BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Human Touch)

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KnitterRitter
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Born in the U.S.A.)

Beitrag von KnitterRitter »

JudasRising hat geschrieben:
KnitterRitter hat geschrieben:Live/1975-85 (1986)

...Veröffentlicht wurde die Box als 5 LPs, 3 CDs und 3 Kassetten, wobei die LP-Version von der Songstruktur deutlich mehr Sinn ergibt, als die CD-Version...
Ich bin ja durchaus Vinylfan, aber gerade bei Livealben bin ich froh, wenn ich zwischendurch möglichst wenig unterbrechen muss. Bei dem Konzert hätte ich ja auch keine 6 Pausen zwischendurch.
Das ist natürlich auch ein guter Punkt, aber andererseits ist das ja kein durchgängiges Livealbum, sondern eher eine Live-Compilation.
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JudasRising
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Live/1975-85)

Beitrag von JudasRising »

Das stimmt natürlich, hört sich aber ziemlich perfekt nach einem echten Konzert an.
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NegatroN
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Live/1975-85)

Beitrag von NegatroN »

Übergroßes Album, ich habe jahrelang nichts anderes gehört als dieses Teil. Ich hatte das zuerst auf Vinyl, hab es dann aber mit einem Kumpel gegen die CD-Version getauscht. Manchmal bereue ich das, aber nur manchmal.

Das erstaunlichste dabei ist vielleicht, dass es sich tatsächlich nicht nach einer Live-Compilation anhört. Klar, die alten Sachen klingen anders als die neuen, aber die Übergänge sind so fließend, dass man sie nicht wahrnehmen kann, wenn man alles am Stück hört.

Dazu sind die meisten Versionen eben auch noch stärker als die Studioversionen. Wenn ich eine Kritik habe, dann wäre es wie bei dir die Songauswahl. Aber das ist keine ernsthafte Kritik.
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Deornoth
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Live/1975-85)

Beitrag von Deornoth »

Die kenne ich aufgrund meiner Abneigung gegenüber Live-Alben tatsächlich gar nicht. Wenn ich das so lese, sollte ich es aber wohl mal versuchen.
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Beidlman
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Live/1975-85)

Beitrag von Beidlman »

Für mich persönlich das beste Live Album, das ich kenne.
Manche Intros und Songs verpassen mir seit über 30 Jahren Gänsehaut.
Einfach unfassbar gut.
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Live/1975-85)

Beitrag von Frank2 »

Deornoth hat geschrieben:Die kenne ich aufgrund meiner Abneigung gegenüber Live-Alben tatsächlich gar nicht. Wenn ich das so lese, sollte ich es aber wohl mal versuchen.
Das solltest Du UNBEDINGT! :wink:
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Apparition
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Live/1975-85)

Beitrag von Apparition »

Deornoth hat geschrieben:Die kenne ich aufgrund meiner Abneigung gegenüber Live-Alben tatsächlich gar nicht. Wenn ich das so lese, sollte ich es aber wohl mal versuchen.
Geht mir ähnlich, wobei Abneigung das falsche Wort ist, ich finde sie meistens nur unnötig. Wenn ich die 75-85 mal günstig sehe, nehme ich sie aber mit.
Als Westernheld muss ich Ihnen sagen, hier ist man nicht ordinär, sondern in Lebensgefahr.
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KnitterRitter
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Live/1975-85)

Beitrag von KnitterRitter »

Tunnel of Love (1987)

A-Seite
1. Ain’t Got You
2. Tougher Than the Rest
3. All That Heaven Will Allow
4. Spare Parts
5. Cautious Man
6. Walk Like a Man

B-Seite
1. Tunnel of Love
2. Two Faces
3. Brilliant Disguise
4. One Step Up
5. When You’re Alone
6. Valentine’s Day

Noch während der laufenden “Born in the USA”-Tour im Mai 1985 heiratete Bruce die Schauspielerin Julianne Phillips. Die Ehe war wohl keine besonders unproblematische und wahrscheinlich auch keine besonders glückliche, was (wenn man ihm selbst glauben darf) hauptsächlich an Bruce lag. Er schreibt in seiner Biographie selbst ausführlich über seine Tendenzen damals, keine längeren Beziehungen haben zu können, und wie er ab einem bestimmten Punkt nicht mehr fähig war, jemanden näher an sich heran zu lassen (einfach lesen – er beschreibt das alles natürlich viel besser, als ich es jemals könnte). Das geschah wohl letztlich auch mit Julianne, und auch wenn die beiden sich erst 1988 trennten (als es ernst wurde mit Patti Scialfa) und 1989 scheiden ließen, deutete sich das alles natürlich schon früher an und beeinflusste massive das Songwriting und die Aufnahmen von „Tunnel of Love“.

Die Arbeiten an dem Album begannen schon im Frühjahr 1986, wurden aber dann von der Veröffentlichung des Live-Box-Sets für den Rest des Jahres unterbrochen. Die ersten wirklichen Aufnahmen fanden dann Anfang 1987 statt, und der Großteil des Albums wurde zwischen Januar und Mai 1987 in Bruces Heimstudio „Thrill Hill East“ in New Jersey auf Band gebracht. Die Art der Sessions waren damit sehr vergleichbar mit der zweiten Phase der Aufnahmen für „Born in the USA“ 1983, wofür sich Bruce auch in sein Heimstudio zurückgezogen hatte, welches er seitdem deutlich aufgerüstet hatte. Zwischen Mai und Juli 1987 fanden weitere Sessions statt, dieses Mal aber in den A&M Studios in Los Angeles, wo im Wesentlichen die bereits aufgenommen Songs mit echten Drums, weiteren Keyboards, Orgel und sonstigen Overdubs versehen wurden. Neben ein paar außenstehenden Musikern waren hier auch ein paar Mitglieder E-Street-Band involviert, die aber ansonsten nicht viel mit dem Album zu tun hatte.

Insofern ist „Tunnel of Love“ effektiv in Solo-Album, was angesichts des sehr persönlichen Inhalts auch durchaus Sinn macht. Die Songs handeln alle von Liebe, von Beziehungen und vor allem von Kampf damit, der Unfähigkeit, den großen – vielleicht übergroßen – gemachten Versprechungen gerecht zu werden. Dabei scheut Bruce nicht davor zurück, teils sehr direkt sein eigenes Versagen in der Beziehung herauszustellen. Es ist ein sehr erwachsenes, sehr demütiges und persönlich-introvertiertes Album, von dem Bruce selbst gesagt hat, dass er diese Songs in keiner anderen Phase seines Lebens hätte schreiben können. In gewisser Weise erzählt das Album die Geschichte einer Beziehung. Während die ersten paar Songs noch voller Aufbruchsstimmung im Angesicht einer neuen Liebe sind, deuten sich schon ab der zweiten Hälfte der A-Seite schon die Probleme an, die dann auf der B-Seite mehr als deutlich thematisiert werden. Zuletzt wird wieder ein bisschen Hoffnung aufgezeigt, aber das Ende – selbstverständlich – offen gelassen.

Stilistisch ist „Tunnel of Love“ ein recht deutlicher Bruch nach dem energetischen „Born in the USA“, denn bis auf eine Ausnahme (Spare Parts) ist hier von Rock absolut nichts mehr zu hören. Zwar gibt es hier und da mal ein paar Ansätze von Country und Rockabilly, aber im Kern ist „Tunnel of Love“ ein Pop-Album, auf dem neben der sanften Gitarrenbasis häufig vor allem Keyboards und Orgel dominieren – alles gekleidet in eine Hochglanz-80er-Jahre-Pop-Produktion, die - wahrscheinlich dem Zeitgeist entsprechend - sehr klinisch klingt und damit ein wenig im Kontrast steht zu den eigentlich sehr persönlichen, gefühlvollen Songs und den eher minimalistischen Arrangements (dazu später mehr).

Ein weiterer Bruch stellte die anschließende „Tunnel of Love Express Tour“ statt, in der Bruce zwar mit E-Street-Band auftrat, aber sonst eigentlich alles änderte. Jedes Bandmitglied wurde auf eine andere Position auf der Bühne gestellt, und alles war in ein sehr enges Programm und choreographisches Korsett gepresst. Außerdem wurde frühere Eckpfeiler der Sets von vorneherein herausgenommen (Thunder Road, Promised Land etc.), und die das ganze Stage Acting war eher statisch und ernsthaft als, was nichts mehr mit der Spontanität und Energie zu tun hatte, wie man sie bisher von Springsteen-Shows kannte. Dazu spielte die bislang eher im Hintergrund agierende Patti Scialfa nun eine tragende Rolle als Co-Sängerin und prominente Bühnenpartnerin Springsteens, was hier und da recht skeptisch zur Kenntnis genommen wurde. Von der Tour gibt es auch ein paar ziemlich gute Live-Dokumente. Offiziell erscheinen ist die Live-EP „Chimes of Freedom“, die neben dem Dylan-Cover auch die unten verlinkte Version von „Tougher Than the Rest“, das „The River“-Outtake (bzw. B-Seite) „Be True“ sowie eine Akustik-Version von „Born to Run“ enthält. Daneben ist vor allem die Show aus der L.A. Sports Arena (offiziell zu bekommen auf live.brucespringsteen.net) und der FM-Broadcast der ersten Hälfte der ziemlich tollen Stockholm-Show erwähnenswert („Sweden Broadcast 1988“), den man z. B. auf Amazon online anhören kann. Auf der Tour wurde u.a. auch erstmals „Roulette“ gespielt, welches aus den „The River“-Archiven hervorgeholt worden war und als B-Seite zu „One Step Up“ veröffentlicht wurde.

Alles in allem war das Album, aber vor allem auch die Tour für Fans und Band gleichermaßen irritierend, und das alles war damit schon deutlicher Vorbote, dass einschneidende Veränderungen anstehen sollten. Zwar war die E-Street-Band noch für 2 weitere Jahre offiziell Teil von Springsteen, aber die Anzeichen für eine bevorstehende Trennung waren mehr als offensichtlich…

Zu den Songs:

Ain’t Got You [anhören]
Einer der vielleicht eigenartigsten und untypischsten Opener aller Springsteen-Alben. Untypisch nicht nur für Springsteen selbst, sondern auch für dieses Album selbst. Anders als das übrige Album ist das hier eine fast heitere Nummer, die suggeriert, wie zu Beginn dieses ganzen „Liebestunnels“ die Welt noch in Ordnung ist. Bruce spielt hier alle Instrumente, komplett aufgenommen in seinem Heimstudio. Netter Song, aber auch nicht mehr.
8/10

Tougher Than the Rest [anhören (Musikvideo) / anhören (Albumversion)]
Hier wird erstmals der Sound des Albums als Ganzes präsentiert, nachdem beim Opener weder Drums noch Keyboards oder Orgel enthalten waren. Das Schlagzeug ist quasi eine Blaupause 80er-Jahre Drums, d.h. klinisch perfekt mit knallender Snare und kaum Dynamik. Hier wird das noch dadurch verstärkt, dass Mighty Max Weinberg offenbar ziemlich erfolgreich versucht, wie ein Drumcomputer zu klingen (ehrlich gesagt war ich lange Zeit der Meinung, auf dem Album spielt tatsächlich ein Drumcomputer). Die Synthies, die den gesamten Song als Hintergrundteppich begleiten, sind angesichts der sonst sehr transparenten und minimalistischen Arrangements extrem dominant, so dass mir das alles den Song auf dem Album ein bisschen verdirbt. Live ist das alles viel organischer und lebendiger (u.a. durch die teilweise verwendeten echten Bläser), klingt aber trotzdem fast so perfekt wie die Albumversion. Das oben verlinkte Live-Video von der Chimes-of-Freedom-EP (der ursprünglichen Vinyl-Version, nicht der gekürtzten CD-Version) ist jedenfalls vollkommen grandios. Insgesamt ein prinzipiell ziemlich großartiger Song (vielleicht einer der ersten echten Liebeslieder Springsteens), auch wenn der Sound des Albums hier nicht so besonders für mich funktioniert.
9,5/10

All That Heaven Will Allow [anhören]
Netter kleiner Song, der als Auflockerung zwischen dem dichten „Tougher…“ und dem aufwühlenden „Spare Parts“ ganz gut passt. Ziemlich sicher kein Highlight und keiner der ganz großen Songs, aber eben eine angenehme kurze Nummer, in der Springsteen alle Instrumente spielt und nur ein wenig von Weinberg an den Drums begleitet wird. So ein bisschen der letzte im Kern positive Song der Scheibe, bevor mit „Spare Parts“ erstmal alles in sich zusammenfällt.
8,5/10

Spare Parts [anhören (Live-Musikvideo) / Album-Version]
Im Albumkontext wirkt dieser verstörende Song fast wie ein Fremdkörper, auch weil es quasi der einzige Song ist, der als Rock bezeichnet werden kann. Die E-Gitarren, der aggressive Gesagt, die ziemlich brutale Story über eine Frau, die ungewollt Mutter wird und damit nicht klar kommt (sogar einmal vorhatte, das Kind umzubringen) – alles passt überhaupt nicht zum Rest der Scheibe, und ich glaube, das ist durchaus gewollt. Denn nach diesem Song beginnt die heile Liebeswelt, die in den ersten drei Nummern aufgebaut wurde, so langsam in sich zusammenzubrechen, und „Spare Parts“ ist quasi das Abrisskommando dafür. Auch für sich genommen ein ziemlich cooler Song, der der Scheibe auch den nötigen Touch Abwechslung verleiht. Im Übrigen der einzige Song der Scheibe mit Garry Tallent am Bass (sonst spielen hier noch Federici, Weinberg sowie James Wood mit der Munharmonika). Das verlinkte Live-Video ist übrigens von der oben angesprochen Stockholm-Show und zeigt ein nochmal völlig anderes Bild dieses Songs.
9/10

Cautious Man [anhören]
Die erste echte Ballade (komplett Bruce solo) klingt für mich wie ein Cousin von „Stolen Car“ (bzw. eher von der schnelleren nicht verwendeten Version auf „Tracks“). Tolle, gefühlvolle Nummer über einen Mann, der zwischen Liebe, Angst und Misstrauen gefangen ist und so trotz aller guten Vorsätze keinen wirklichen Frieden in seiner Beziehung findet. Erfrischend anders, vor allem weil mal rein akustisch, ohne Keyboards und Drums. Tolle Nummer und wahrscheinlich zu nicht unerheblichen Teilen autobiographisch.
9/10

Walk Like a Man [anhören]
Vielleicht der Song von Bruce über seinen Vater, der noch am versöhnlichsten ausgefallen ist. Springsteen spielt hier abgesehen von den Drums mal wieder alle Instrumente, und es ist mal wieder so ein Song, bei dem ich mir gewünscht hätte, wenn er etwas „echter“ und weniger glattpoliert klingen würde. Trotzdem eine hervorragende Nummer und ein alles in allem runder Abschluss der A-Seite.
9/10

Tunnel of Love [anhören (Musikvideo)]
Die B-Seite beginnt, wie schon die A-Seite, mit einem eher untypischsten Springsteen-Song. Zwar ist der Song im Grunde eine Akustik-Midtempo-Nummer, aber das stark elektronische Arrangement macht daraus etwas ganz eigenes. Streckenweise erinnert mich die Nummer sogar an Rush der späten 80er und frühen 90er Jahre (nicht die Pseudo-Computer-Drums am Anfang, aber an manchen Stellen die Melodieführung und der Synthie-Einsatz). Neben Springsteen sind hier Nils Lofgren (Gitarre), Roy Bittan (Synthies), Max Weinberg (Drums) und Patti Scialfa (Backing-Vocals) zu hören. Auf der Tour war der Song hier immer der Opener, bei dessen Intro die Band nach und nach mit einer speziellen Showeinlage auf die Bühne gekommen ist (hier ein Beispiel). Hochinteressanter Song, der zwar nie zu meinen Favoriten gehören wird, der aber dem Album ein zusätzliches Element verleiht. Auf frühen Album-Tracklists war der Song dabei gar nicht vertreten (stattdessen war da „Lucky Man“ aufgeführt), so dass er wohl nur gerade so auf der Scheibe gelandet ist. Nach „Brilliant Disguise“ die zweite Hit-Single des Albums.
9/10

Two Faces [anhören]
Dieser Song hat vermutlich auch wieder sehr viel autobiographische Inhalte und klingt damit fast schon brutal ehrlich. Musikalisch ist hier mal wieder Minimalismus angesagt, etwas vergleichbar mit „All That Heaven Will Allow“. Alles in allem ein schöner Song, aber die Mambo-Kurt-Heimorgel am Ende kann Springsteen doch nicht ernsthaft ernst meinen?!
8/10

Brilliant Disguise [anhören (Musikvideo)]
Die Hit-Single des Albums ist gleichzeitig ohne Zweifel eines der absoluten Highlights. Die Texte sind vermutlich wieder mal teilweise aus der Realität gezogen und handeln von einer Beziehung, in der auf beiden Seiten mehr und mehr Misstrauen wächst und beide Partner nicht mehr ihr wahres Selbst zeigen und gleichzeitig nicht mehr vom wahren Selbst des anderen überzeugt sind. Erwähnenswert ist noch das minimalistische Video, in dem Springsteen einfach auf einem Stuhl sitzt und Gitarre spielt, während die Kamera immer näher an sein Gesicht heranzoomt, wobei er dem Zuschauer fast durchgehend in die Augen schaut. Wegen des extreme Close-Ups am Ende wurde hier erstmals eine Technik angewandt, die sich auch in einigen späteren Springsteen-Videos wiederfinden wird („Philadelphia“, „Better Days“, „Lonesome Day“): Die Musik kommt zwar vom Band, aber die Vocals sind während des Videodrehs live gesungen. Damit ist das alles perfekt lippensynchron, und gleichzeitig klingt der Videoclip natürlich auch etwas anders als die Albumversion. Neben Springsteen sind auf der Nummer noch Roy Bittan (Keyboard), Federici (Orgel) und Max Weinberg an den Drums zu hören. Bester Song des Albums.
9,5/10

One Step Up [anhören (Musikvideo)]
Das nächste Musikvideo und wieder mal ein Bruce-Solo-Song (abgesehen von Background-Vocals von Patti Scialfa). Die kleine Besonderheit hier ist, dass das der einzige Song ist, der nicht in Bruces Heimstudio aufgenommen wurde, sondern in den A&M-Studios, wo die Overdubs für einige andere Nummern eingespielt wurden. Textlich sieht es hier ähnlich aus wie bei den beiden vorherigen Nummern: Ein Mann, der mit sich selbst und seinem Versagen in der Beziehung hadert. Ziemlich guter Song.
9/10

When You’re Alone [anhören]
Etwas unscheinbarer, aber ganz einfach ein guter Song, der inhaltlich die Spannung, die über die gesamten letzten Songs aufgebaut wurde, freisetzt, und zwar mit der unvermeidlichen Trennung. Und auch wenn der Song tatsächlich entspannter klingt, als die vorherigen Nummern, so klingt er auch einfach trauriger, denn wie es der Song sagt: Wenn man alleine ist, ist man einfach nur alleine.
9/10

Valentine’s Day [anhören]
Der Abschluss des Albums schließt gleich mehrere Kreise: Zum einen ist er inhaltlich vielleicht nach dem Ende der Beginn eines neuen Anfangs, zum anderen greift er auch weit zurück zu „The River“, als auch in „Stolen Car“ – eine der Blaupausen für die Stimmung von „Tunnel of Love“ –der Protagonist im Angesicht einer Trennung alleine einen Highway entlang fährt. Außerdem ist hier zum Abschluss auch nochmal Bruce solo ohne Begleitband zu hören, was ebenfalls eine kleine Brücke zurück zum Opener schlägt. Für sich alleine ist dieser Song kaum zu bewerten, aber als Ende dieses Albums ist er mit seiner melancholischen Stimmung, die aber zur gleichen Zeit ein Licht am Ende des „Tunnels“ suggeriert, schlicht und einfach perfekt.
9/10


FAZIT:
Mit „Tunnel of Love“ tue ich mir, wie auch viele andere Fans, ziemlich schwer. Bei mir ist es nicht unbedingt der krasse Stilbruch nach „Born in the USA“ – der ist durchaus verständlich, angesichts des Erfolgszenits, der damit erreicht wurde. Es ist auch nicht die thematische Ausrichtung auf Liebes- und Beziehungs-Songs, denn auch das ist angesichts von Bruces persönlicher Situation damals verständlich, und es ist auch noch verdammt gut umgesetzt (selbst wenn man Alben mit diesem Thema eigentlich nicht unbedingt braucht). Womit ich mir hier sehr schwer tue, und das habe ich ja schon mehrfach angedeutet, ist der Sound. Dieser künstliche, klinische 80er-Jahre-Sound passt für mich überhaupt nicht zum minimalistisch-persönlichen Ansatz und bringt ein Kitsch-Element in manche Nummern ein, das sie absolut nicht gebraucht hätten. Dazu klingen die Teile der E-Street-Band hier auch nicht wirklich wie eine Band, sondern wie Session-Musiker, was sie hier faktisch auch waren. Besonders das eintönige Drumming von Weinberg fällt hier echt negativ auf. Weinberg war ja noch nie für spannende Trommelei bekannt, aber bei einem derart minimalistisch arrangierten Album stehen die Drums viel stärker im Vordergrund, als sie es mit Voll-Band-Arrangement waren. Und das steht ihnen meiner Meinung nach überhaupt nicht gut. Okay, genug gemeckert, denn alles andere – die Songs, der Spannungsbogen, die Atmosphäre – all das ist hier schon extrem gut. Das Album ist ein Zeitdokument, das einen einmaligen Einblick in Springsteen Gemütszustand in dieser Phase gibt, und außerdem zeigt er hier, dass er eben auch diese Art von Songs kann. Tatsächlich kenne ich kein anderes Album, das ein derart erwachsenes, differenzierteres, selbstkritischeres und bescheidenes Bild von Romantik malt, als „Tunnel of Love“. Alleine das muss man wertschätzen, selbst wenn man mit dem Album selbst nicht unbedingt viel anfangen kann.
9/10


Outtakes und B-Seiten

Lucky Man [anhören]
Die B-Seite von „Brilliant Disguise“ wäre beinahe anstelle von „Tunnel of Love“ auf dem Album gelandet. Bruce an allen Instrumenten. Gute, sehr minimalistische und spannungsgeladene Nummer.
8,5/10

Two For the Road [anhören]
Nochmal Bruce solo und die B-Seite von “Tunnel of Love”. Sehr entspannte, kurze Nummer. Irgendwie ein Song, der perfekt als B-Seite passt, aber auf dem Album wahrscheinlich untergegangen wäre.
8,5/10

The Honeymooners [anhören]
Wie auch die anderen beiden Outtakes wurde dieser Song auf “Tracks” nachträglich veröffentlicht. Schöne, kurze Ballade.
8,5/10

The Wish [anhören]
Ein toller, nostalgischer Song, in dem Springsteen zurückblickt auf die Zeit, als er seine erste Gitarre geschenkt bekommen hat. Es ist ein ziemlich einzigartiges Beispiel, wo Bruce nicht primär über seinen Vater, sondern über seine Mutter schreibt. Großartige Nummer, voller Erinnerungen und familiärer Wärme.
9/10

When You Need Me [anhören]
Nochmal eine schöne Ballade zum Abschluss.
8,5/10

Weitere Outtakes (bislang unveröffentlicht)
  • Part Man, Part Monkey => ziemlich coole Nummer mit Reggae-Einschlag; der Song wurde später nochmal für “Human Touch” aufgenommen und als B-Seite veröffentlicht. Während der „Tunnel of Love“-Tour wurde er aber auch recht regelmäßig gespielt, was ziemlich bemerkenswert aussah… (Beispiel anschauen)
  • Pretty Baby, Will You Be Mine
  • Things Ain’t That Way
  • Walking Through Midnight
Zuletzt geändert von KnitterRitter am 07.10.2017 08:40, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Tunnel of Love)

Beitrag von MetalEschi »

Der Sound ist halt vor Allem insofern unassend, dass das nunmal keine oberflächlichen Dance-Songs sind, sondern diese durchaus Tiefgang haben. Für ein typisches, schnell konsumierbares 80er-Pop-Album hätte der billige Unterbau sicherlich ausgereicht. Hier wirkt es irgendwie....unfertig.
Sie lasen: Qualitätsposting von MetalEschi (c)2020
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Tunnel of Love)

Beitrag von NegatroN »

Ich mag dieses Album sehr gern, auch genau wie es ist mit genau diesem Sound. Das Popgewand finde ich überhaupt nicht unpassend, der sehr warme und softe Sound ist für mich hier ebenfalls ziemlich stimmig. Ich hab da nicht immer Bock drauf, aber es gibt schon Tage, da muss es genau dieses Album sein und dann geht auch kein anderes von ihm. Auf seine Art ist das genau so eigen und speziell wie Nebraska, etwas vergleichbares hat er weder davor noch danach gemacht.

Die verlinkte Liveversion von Tougher kannte ich noch nicht, aber die ist ziemlich geil. Und auch was sehr besonderes, denn das ist glaub ich die allererste Aufnahme, auf der mich Patti Scialfa nicht irre nervt, und zwar in jeder Hinsicht. Ich gönne den beiden, dass sie sich gefunden haben, aber auf der Bühne finde ich Scialfa normalerweise einfach nur furchtbar. Ihre Stimme, ihre Betonungen, ihre ganze Art zu singen, ihr Stageacting - bei all dem drehen sich mir die Fußnägel auf. Außer bei dieser Version. Da funktioniert es beinahe durchgehend und mich stört so gut wie nichts an ihr. Ich finde es sogar richtig gut, wie sie mit Spingsteen interagiert. Völlig krass eigentlich.
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Tunnel of Love)

Beitrag von KnitterRitter »

NegatroN hat geschrieben:Die verlinkte Liveversion von Tougher kannte ich noch nicht, aber die ist ziemlich geil. Und auch was sehr besonderes, denn das ist glaub ich die allererste Aufnahme, auf der mich Patti Scialfa nicht irre nervt, und zwar in jeder Hinsicht. Ich gönne den beiden, dass sie sich gefunden haben, aber auf der Bühne finde ich Scialfa normalerweise einfach nur furchtbar. Ihre Stimme, ihre Betonungen, ihre ganze Art zu singen, ihr Stageacting - bei all dem drehen sich mir die Fußnägel auf. Außer bei dieser Version. Da funktioniert es beinahe durchgehend und mich stört so gut wie nichts an ihr. Ich finde es sogar richtig gut, wie sie mit Spingsteen interagiert. Völlig krass eigentlich.
Sehe ich ähnlich. Die gemeinsame Performance (die niemals nur gespielt ist - dafür sind die Blicke der beiden zu authentisch) ist hier aber besonders bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass Bruce da eigentlich noch mit Julianne Philips verheiratet und zusammen war...
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Tunnel of Love)

Beitrag von NegatroN »

Meine Favoriten auf dem Album sind neben dem Titeltrack und dem übermächtigen Tougher Than The Rest Spare Parts, Cautious Man und One Step Up. Brilliant Disguise kommt bei mir klar dahinter. Das ist auch der einzige Song, der mir dann tatsächlich etwas zu poppig geraten ist.
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Tunnel of Love)

Beitrag von Thunderforce »

Die Platte kenne ich nicht, bis auf "Tougher Than The Rest", das war ja schon recht bekannt und lief auch im Radio rauf und runter.
Geiles Lied.

Keine AHnung, warum ich mich nie damit befasst habe. Evtl. war es das furchtbare Miami Vice für noch Ärmere-Cover *g*
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Tunnel of Love)

Beitrag von oger »

Sind schon ein paar gute Songs drauf (Tougher than the Rest, All that heaven will allow, Spare Parts) aber insgesamt ist mir der Anteil an sehr ruhigen Songs zu hoch, die sich auch noch ziemlich ähneln.
In so einer Stimmung bin ich selten. Und die 80er-Sound-Zugeständnisse verderben tatsächlich die eine oder andere Idee.

Lustig finde ich aber die erste Zeile von Two Face:

"I met a girl and we ran away, I swore to make her happy every day"

Das ist - vom geringen lyrischen Wert mal abgesehen - schon ne ziemlich klischeehafte thematische Blaupause für etliche Texte von ihm.
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Tunnel of Love)

Beitrag von costaweidner »

Ich mag das Album recht gerne, wenn ich auch grade nicht alles im Kopf habe. Daher gleich mal hören.

Ich bin großer Fan von 'Walk Like a Man' (den ich zuerst in irgendeiner Live-Version gehört habe, die ich super finde), 'Brilliant Disguise' und vor allem 'Valentine's Day' (der übrigens völlig super in "Show Me a Hero" benutzt wurde, wo ich ihn auch erstmals hörte).
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