Apparition und die wilden Siebziger

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costaweidner
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von costaweidner »

Schöne Reviews, Zielgruppe bin ich aber komplett gar nicht.
Zunächst finde ich nämlich schon die bekannten Aerosmith-Songs fast ausnahmslos komplett furchtbar ('Dream On' geht klar, aber vermutlich auch eher weil ich früher Eminem-Fan war und der das gesamplet hat *g*) und wenn ich die Beschreibungen hier so lese, sind das auch alles Attribute, von denen ich kein Fan bin. Offensichtliche Blues- und Led Zeppelin-Einflüsse versuche ich aus meinem Hardrock soweit wie möglich herauszuhalten. *g* Und Funk ist mir auch ohne Rock lieber bzw. wenn schon Funk, dann eben nicht von einer Rockband.

Aber mitlesen werde ich weiter, die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir was anhöre ist jedoch gering. *g*
Zuletzt geändert von costaweidner am 28.12.2020 01:24, insgesamt 1-mal geändert.
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Thunderforce
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Thunderforce »

Dass Walk this Way älter ist, als die Version mit Run DMC wusste ich. Dafür hätte ich jetzt Sweet Emotion deutlivh jünger geschätzt.


Mehr kenn ich nicht, glaube ich, höre ich diese Woche aber auch mal nach.
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Sambora
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Sambora »

Ich bin da ziemlich bei costa.

Bis auf "Sweet Emotion" und "Dream On" ist das so gar nicht meine Band.
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Rivers
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Rivers »

Apparition hat geschrieben: 27.12.2020 01:15 Toys in the Attic (1975)
Die Einzige, die ich aus den 70ern habe und wenn das die Beste ist, was ich damals schon wusste, dann reicht mir das auch. :D

Ansonsten ist das auch nicht ganz meine Band, weil zuviel Standard Hardrock. Die Pump finde ich knapp an fürchterlich und die habe ich frustriert verschenkt. Die Get A Grip finde ich dagegen sehr gelungen, halt ein überlanges Füllhorn. Die danach hat die besseren Songs und die größeren Stinker vereint und danach wird es mir egal.

Die 70er habe ich aber - bis auf diese eine hier - dann auch mal durchgezappt und es dabei belassen.
Perry Rhodan
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Perry Rhodan »

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Apparition
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Rocks (1976)

An sich kann man auf ein Überalbum wie "Toys in the Attic" ja nichts mehr drauflegen. Ganz oft ist es ja so, dass Bands nach einrm krativen Hoch irgendwie ausbrennen und auf hohem Niveau stagnieren. Die Ausnahmen davon sind dann halt die Rushs, Queens, Jethro Tulls, Genesis', Deep Puples dieser Welt, um mal in den Siebzigern zu bleiben. Und selbst die hatten Schwankungen. Mir "Rocks", ihrem vierten Album, reihen sich Aerosmith in genau dieser Riege der Superstars ein, denn sie schafften es tatsächlich, ihrem Durchbruchsalbum einen gleichwertigen Bruder zur Seite zu stellen.

Back in the Saddle:

Auch dieses Album beginnt mit seinem vermutlich bekanntesten Song. Diesmal bekommt das Eröffnungsfeuerwerk ein kurzes Intro spendiert, nur ein Paar Akkorde, die aber wie unter Spannung stehen. Man weiss einfach, dass gleich was großes passiert. Die Band explodiert einem förmlich ins Gesicht, und ja, der Song klingt wie eine Bande Desperados, die quer durch die Prärie reiten. Fehlen nur noch die Kokosnussschalen. *g* Die wussten schon, wie man Hörer gefangen nimmt, alle Alben von damals fangen mit einem schnellen, harten Rocksong an, der einen einfach überrollt. Hier setzt Tyler im Refrain noch ein paar seiner spitzen, heiser klingenden Schreie drauf, die ja auch sowas wie ein Markenzeichen von ihm sind. Stark, aber keine Überhymne wie "Toys..."

Last Child:

Wie auf dem Album davor schaltet die Band danach einen Gang runter. Last Child basiert auf einem schweren, stampfenden ungeraden Rhythmus, auch irgendwie sumpfig und schwül. Wenn Tyler anfängt zu singen, klingt's irgendwie nach Puff. *g* Schön, aber keine der ganz großen Nummern.

Rats in the Cellar:

Vom Dachboden in den Keller, da liegen dann auch keine Spielsachen, sondern die fiesen Sachen. Klingt auch wie der Zwilling zum Toys-Titelsong, vielleicht sogar noch etwas heavier, das ist schon reinrassiger Hardrock, trotz der Mundharmonika. Geiles Duell zwischen Whitford und Perry, sowas kennt man eher von Priest und Maiden, wenn auch in ganz anderem Kontext. Einer der wenigen Songs, wo Tyler eher in der zweiten Reihe steht und mehr für Farbtupfer sorgt als den Laden anführt.

Combination:

Das gilt auch für diese Nummer, auch wenn er da schon eher gegen das Instumentengewitter ankommt. Bemerkenswerte Gesangslinie, gefühlt besteht der Song nur aus Chorus. Die Strophen, wenn man so will, sind rein instrumental. Da passiert auch richtig was, die holzen einen schön in Trance, das hat was von einer sehr harten Pychedelic-Nummer, kommt aber vermutlich eher aus dem Funk. Starker Song aus der zweiten Reihe.

Sick as a Dog:

Die vorherigen drei Songs waren keine vordergründigen Hits, im Sinne von nicht unmittelbar eingängig. Sick as sa Dog bewegt sich schon wieder mehr Richtung Single, die Instrumentierung wirkt aufgeräumter, Steven Tyler übernimmt wieder mehr das Kommando. Ziemlich genau in der Mitte ist aber ein wunderbares, kurzes, zweistimmiges Solo, und so bei 4:00 bremsen sie nochmal sehr hart runter, bis es eigentlich nur Drums und eine Gitarre gibt, bevor wieder die ganze Band einsteigt. Diese rapiden Tempoverschleppungen sind auch ziemlich charakteristisch für Aerosmith, die hab ich jetzt schon ein paar mal gehört. Das so hinzukriegen, dass es nicht zerhackt klingt, sondern flüssig, ist glaub ich schon auch eine Leistung. Toller Song.

Nobody's Fault:

Ein Song von Brad Whitford, bei dem ich sofort an Led Zeppelin denken muss. Die hatten auch oft diese leicht verschleppten, zäh klingenden Rhythmen mit schweren Gitarren drüber. Sehr heavy, passt gut zu "Round and Round" von Vorgängeralbum. Die Band klingt fast wie eine Dampflok, stampfend und schnaufend, während Tyler viel schreit und viel Energie in senen Gesang legt. Cooler Kontrast, klar eins der Albumhighlights, wenn man denn überhaupt Songs hervorheben möchte.

Get The Lead Out:

Einer der Aerosmith-Songs zum schwofen, irgendwo zwischen "Same old Song and Dance" und "Sweet Emotion". Ich kenne wirklich keine andere große Hardrockband, die diese heißen Grooves so drauf hatte. Das kennt man von Jazzrockbads wie Traffic und If, auch aus dem Soul (siehe Rare Earth) und so, vermutlich ist das noch älter. Aber mit dieser Gitarrenpower? Mother's Finest eventuell noch, aber die waren auch nicht so hart und bleischwer. An sich müsste das cuh was für Down- und Stonerfans was sein, Songs wie dieser sind eigentlich die Ursuppe dieser Musik.

Lick and a Promise:

Ganz hinten versteckt sich noch ein vergessener Hit. Eigentlich auf einem simplen Rock'n'Roll-Song aufgebaut, aber mit raffinierten Gitarren und toller Melodie verziert. Tyler singt göttlich, der sollte viel bekannter sein.

Home Tonight:

Die Ballade fehlt noch. Wobei diese fast schon in die Kategorie Halbballade fällt, sie ist nämlich schon etwas rauher als etwa "You See Me Crying" oder "Seasons of Wither". Vor allem hat sie dieses elend lange Gitarrensolo am Ende und ist generell nicht sehr lang, so dass man gar nicht auf die Idee kommt, es könnte zu schmalzig sein oder so. Starker Abschluss, für einen Radiohit ist sie eigentlich perfekt, aber vielleicht sogar etwas zu kurz, um sich richtig zu entfalten.

Das Album ist insgesamt übrigens gerade mal 34 Minuten lang, "Toys" hatte 37, und "Get Your Wings" 38. Heute wäre vermutlich das Geschrei groß, dass das ja viel zu wenig Musik fürs Geld wäre. Schöner Beleg dafür, dass ein Album nicht lang sein muss, um richtig einzuschlagen.

Ob man nun dieses oder "Toys In The Attic" besser findet, ist vermutlich Geschmackssache. "Toys" hat m.E. die noch größeren Hits, "Rocks" klingt dagegen homogener und geschlossener, wobei ich finde, dass die nach hinten raus immer besser wird. Das sind aber Nuancen, kennen sollte man auf jeden Fall beide.


Nobody's Fault: Sick as a Dog (live): Home Tonight:
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Alphex
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Alphex »

Apparition hat geschrieben: 03.01.2021 18:18Heute wäre vermutlich das Geschrei groß, dass das ja viel zu wenig Musik fürs Geld wäre.
Eigentlich nicht, denn durch Streaming sind Alben (und auch Songs) in den letzten Jahren wieder deutlich kürzer geworden.

Rocks ist jedenfalls geil; so viel Swagger hatten sie danach eigentlich nur noch auf den schwächeren Alben (ja, ich mag die glattpolierten Sachen wie Permanent Vacation, aber Swagger ist da halt weniger). Bester Track: Nobody's Fault. Die Spaltung Tyler-Perry zeichnet sich langsam ab; Combination singt ja glaube ich Perry auch schon mit und hat es alleine verfasst?
"Wenn man in der Metalszene unterwegs ist, dann bekommt man quasi NIE politische Statements zu hören. Auch deswegen liebe ich diese Szene so. Politik ist dort nunmal kein Thema. Fast schon ein Tabuthema."
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Perry Rhodan »

"Rocks" ist geil.
Mein erster Kontakt mit der Band, irgendwann 1977.
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Apparition
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Alphex hat geschrieben: 03.01.2021 23:07
Apparition hat geschrieben: 03.01.2021 18:18Heute wäre vermutlich das Geschrei groß, dass das ja viel zu wenig Musik fürs Geld wäre.
Eigentlich nicht, denn durch Streaming sind Alben (und auch Songs) in den letzten Jahren wieder deutlich kürzer geworden.

Rocks ist jedenfalls geil; so viel Swagger hatten sie danach eigentlich nur noch auf den schwächeren Alben (ja, ich mag die glattpolierten Sachen wie Permanent Vacation, aber Swagger ist da halt weniger). Bester Track: Nobody's Fault. Die Spaltung Tyler-Perry zeichnet sich langsam ab; Combination singt ja glaube ich Perry auch schon mit und hat es alleine verfasst?
Ich weiß gar nicht, ob das "Swagger" ist. Das impliziert ja eine gewisse Überheblichkeit, aber die höre ich da eigentlich nicht, nur eine Band mit großem Selbstbweusstsein, die ihre Fähigkeiten genau kennt und einsetzt. Zu wenig Testosteron gibt's natürlich nicht, klar.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Alphex »

Apparition hat geschrieben: 04.01.2021 15:08
Alphex hat geschrieben: 03.01.2021 23:07
Apparition hat geschrieben: 03.01.2021 18:18Heute wäre vermutlich das Geschrei groß, dass das ja viel zu wenig Musik fürs Geld wäre.
Eigentlich nicht, denn durch Streaming sind Alben (und auch Songs) in den letzten Jahren wieder deutlich kürzer geworden.

Rocks ist jedenfalls geil; so viel Swagger hatten sie danach eigentlich nur noch auf den schwächeren Alben (ja, ich mag die glattpolierten Sachen wie Permanent Vacation, aber Swagger ist da halt weniger). Bester Track: Nobody's Fault. Die Spaltung Tyler-Perry zeichnet sich langsam ab; Combination singt ja glaube ich Perry auch schon mit und hat es alleine verfasst?
Ich weiß gar nicht, ob das "Swagger" ist. Das impliziert ja eine gewisse Überheblichkeit, aber die höre ich da eigentlich nicht, nur eine Band mit großem Selbstbweusstsein, die ihre Fähigkeiten genau kennt und einsetzt. Zu wenig Testosteron gibt's natürlich nicht, klar.
Ich meinte schon auch diesen mühelosen, oftmals dadurch auch leicht unsauberen und ergo dreckigen und "ich bin geil, Baby"-haften Groove. Also halt das, wodurch Guns & Roses auf dem Debut zu Milliardären werden sollten.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Ich hab's bisher vermieden, Axl & Co hier zu erwähnen, obwohl natürlich offensichtlich ist, dass die frühen G'n'R im Prinzip eine blanke Aero-Kopie waren. Berglichen mit Aerosmith in den Siebzigern finde ich Appetite for Destruction aber fast schon hüftsteif. Verglichen mit den Spätachtziger-Aerosmith klingt das natürlich wilder und dreckiger, aber ich glaube, die hatten Glück, dass die jungen Fans damals einfach nicht mehr wussten, wo's herkommt.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von MetalEschi »

70er Aerosmith hatte ich damals arg zufällig gehört in irgendeiner Classic Rock-Radioshow im Netz, und ich weiß noch wie ich gedacht habe "What the fuck? Was für eine Energie".
Ich wusste lange nicht welcher Song das war, aber es war Back in the Saddle.
Rocks ist schon ein arg feuriges Album, und der Guns 'n' Roses-Vergleich dürfte berechtigt sein, Slash hält es ja für das beste Album aller Zeiten.
Sie lasen: Qualitätsposting von MetalEschi (c)2020
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Apparition »

Draw The Line (1977)

Es wird allenthalben behauptet, dass dieses Album der Anfang von Ende für Aerosmith war. Die Band konstant auf Drogen, kreativ passierte nicht mehr viel Perry und Tyler komponierten kaum noch zusammen, die Aufnahmen zogen sich in die Länge, die Band war verschuldet und alle waren an Ende. Auch die Bandmitglieder selbst mögen das Album wohl nicht besonders. Zu zerrissen, zu verzettelt, und was weiss ich. Joe Perry war schon gar nicht mehr überall beteiligt und spielt verhältnismäßig wenig Gitarre. Ganz ehrlich: ich verstehe das nicht. Ich hab das Album gehört, bevor ich von all dem gelesen habe, und für mich klingt das kaum schwächer als Toys oder Rocks. Ich finde es ähnlich feurig, motiviert und fokussiert, ich höre auch keine Schwächen im Zusammenspiel oder überhaupt in der Performance. Ich interpretiere das eher so, dass da kreative und persönliche Egos zutage traten, die ihren Platz im Rampenlicht beansprucht haben und miteinander im Wettstreit standen. Aus dieser Reibung ist aus meiner Sicht eine erneute Höchstleistung entstanden. Allerdings gibt es ein, zwei Songs, die nicht ganz so funktionieren.

Was dieses Album für mich auszeichnet ist gerade, dass es so divers ist. Auf sowas stehe ich generell und finde es überhaupt keine Schwäche, dass ein Song Hardrock, der nächste Discosoul und der dritte ein Stones Verschnitt ist. Wo wir gerade davon reden: ich finde das Draw The Line das Album ist, auf dem Aerosmith am ehesten wie die Stones auf Steroiden klingen. Das sind Nuancen, aber die Stones hatten in den Siebzigern ein ähnlich breites Repertoire, und manch ein Klaviereinsatz und Riff erinnert mich schon noch mehr als auf den Alben davor an die Engländer.

Draw the Line:

Der übliche schnelle Song als Opener, mit eigentümlichem Riff, ohne Schnickschnack, mir ist das fast schon zu simpel. Mag ich weniger als Toys in the Attic oder Back in the Saddle, kann aber immer noch einiges.

I Wanna Know Why:

Diesmal kommt nicht die Bremse, sondern genau die Hymne, die ich mir eigentlich als Opener gewünscht hätte. Einfach in einem Tempo durchgeholzt, als hätte man zwei Stones-Nummern zusammengetackert und doppelt so schnell gespielt. Fein!

Critical Mass:

Die war in der Band wohl so langsam erreicht. Das ist der Song, der für mich am meisten "britisch" klingt, im Prinzip ein angezogener Blues-Standard. Routiniert und nix falsch dran, aber so ganz aufhorchen lässt er auch nicht. Vielleicht hat er für mich ein bisschen zu viel Honky Tonk-Piano. Mit fast 5 Minuten außerdem eine zu lang, was bei den alten Aerosmith überaus selten vorkommt.

Get it Up:

Wie es heisst, mochten die Fans damals nicht vier Minuten lang "Can't get it up" hören. *g* Auf jeden Fall hatten sie Selbstironie, an sich ist der Song nämlich die totale Aufreissernummer. Ich muss bei der Art, wie Tyler singt, tatsächlich an James Brown denken. Ganz andere Stimmlage, klar, aber schon dieser aufgeheizte Funk mit Zuchthengst-Gesang. Wenn man auf sowas steht, ist das ein perfekter Song. Man merkt generell, dass speziell an Tyler die aufkeimende Discowelle nicht ganz spurlos vorbeiging.

Bright Light Fright:

Ein Song von Perry, den Tyler wohl so wenig mochte, dass er nicht dazu singen wollte. Was dazu führte, dass Perry zum ersten Mal allein die Leadvocals übernahm. Funktioniert halbwegs gut, aber ein begnadeter Sänger ist er nicht. Ich las auf Wikipedia, dass der wohl von den Sex Pistols inspiriert war. Naja, geht so.

Kings and Queens:

Ladies and Gentlemen, mein Lieblingssong von Aerosmith. Total anders als alles aus der ganzen Dekade, wehmütig, episch, schwelgerisch. Ich habe immer das Meer oder Schiffe vor Augen, wenn er läuft, einfach ein Gefühl von Weite. Ein Song von Tyler, der wohl von diesem mittelalterlichen Setting träumte, wo ein Musiker völlig am Ende auf dem Boden eines Schlosses liegt und sich aufrafft, große Musik zu erschaffen. Dazu passt, dass das Album in einem Kloster aufgenommen wurde. "Der Tag des Falken" auf Aerosmith. Der Singleversion fehlt das schwere, fast doomige Riff am Anfang. Auch richtig geil gesungen.

The Hand That Feeds:

Ich hab nicht viel Ahnung von Bässen, aber das ist ein Stingray. *g* Das Bassintro zeigt, dass die Reise in die Disco geht. Das hätten sich Kiss mal reinziehen sollen, dann wäre vielleicht nicht so ein Schmierkäse wie "I Was Made for Loving You" entstanden. Oder "Miss You" von den Stones, um mal bei dem Thema zu bleiben. Wenn es sowas wie Hardrock-Disco gibt, dann das. Schon ein Tanztempel, aber dreckig, verrucht, mit schlechten Drinks und Drogen und ganz sicher keinen schnieken Anzügen. Fetzt.

Sight for Sore Eyes:

Wir bleiben in ähnlichen Gewässern, diesmal aber wieder eher Funk mit eigentümlichem Blueseinschlag. Wieder ein Song, den die Stones zwar schreiben, aber vermutlich nicht hätten spielen können. Und wieder einer, der mich ob seinee Heaviness und Schärfe staunen lässt. Wir reden ja oft über RHCP, Living Colour und so, wenn es um Rock/Funk-Crossover geht, Mother's Finest auch noch, aber Aerosmith muss man in der Reihe auf jeden Fall auch nennen. Das ist schon extraklasse. Im Prinzip passiert über den Song nicht viel, aber er hat halt den einen Rhythmus, der einen ewig mtreisst.

Milk Cow Blues:

Die Band hatte nicht genug Songs, um eine LP voll zu kriegen, also musste noch eben ein Cover her. Hier ein Bluesklassiker aus den Dreißigern. Stark umgesetzt, aber sie hatten schon bessere Rausschmeißer. Und: keine Ballade diesmal. Vielleicht waren sie dazu schon nicht mehr in der Lage.


I Wanna Know Why: Get it Up: Kings and Queens:
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Perry Rhodan
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von Perry Rhodan »

Draw The Line (1977)

Es wird allenthalben behauptet, dass dieses Album der Anfang von Ende für Aerosmith war. Die Band konstant auf Drogen, kreativ passierte nicht mehr viel Perry und Tyler komponierten kaum noch zusammen, die Aufnahmen zogen sich in die Länge, die Band war verschuldet und alle waren an Ende. Auch die Bandmitglieder selbst mögen das Album wohl nicht besonders. Zu zerrissen, zu verzettelt, und was weiss ich. Joe Perry war schon gar nicht mehr überall beteiligt und spielt verhältnismäßig wenig Gitarre. Ganz ehrlich: ich verstehe das nicht. Ich hab das Album gehört, bevor ich von all dem gelesen habe, und für mich klingt das kaum schwächer als Toys oder Rocks. Ich finde es ähnlich feurig, motiviert und fokussiert, ich höre auch keine Schwächen im Zusammenspiel oder überhaupt in der Performance. Ich interpretiere das eher so, dass da kreative und persönliche Egos zutage traten, die ihren Platz im Rampenlicht beansprucht haben und miteinander im Wettstreit standen. Aus dieser Reibung ist aus meiner Sicht eine erneute Höchstleistung entstanden. Allerdings gibt es ein, zwei Songs, die nicht ganz so funktionieren.

Ich finde das auch stark, sogar sehr stark.
Für mich nicht schlechter als die 2 Vorgänger.
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Re: Apparition und die wilden Siebziger

Beitrag von hunziobelix »

WOW,Danke.Das hätte ich jetzt nicht gedacht,dass jemand "Draw The Line" genau so geil findet wie ich.Danke. :prost:
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