanderbrechen des klassischen Achtziger-Line-ups und verhinderte, dass er die Früchte ernten konnte, die er (und seine Mitstreiter für ihn) gesät hatte. Zuletzt wurde bekannt, dass er wegen schwerer Körperverletzung (möglicherweise an seiner Mutter, genaues weiß man nicht) in den Bau musste. Das Kapitel Pentagram dürfte damit Geschichte sein, die Person Liebling als Kultfigur ebenso. Es bleiben ein paar sehr starke und einige ganz okaye Alben, aber das Werk der Siebziger Jahre bleibt wegen seiner Einzigartigkeit und Klasse am faszinierendsten.

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Und von der zweiten Compilation:

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Zuletzt geändert von Apparition am 06.02.2020 10:35, insgesamt 4-mal geändert.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von OldschdodPiranha »

Ich ziehe den Hut. Du hast diese Band klasse beschrieben.
"Der Weg der hermaneutischen Fundamentalontologie als Analytik der Existenzialität des Denkens, des Wesens vom Sein ist ja bei Heidegger fast besser ausgearbeitet als bei Hegel. ....übrigens, kennen Sie den Witz von dem Feuerwehrmann? Mei, der ist gut. Der ist spitze. Hihi. Der ist ganz gut."
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Apparition
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Dieser Thread ist übrigens nicht tot, ich brauchte nur mal eine kreative Pause. Demnächst geht's weiter...
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Dark Eye
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Dark Eye »

Apparition hat geschrieben: 21.01.2020 23:14 Dieser Thread ist übrigens nicht tot...
... sondern ziemlich interessant.
Durch Zufall grade entdeckt, da werde ich mich mal durchlauschen.
Und ein Thread in dem VdGG erwähnt werden, kann nur gut sein.
Bin ja seit einiger Zeit in den Tiefen des Krautrocks auf Entdeckungsreise (wenn die Ohren mal eine kleine Blastbeatspause brauchen), daher ist das hier ja gar nicht so weit entfernt und vermeintlich Unhörbares schon lange hörbar geworden.
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Apparition
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Dark Eye hat geschrieben: 04.02.2020 18:41
Apparition hat geschrieben: 21.01.2020 23:14 Dieser Thread ist übrigens nicht tot...
... sondern ziemlich interessant.
Durch Zufall grade entdeckt, da werde ich mich mal durchlauschen.
Und ein Thread in dem VdGG erwähnt werden, kann nur gut sein.
Bin ja seit einiger Zeit in den Tiefen des Krautrocks auf Entdeckungsreise (wenn die Ohren mal eine kleine Blastbeatspause brauchen), daher ist das hier ja gar nicht so weit entfernt und vermeintlich Unhörbares schon lange hörbar geworden.
Das trifft sich sehr gut...
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Apparition
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Ich hasse Kreuzworträtsel. Hier wieder: "Berühmte Rockband aus Köln" mit drei Buchstaben. Kein Ding, weiss ich. So, jetzt senkrecht: "Kettenraucher in Fußballschuhen" Mario...Casler?? Seht Ihr, sag ich doch.

Es gibt hier ja ein paar Spacerockfans, und drüben im Stoner-Thread ist gerade die neue Yuri Gagarin Thema. Schön mit repetitives Zeug, guter Trip, wenn man sich darauf einlässt. Und irgendwie auf die Siebziger bezogen. Aber auf wen? Sabbath, und...?

Irgendwann ende der Sechziger machen sich vier junge Musiker in der Domstadt auf, die Regeln der Rockmusik auf den Kopf zu stellen. Keine Hits, keine Formeln, nicht mal komponieren im eigentlichen Sinn will man mehr. Nur Improvisation, Rhythmus, Beat und Klang. Und irgendwann kommt man bei einem Musikstück an. Die Herren Jaki Liebezeit, Michael Karoli, Holger Czukay und Irmin Schmidt sind schwer vom Free Jazz, sicher auch von der Minimal Music und von Stockhausen beeinflusst (und haben bei dem sogar studiert) und stülpen dem Psychedelic Rock der Zeit ihre Vision über. Der Amerikaner Malcolm Mooney vervollständigt das Kollektiv, CAN sind geboren.

Es ist nicht zu empfehlen, Interviews mit Can zu lesen. Im Netz findet man ein paar. Die, die ich kenne, sind alle aus den Neunzigern, also eher Rückblicke. Ultra-Intellektuell, Künstler mit Leib und Seele, auch ein bisschen versponnen, irgendwie Anti-Rock'n'Roll alles. Man merkt, die wollten ganz bewusst was neues, wussten was es ist und haben es dann auch umgesetzt. Mein Tipp: nicht lesen, sondern hören. Der Eindruck relativiert sich schnell.

Aus heutiger Sicht scheint das Debüt "Monster Movie", aber auch die folgenden Alben (mit Damo Suzuki am Mikro), zunächst gar nicht so aufregend. Schon tolle Musik, klar, aber nichts, was man im Ansatz von Bands des Postpunk (Killing Joke), Spacerock (siehe oben), aber auch Trip Hop nicht auch kennt. Genau das ist aber das große Verdienst: Can und ihre Brüder im Geiste Kraftwerk und Neu! gehören zu der ganz raren Sorte von Bands, die mit einem einzigen Album die Tür zu einem neuen Musikuniversum aufstoßen. Think Joy Division, Beatles, Black Sabbath. Ich kann mir kaum vorstellen, wie "Monster Movie" 1969 gewirkt haben muss. Eben weil es keine verkünstelte Neue Musik, kein selbstverliebter Freejazz ist, sondern jederzeit Rock. Aber anders als alles, was es vorher gab. Hört selbst:
Malcolm Mooney und Damo Suzuki sind vermutlich auch Leuten wie Mike Patton und Johnny Lydon nicht unbekannt...

Machmal muss ich auch an Tool denken, die Musik von Can hat nämlich etwas ähnlich organisches, wie die Eingeweide eines großen Tieres, die in denen man das Blut pulsieren hört. Im Grunde ist es das auch, denn wie gesagt, Songwriting in dem Sinn haben sie sich Zeit ihrer Karriere bewusst verschlossen.

Was soll man nun hören? Die Alben "Monster Movie", "Soundtracks" (mit Abstrichen), Tago Mago", Ege Bamyasi" und "Future Days" sind allesamt empfehlenswert, wenn auch gerade auf dem Überklassiker Tag Mago ein paar Songs schon gehörig an den Nerven zerren. Aber wir haben hier ja auch Fans der Swans, mit Sicherheit auch so eine Truppe, die die frühen Can-Alben bis zur Pulverisierung gehört hat. Wer mit sowas wie "To Be Kind" klarkommt, sollte mit Can auch warm werden. Mit den Alben danach habe ich mich nur teilweise beschäftigt, aber die klingen dann schon ein ganzes Stück weniger zwingend, nicht mehr so treibend und eher dudelig.

Mein absoluter Lieblingssong ist "Mother Sky" vom Soundtracks-Album, der Can wie vielleicht kein anderer auf den Punkt bringt:
15 Minuten Trance ohne Drogen. Funktioniert aber nur richtig, wenn man sich dazu bewegt.

Live muss das übrigens auch ein Erlebnis gewesen sein, es gibt zum Glück ein paar Aufnahmen:
Schon ziemlich Punk, wenn Ihr mich fragt.

Jetzt wollte ich eigentlich noch was zu NEU! schreiben, aber das mach ich dann morgen. Ist schon wieder recht lang geworden hier...
Zuletzt geändert von Apparition am 05.02.2020 07:56, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von costaweidner »

Muss ich mich endlich mal mit beschäftigen nachdem du die jetzt auch als so speziell (für die Zeit) anpreist. Janeck hat Can ja auch mehrmals als beste Band der Welt abgefeiert. :D
Zudem finde ich Neu! und Kraftwerk super, von daher sollte das eigentlich gelingen.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Thunderforce »

Liest sich geil und klingt auch sehr interessant.
Kannte ich bisher nur vom Namen
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MetalEschi
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von MetalEschi »

Can finde ich vollkommen großartig. Ich kenne die Band noch gar nicht so lange und bin da durch meine Beschäftigung mit 70s Prog drauf gestoßen. Bei moderneren, etwas abgedrehteren Bands wie Radiohead findet man heute noch viele Einflüsse, auch 80er New Wave wie die Talking Heads haben sich dieses Konzept des durchgehenden, fast hypnotischen Beats abgeschaut. Im Vergleich zu zB Neu! (die auch ganz cool sind) finde ich bei Can vor Allem das Klangbild viel wärmer und einlullender, Musik, in die man sich aber mal so richtig fallen lassen kann. Herausragend im Kollektiv ist finde ich Schlagzeuger Jaki Liebezeit, völlig faszinierend, wie er einerseits vordergründig, scheinbar stundenlang vor sich hin groovt, und dann doch immer diese Fills und Schlenker drin hat. Die Musik hat häufig keinen Anfang und kein Ende, einfach rein ins Getümmel und dann durchgezogen bis zum Schluss. Einige der Songs sind angeblich aus mehrstündigen Jam-Sessions entstanden, von denen die Band dann sozusagen die Highlights als 20-Minüter aufs Album gepresst hat. Keine Ahnung ob das stimmt, palusibel ist es gemessen an der Struktur der Musik allemal.
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Susi666
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Susi666 »

Apparition hat geschrieben: 25.11.2019 22:16 Ich hatte mir zwar vorgenommen, keine Proto-Metal-Klassiker zu verwursten, aber es hilft nichts, einer muss sein.

Noch in den Neunzigern waren Pentagram ein völliger Insidertipp. Sicher, es gab mindestens drei Alben (Pentagram bzw. Relentless, Day of Reckoning und Be Forwarned), die der Besetzung um Bobby Liebling, Victor Griffin und Joe Hasselvander zu Recht Kultstatus einbrachte, aber so richtig wahrgenommen wurden Pentagram erst mit der Wiederentdeckung der Siebziger ab etwa dem Jahr 2000. Es war nämlich bekannt, dass eine erste Inkarnation mit Liebling am Mikro bereits seit Anfang jenes Jahrzehnts ihr Unwesen trieb, aber nie ein Album zuwege gebracht hatte. Allerdings war der Fundus an Songs, die damals geschrieben wurden, so immens, dass Liebling bis in jüngste Zeit auf sie zurückgreifen konnte, um neue Alben zu füllen. Glücklicherweise existieren von vielen Songs recht gute Proberaum- und Demoaufnahmen, die unter dem Titel "First Daze Here" erstmals 2001 in ihrer ursprünglichen Form veröffentlicht wurden. 2006 folgte mit "First Daze Here Too" eine weitere Compilation, wobei ich aber First Daze Here wichtiger und auch etwas besser finde.

Heute ist es ja fast normal geworden, dass obskure Demos wiederveröffentlicht werden, die dann oft nur was für die absoluten Cracks der jeweiligen Richtung sind. Nicht so hier. Die frühen Pentagram waren nämlich großartige Songwriter, und es ist ein absoluter Glücksfall, dass diese Aufnahmen existieren und so aufbereitet werden konnten, dass sie heute noch absolut konkurrenzfähig klingen.

Als Referenz für Pentagram müssen natürlich immer Black Sabbath herhalten, und wenn man die finsteren Doomalben der Achtziger und Neunziger kennt, liegt das auch nahe. Die Originale aus der Frühzeit allerdings klingen im Vergleich mit Sabbath oft geradezu leichtfüßg, luftig, fast beschwingt. Auch hier regieren schwere Riffs und Grooves, die von Bill Ward manchmal nicht so weit weg sind, aber das Ergebnis steht dann doch ganz für sich. Wo Sabbath viel experimentiert haben und auch nicht vor Funk- und Soul-Einflüssen zurückschreckten (War Pigs...), gingen Pentagram immer den geraden Weg. Das Ergebnis ist eine Sammlung von schwer riffenden Hits, die mit keiner anderen Band aus dieser Ära wirklich vergleichbar ist. Musikalisch wohlgemerkt, in seinen Texten verbreitete Bobby Liebling nicht durchweg gute Laune. Da macht sich vielleicht der geografische Unterschied bemerkbar: die einen aus den verrauchten Birmingham, die anderen von der etwas beschaulicheren (?) amerikanischen Ostküste. Wo Sabbath total Anti-Hippie waren, macht sich bei Pentagram hier und da ein etwas freundlicherer Einfluss aus... hm, vielleicht dem Garage-Punk der Sechziger und dem frühen Bluesrock bemerkbar. Liebling selbst geht als durchaus guter Sänger mit etwas dunklem, bluesigem Timbre durch. Erschreckenderweise klingt er hier deutlich souveräner als bereits auf den ersten Alben Mitte der Achtziger.

Gerade läuft "Living in Ram's Head" und ich komm nicht damit klar, wie gnadenlos heavy das ist. Iommi hatte die größeren Riffs und die Vision, aber so brutal gesägt hat der nie, auf keinem Album. Hut ab.

EDIT / Nachtrag: Erwähnen sollte ich noch, dass auf "First Daze Here Too" teilweise ganz schön aufs Gaspedal getreten wird, was die Band noch etwas einzigartiger macht - solche Abrissbirnen wie "Smokescreen" Und "Much Too young To Know" kenne ich wirklich von keiner anderen Band aus der Zeit (den frühen Judas Priest vielleicht mal abgesehen).

Über die Person Bobby Liebling muss man leider nichts mehr sagen. Er war Zeit seines Lebens unzuverlässig, emotional instabil, schwer drogenabhängig, zeitweise so verwahrlost, dass er noch im gesetzten Alter ohne die Unterstützung seiner Eltern nicht lebensfähig gewesen wäre (siehe die ziemlich schonungslose Dokumentation "Last Days Here"). Das hat der Band schon in den Siebzigern alles verbaut, führte nach dem tollen "Be Forewarned"-Album zum Auseinanderbrechen des klassischen Achtziger-Line-ups und verhinderte, dass er die Früchte ernten konnte, die er (und seine Mitstreiter für ihn) gesät hatte. Zuletzt wurde bekannt, dass er wegen schwerer Körperverletzung (möglicherweise an seiner Mutter, genaues weiß man nicht) in den Bau musste. Das Kapitel Pentagram dürfte damit Geschichte sein, die Person Liebling als Kultfigur ebenso. Es bleiben ein paar sehr starke und einige ganz okaye Alben, aber das Werk der Siebziger Jahre bleibt wegen seiner Einzigartigkeit und Klasse am faszinierendsten.

Forever My Queen

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Und von der zweiten Compilation:

Much Too Young to Know
Den Pentagram-Post sehe ich ja jetzt erst...

Ich hab mich ja auch erst spät mit der Band beschäftigt und kenne auch nur den Kram mit Victor Griffin. Pentagram sind ja auch inzwischen wieder aktiv, allerdings ohne ihn. Die 70er Sachen kenne ich kaum, vielleicht sollte ich das mal ändern...

"Forever My Queen" ist allerdings einer meiner Faves, auch dank der tollen Coverversion von Mannhai:

https://youtu.be/muUyO6pvkGg
Kennt ihr dieses leichte Prickeln der Vorfreude und Herzklopfen, wenn ihr einen Thread öffnet, dessen neueste Antwort mit hoher Wahrscheinlichkeit mit beleidigter Leberwurst bestrichen ist?

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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Verdammt nochmal, vergeht die Zeit schnell...

Morgen hab ich definitiv was neues, und am Wochenende noch was, und nächste Woche mach ich noch eins und dann muss ich mal schauen.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Rückblende: Vor genau 30 Jahren stehen in Reno, Nevada Judas Priest vor Gericht. Der Vorwurf: Man habe mittels sublimer Botschaften im Song "Better By You, Better Than Me" fünf Jahre zuvor zwei Teenager in den Selbstmord getrieben. Angeblich hätte der Song die Aufforderung "Do it" enhalten, die unschuldige Kinder zum Äußersten treiben sollte. Am Ende wurden Priest freigesprochen, weil niemand außer der Anklage diese Botschaft hören konnte und weil, hätte es sie gegeben, ein simples "Do it" niemanden zu irgendwas treibt.

Worüber erstaunlicherweise im Zusammenhang mit diesem Prozess so gut wie nie gesprochen wird ist die Tatsache, dass mit Judas Priest eigentlich die falsche Band auf der Anklagebank saß. Sicher, der Song "Better By You, Better Than Me" steht auf dem Album "Stained Class", aber er ist eben nur eine Coverversion. Von den eigentlichen Urhebern, der englischen Band Spooky Tooth, spricht niemand. Wollte man jetzt böse Zusammenhänge konstruieren, könnte man annehmen, dass Priest Ende das Achtziger auf ihrem kommerziellen Zenit waren, während Spooky Tooth kein Mensch mehr kannte. Aber das würden wir natürlich nie tun, nicht wahr?

Spooky Tooth waren schon zu Lebzeiten eher ein Insidertipp, haben aber ein paar Alben hinterlassen, die heute wieder einen guten Klang haben und entdeckt zu werden lohnen. Obwohl - einen guten Klang haben sie auch im ganz wörtlichen Sinn. Starproduzent Jimmy Miller, bekannt durch seine Arbeiten mit den Rolling Stones, Traffic, Spencer Davis Group und später Motörhead hat speziell dem zweiten Album "Spooky Two", um das es hier geht, nämlich einen warmen, raumfüllenden Wundersound verpasst, der heute vermutlich zum Aufbaukurs "Vintage Rock-Produktionen für Fortgeschrittene" gehört. Hat Martin Birch auch nicht besser hinbekommen.

Wie klingt's nun? Im Prinzip kann man Spooky Tooth einfach als Bluesrock abheften, man kann's aber auch etwas differenzierter sehen. Es gibt auf diesem Album Songs wie "Evil Woman", die orgelunterfütterter Blues der ganz alten Schule sind, es gibt aber auch elegisch-verträumte Wunderwerke wie den Opener "Waitin' for the Wind", die zugleich den Hippegeist der späten Sechziger atmen. Überhaupt Orgeln: auf diesem Album spielen gleich zwei Keyboarder/Organisten, so dass die Tastenfraktion sich recht vehement Gehör verschafft, wie das damals halt so Mode war. Es ist dem können von Miller zu verdanken, dass die (recht kernige) Gitarre dazwischen nicht untergeht. Die Herren am Keyboard teilen sich dazu auch noch den Gesang, und der ist durchaus beeindruckend. Bluesrock ohne kräftiges Timbre ist nichts, und das haben sie zur Genüge. Ich würde sogar sagen, dass der Gesang die Paltte noch ein ganzes Stück besser macht als sie musikalisch allein wäre. Ich weiss leider nicht genau wer was singt, aber soviel ich weiss, übernahm Mike Harrison den Löwenanteil.

Gerade beim opulenten B-Seiten-Opener "Lost in my Dream" zeigt sich, was leidenschaftlicher Gesang ausmacht. Darf man noch sagen, dass der Gesang authentisch "schwarz" klingt? Egal, tut er für mich. Ich nehme an, man weiss, was gemeint ist. Der Song greift gekonnt Blues, Gospel, Soul und Rock auf und verschweisst das alles zu einer echten Hymne, die nach Schweiss, Hingabe und Ekstase klingt. Im nachfolgenden "That was only Yesterday" blitzt auf einmal Country zwischen all dem Georgel auf. Nicht mein Favorit, funktioniert aber. Und dann kommt er, der Song, der den Namen der Band bis in die Jetztzeit getragen hat. Im Vergleich zur Version von Priest klingt "Better by You, Better than Me" sowohl zahmer (von den Gitarren her) als auch eindringlicher. Die Stimme von Wright ist schon eine ganz andere als die von Halford, und zusammen mit der dicken Orgeluntermalung entfaltet die Originalversion ein ganz andere Intensität und Dynamik. Ich mag die Version von Stained Class auch sehr, aber mit dieser kommt sie nicht ganz mit. Auch eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sich selbst der junge Halford gesanglich mal geschlagen geben muss. Mit dem getragenen "Hangman Hang my Shell in a Tree" folgt dann noch eine kraftvolle Gospel-Blues-Nummer, die vermutlich auch als orginärer Gospel von 1917 durchginge, nur etwas zeitgemäß aufgehübscht.

Wenn ich "Spooky Two" ein Gefühl zuschreiben müsste, wäre es "Weite". Dieses Album macht aus eigentlich ganz einfachen Grundzutaten sehr viel, weil ich nie an die englische Provinz denke, sondern an eine weite, offen amerikanische Landschaft. Irgendwo im Süden, Spätsommer, Leute auf der Straße und auf dem Feld, Sonnenuntergang, alleinsein mit sich und der Welt, und der tiefen Zufriedenheit, die man bei so etwas oft empfindet. Eine kleine Perle englische Rockmusik, die sich ganz tief vor ihren Vorvätern verneigt.

Spooky Tooth brachen danach auseinander, formierten sich noch einmal neu, um Mitte der Siebziger von der Bildfläche zu verschwinden. Es gibt nur ein paar Alben, neben "Spooky Two" kenne ich noch das charmant betitelte "You Broke my Heart so...I Busted your Jaw", das ich auch wärmstens empfehlen kann.

Hörbeispiele:

Waitin' for the Wind (echte Liveaufnahme):
Lost in my Dream:
Better by You, Better than Me:
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von costaweidner »

Vermutlich ist es ja doch wieder nicht so richtig meine Musik, aber einerseits liebe ich die 'Better by You, Better than Me'-Version von Priest und andererseits hat mich der Absatz zur "Weite" doch aufhorchen lassen. Muss ich wohl mal reinhören.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von hunziobelix »

SPOOKY TOOTH ,geile Band wird viel zu wenig genannt hier.Kennt wahrscheinlich auch kaum einer.Danke für das Review. :prost: :prost: :prost:
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Frank2
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Frank2 »

Eine der Bands, mit denen ich mich schon immer
mal intensiver beschäftigen wollte.
Das Review hat mich nun dazu beweg, dass auch endlich mal
umzusetzen.
Danke @Apparition

Frage an die Experten:
Ist das nicht auch die Band, in der Mick Jones von Foreigner
mal kurzzeitig involviert war ?
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