BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Human Touch)

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BRUCE SPRINGSTEEN - Eine Werkschau (aktuell: Human Touch)

Beitragvon KnitterRitter » 18.06.2017 11:43

Nachdem ich vor kurzem seine Biographie „Born To Run“ gelesen habe (übrigens sehr empfehlenswert!) und mich parallel durch die komplette Diskographie gehört habe, dachte ich, wir sollten diesem Ausnahmemusiker einen schon lange überfälligen Thread widmen.

Ich bin noch nicht ganz sicher, wie ausführlich das hier alles wird, aber der Plan ist, sein Werk Schritt für Schritt von Anfang bis zur Gegenwart zu durchleuchten und auch ein paar kleine Hintergrundinformationen zu den Alben zu geben. Da ich bei Weitem nicht alles weiß und es hier ja einige Springsteen-Anhänger gibt, hoffe ich in diesem Zusammenhang selbst auch das eine oder andere zu lernen.

Hier schon einmal als Platzhalter die vorgesehen Gliederung, die dann immer wieder mit Links versehen wird, sobald das jeweilige Album bzw. die jeweilige Phase behandelt wurde:


Nicht besprechen werde ich hauptsächlich einige der veröffentlichten Live-EPs (Chimes of Freedom etc.) sowie die meisten Compilations und Boxsets. Relevant davon ist vor allem „Tracks“ – ein 4-CD-Boxset mit vielen Outtakes aus den früheren Recording Sessions. Diese Outtakes werde ich aber direkt bei den jeweiligen Alben kurz ansprechen, damit das alles ein bisschen besser einzuordnen ist. Einige der zusätzlichen Live-Alben, wie Hammersmith Odean London ´75 oder Live in Dublin werde ich im Kontext der jeweiligen Alben ansprechen.

Dann schauen wir einfach mal, ich nehme an, das alles wird eine Weile dauern… Das erste Kapitel über die Prä-Bruce-Springsteen-Zeit gibts wahrscheinlich heute schon.
Zuletzt geändert von KnitterRitter am 05.11.2017 16:28, insgesamt 16-mal geändert.
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon NegatroN » 18.06.2017 12:18

*feier*

Ich gelobe zumindest den Versuch, mich zu beteiligen!
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon costaweidner » 18.06.2017 14:07

My body is ready. Ich höre eh viel zu wenig Springsteen in letzter Zeit, aber das wird sich sicherlich auch ändern, wenn ich mich mal an die Biographie mache.
TMW316 hat geschrieben:Mit Musik kenn ich mich aus. Das sind Noten bzw. Töne in bestimmter Reihenfolge.

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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon Furor » 18.06.2017 14:41

Feine Sache! :) *Thread gespannt verfolgen werd*
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon KnitterRitter » 18.06.2017 14:58

The Early Years (1965-1972)

Bevor ich tatsächlich zum Debutalbum komme, will ich zunächst noch einige Worte zu Bruces Werdegang vor „Greetings…“ verlieren. Seine Herkunft und Kindheit lass ich dabei mal außen vor – das würde zu weit führen – aber wer sich dafür interessiert, dem sei nochmal seine Biographie „Born To Run“ ans Herz gelegt, die diese Zeit im ersten Kapitel recht intensiv behandelt.

Ok, Bruces erste ernsthafte Band hieß „The Castiles“, in der er 1965 als Lead Gitarrist begann, aber nach einiger Zeit auch die Sängerrolle übernahm – hauptsächlich deshalb, weil sich kein anderer Sänger fand. Die Band machte sich in New Jersey durch regelmäßige Auftritte in einschlägigen Bars und Lokalen recht schnell einen Namen. In diesem Zusammenhang lernte Bruce auch Steven Van Zandt kennen, der damals Frontman bei einer Band mit Namen „The Shadows“ war, und mit dem sich Bruce ziemlich schnell anfreundete. Insgesamt war das halt eine typische Jugend-Garagenband, die ihr Ding mit viel Enthusiasmus machte, aber jetzt natürlich noch die große musikalische Offenbarung war.

Einige Songs von "The Castiles":

  • Baby I [Hörprobe]
    Diese ganz frühe Studioaufnahme (Bruce war hier 16) wurde für die Compilation „Chapter and Verse“ etwas aufgehübscht. Man hört hier viel jugendlichen Charme im Stil der damaligen 60er-Jahre-Musik. Nicht wirklich schlecht, aber halt schon eher was für Nostalgiker.
  • You Can’t Judge a Book by its Cover [Hörprobe]
    Diese frühe Live-Aufnahme aus dem Jahr 1967 mit einem Willie Dixon Cover wurde damals in sehr schlechter Qualität aufgezeichnet und für „Chapter and Verse“ ordentlich restauriert (und sie klingt noch immer schlecht). Man hört hier eine enorme Live-Energie heraus, aber so richtig toll ist das natürlich alles nicht.
  • That’s What You Get [Hörprobe]
    Die Nummer kommt aus den gleichen Aufnahme-Sessions wie “Baby I”, wurde aber eben nicht für “Chapter and Verse” restauriert, sondern ist hier im originalen „Glanz” zu hören. Naja.
  • Hold On, I’m Coming [Hörprobe]
    Und hier noch ein anderer, nicht restaurierter Song von der Live-Aufnahme 1967. Kann man mal anhören, aber wahrscheinlich kein zweites Mal.

Nach dem Ende von „The Castiles“ im Jahr 1968 (nicht unwesentlich durch eine Drogen-Razzia versursacht, bei der die halbe Band festgenommen wurde) experimentierte Bruce zunächst für eine kurze Zeit in einem „Power Trio“ mit Namen „Earth“ herum – in dieser Zeit entstand auch sein etwas ungeliebter Spitzname „The Boss“ – bis er ein Jahr später schließlich die Band „Steel Mill“ gründete (ursprünglich „Child“, aber der Name war bereits vergeben). Steel Mill bestand zu Beginn aus Bruce (Gitarre, Gesang), Vinnie Roslin (Bass), Vini „Mad Dog“ Lopez (Drums) und Danny Federici (Orgel) und war damit, abgesehen von Roslin, welcher später durch Steve Van Zandt ersetzt wurde (d.h. Steve am Bass), bereits so etwas wie eine frühe, deutlich rockigere Inkarnation der frühen E-Street-Band. Ziemlich schnell hatte sich Steel Mill in New Jersey eine beachtliche Fangemeinde erspielt, und nach einem Abstecher nach Kalifornien wurde ihnen vom in San Francisco ansässigen Promoter Bill Graham sogar ein Plattenvertrag angeboten (die Band lehnte ab). Aus dieser Zeit (1970) stammen auch die existierenden Studioaufnahmen, in denen man schon einen sehr deutlichen Unterschied zu der alten Castiles-Phase hört. Die Steel-Mill-Ära war auch die Zeit, in der Bruce ne richtige Matte hatte (wie in einigen der youtube-Clips unten zu sehen). Stand ihm auch nicht schlecht. *g*

Einige Songs von "Steel Mill":

  • He’s Guilty (The Judge Song) [Hörprobe]
    Der Song aus den erwähnten Studioaufnahmen, der es auf “Chapter and Verse” geschafft hat. Eine gute, wenn auch nicht sehr spektakuläre Rock ´n´ Roll-Nummer mit toller Gitarrenarbeit und einem interessanten Federici-Orgel-Solo.
  • Goin’ Back To Georgia [Hörprobe]
    Eine anderer Song aus diesen Studio-Sessions, der aber nicht für “Chapter and Verse” ausgewählt wurde. Schöner Country/Rock-Song, in dem hier und da ein 70er-Dylan durchscheint.
  • The Train Song [Hörprobe]
    Die dritte Studioaufnahme aus 1970. In diesem Country/Folk-Song hört man schon einige deutliche Parallelen zu späteren Songs heraus. Schöne Nummer.
  • The Wind and the Rain [Hörprobe (Part I) | (Part II)]
    Eine Live-Aufnahme dieses 20-Minuten-Songs aus dem Jahr 1970 mit extrem ausgedehnten Soloparts. Offenbar hat die Band die ersten zwei bis drei Led-Zeppelin-Scheiben, die damals bereits raus waren, mehr als einmal gehört.
  • Sweet Melinda [Hörprobe]
    Eine weitere Live-Aufnahme, dieses Mal aus 1971, d.h. schon ziemlich gegen Ende des Bandbestehens. Schöne bluesige Nummer, bei der man hier und da schon mal durchhört, wo es mal hingehen könnte.

Anfang der 70er fühlte Bruce, dass er den reinen Rock-Roots etwas entwachsen war und, dass er – u.a. beeinflusst von Joe Cocker, Van Morrison und Leon Russel – einfach etwas anderes machen wollte. Neben ein paar Nebenprojekten („Dr Zoom & the Sonic Boom“ und „The Sunday Blues Band“) entstand daher aus Steel Mill 1971 schließlich die „The Bruce Springsteen Band“ und am Ende einfach „Bruce Springsteen“. Mit diesen Namensänderungen wurde Bruces Führungsrolle unterstrichen, allerdings verlor man dadurch (und den leichten stilistischen Wandel) zunächst auch einige Teile der bisherigen Fangemeinde, was vor allem finanziell erstmal nicht ganz einfach war. Im Laufe dieser Jahre stießen auch David Sancious (Piano/Keyboard), Garry Tallent (Bass) und letztlich auch Clarence Clemons (Sax) dazu – alles Musiker, die Bruce aus anderen Jersey-Bands bereits seit längerem kannte – und 1972 war damit die (noch nicht explizit so benannte) E-Street-Band gegründet, und dem ersten Album stand fast nichts mehr im Wege…

Einige Song von „The Bruce Springsteen Band“:

  • The Ballad of Jesse James [Hörprobe]
    Dieser Song aus der kurzen Phase der „The Bruce Springsteen Band“ wurde ebenfalls auf „Chapter and Verse“ veröffentlicht und zeigt schon so ein wenig, wo Bruce hinwollte. Ein schönes schleppendes Duell zwischen Gitarre und David Sancious´ Keyboards mit einer Gesangslinie darüber, die mal wieder an Dylan der 70er Jahre erinnert. Ziemlich gute Nummer eigentlich.
  • My Baby’s Natural Magic [Hörprobe]
    Live-Aufnahme aus 1971. Recht soulig-bluesige Ballade, die man sich gut anhören kann, die mich aber auch nicht wirklich umhaut.

Es gibt aus dieser Zeit noch einige mehr Live-Aufnahmen, die man sich aber soundtechnisch kaum anhören kann. Ihr könnt ja selbst mal ein bisschen auf youtube stöbern.
Zuletzt geändert von KnitterRitter am 23.06.2017 06:59, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon MetalEschi » 18.06.2017 17:48

Ich liebe diese Threads. <3
hier kommt die Signatur hin
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon NegatroN » 18.06.2017 17:58

Bei den Aufnahmen aus der Zeit müsste man wohl dabei gewesen sein, um sie wirklich zu schätzen. Ohne das haben sie maximal historischen Wert.
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon MasterOfWurst » 18.06.2017 18:21

Viel Spaß mit dem Thread, für mich der falsche Künstler. Kann ich musikalisch rein gar nichts mit anfangen.
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon Frank2 » 18.06.2017 18:29

Sehr feiner Thread.
Ich lese mit höchster Spannung mit.
Und für jemanden wie mich, der den Boss zwar in jeder Phase
verehrt, sich aber über die Hintergründe nie groß informiert hat,
hat schon die erste kurze Abhandlung der Anfänge einiges mir
nicht bekanntes zu Tage getragen.
Weiter so :pommes:
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon Thunderforce » 18.06.2017 18:32

MetalEschi hat geschrieben:Ich liebe diese Threads. <3


Ich auch. Freu mich schon drauf.
Die Geschichtsstunde war schonmal sehr lehrreich.
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon KnitterRitter » 18.06.2017 19:03

NegatroN hat geschrieben:Bei den Aufnahmen aus der Zeit müsste man wohl dabei gewesen sein, um sie wirklich zu schätzen. Ohne das haben sie maximal historischen Wert.

Am schönsten sind eigentlich die alten Fotos, die bei den youtube-Videos als Diashow mit durchlaufen. Aber ansonsten geb ich dir im Großen und Ganzen recht.
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon Deornoth » 19.06.2017 15:27

Boah, geil. Da bin ich gespannt :)

Ich fand die Autobiographie ebenfalls ziemlich großartig und habe seitdem noch mehr Bock auf den Boss. Da kommt der Thread perfekt :)
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon NegatroN » 19.06.2017 16:23

Ich komm bei der Biographie nicht so schnell weiter, wie ich möchte. Aktuell bin ich bei The River. Hoffentlich ist der Knitter nicht zu schnell. *g*
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon KnitterRitter » 19.06.2017 20:23

Greetings from Asbury Park, N.J. (1973)

A-Seite
1. Blinded by the Light
2. Growin' Up
3. Mary Queen of Arkansas
4. Does This Bus Stop at 82nd Street?
5. Lost in the Flood"

B-Seite
1. The Angel
2. For You
3. Spirit in the Night
4. It´s Hard to be a Saint in the City

Alles begann gewissermaßen mit Mike Appel, den Bruce zusammen mit Jim Creteos als Manager anheuerte. Der nicht wirklich vorteilhafte Vertrag, den Bruce damals unterzeichnete, sorgte später noch für eine Menge Ärger, aber, wie Bruce schrieb „In the end, I would´ve signed Mike´s jockey shorts, if he´d presented them to me, to get my foot in the door“.

Mike Appel organisierte Bruce diverse Auditions bei verschiedenen Plattenfirmen, u.a. für John Hammond und Clive Davis bei Columbia Records, die ihn schließlich unter Vertrag nahmen. Einige der akustischen Demos, die bei den Auditions vorgetragen wurden, wurden später auf Tracks veröffentlich, andere bleiben bis heute unveröffentlicht (teils kursieren aber Aufnahmen – siehe unten bei Outtakes). Einer der Songs, den er Hammond vorspielte, war im Übrigen „If I Was the Priest“ (auch bei den Outtakes unten aufgeführt) – eine Art Westernsong, in dem Jesus der Sheriff ist und Maria den „Holy Grail Saloon“ führt…

Da die Demos allesamt „Bruce solo“ waren (ähnlich zu frühen Dylan-Songs), Bruce die Studioaufnahmen aber mit der kompletten Band machen wollte, gab es zunächst einige Diskussionen darüber, ob und zu welchem Anteil das Album eher akustisch oder mit Band veröffentlicht werden sollte. Man einigte sich schließlich auf eine Mischung: “Growing Up”, “Does This Bus Stop At 82nd Street”, “It´s Hard to be a Saint in the City”, “For You” und “Lost in the Flood” mit Band, und “Mary Queen of Arkansas”, “The Angel” sowie die später gestrichenen “Jazz Musician”, “Arabian Nights” und “Visitation at Fort Horn” als Akustikversionen. “Mit Band” hieß in diesem Fall mit Vini Lopez, Gary Tallent und David Sancious, da Clarence Clemons gerade nicht auffindbar war, und Steve Van Zandt nicht dabei war, weil man sich dazu entschieden hatte, das Album (als Zugeständnis an den Singer/Songwriter-Charakter der ursprünglichen Demos) ohne E-Gitarren aufzunehmen.

Mit diesen 10 Songs ging Bruce jedenfalls zu Clive Davis, der dazu nur meinte „no hits“, „nothing to play on the radio“. Also reichte Bruce daraufhin mal ebenso mit „Spirit in the Night“ und „Blinded by the Light“ zwei der stärksten Nummern des Albums nach, welche dann auch tatsächlich als Singles ausgekoppelt wurden. Beim Einspielen der beiden Songs war dann auch Clarence wieder dabei, so dass diese beiden die einzigen Nummern mit Saxophon auf dem Album waren. Die drei dafür gestrichenen Songs wurden nie offiziell veröffentlicht, kursieren aber als inoffizielle Bootlegs im Internet (siehe unten bei „Outtakes“).

Das Album, welches im Übrigen schon 1972 aufgenommen wurde, der Release aber wegen irgendwelche Gründen, bei denen es um Weihnachten ging (hab ich nie verstanden), auf 1973 verschoben wurde, erhielt viele positive Reviews mit vielen nicht unbegründeten Verweisen zu Bob Dylan, aber der Erfolg blieb im Großen und Ganzen noch aus.

Ok, also zu den Songs:

Blinded by the Light [anhören]
Wie oben bereits geschrieben, ist das einer der Songs, den Bruce ganz am Ende noch nachreichte. Bruce schrieb, dass er sich sein Reim-Wörterbuch rausholte und sich damit die Lyrics zusammendichtete. Herausgekommen ist ein Text mit einer Wortzahl, die andere Bands für ein ganzes Album verwenden würden, und mit einem Tonfall, der in manchen Passagen so oder so ähnlich auch von Dylan hätte stammen können (alleine der Einstieg „Madman drummers bummers and Indians in the summer with a teenage diplomat…” ist schon sehr dylanesque). Inhaltlich ist er, wie vieles auf diesem Album, quasi verschlüsselt autobiographisch – Bruce selbst sagte darüber: "I wanted to get blinded by the light, I wanted to do things I hadn't done, see things I hadn't seen." Für mich gehört er zu den besseren Songs des Albums, und er ist mit Sicherheit auch einer der bekanntesten frühen Springsteen-Songs, was aber vermutlich nicht unwesentlich auf das sehr populäre Cover von Manfred Mann zurückzuführen (insgesamt hat Manfred Mann´s Earth Band drei Songs dieses Albums gecovert, die allesamt recht großen Erfolg hatten). Interessant ist auch die Version auf „Live in Dublin“, die nicht mehr allzu viel mit dem Original zu tun hatte (wie so viele Springsteen-Songs auf diesem Live-Album). 8,5/10

Growin´ Up [anhören]
Einer der vielen Songs im Springsteen-Universum, in dem es um das Erwachsenwerden geht – und kaum einer bringt es so gut rüber wie dieser. Der Songs wurde als Akustiknummer geschrieben und auch so bei der Audition vor Clive Davis gespielt (in dieser Version ist er auch so auf „Tracks“ zu hören). Bruce sagte über dieses Erlebnis „There was Clive Davis, the head of the company, dressed in a white robe and a wreath on his head. I fell to my knees and played the guitar.“ Insgesamt ist das wahrscheinlich eines der Highlights des Albums (für viele DAS Highlight, für mich „nur“ der zweitbeste Song) und auch eine der Nummern, bei dem man schon deutliche Ansätze von der Großartigkeit der späteren Alben hört. 9/10

Mary Queen of Arkansas [anhören]
Bei diesem Song wurde die Akustik-Demo-Nummer (zu hören auf „Tracks“) fast unverändert aufs Album übernommen wurde. Auch hier hört man einige Elemente heraus, die später auf Darkness… und The River wieder aufgegriffen wurden, allerdings schon noch in deutlich weniger großartig. In den Lyrics scheint auch hier wieder häufig Dylan durch, aber das ist auf diesem Album keine Seltenheit. Insgesamt eine der eher mittelmäßigeren Nummern des Albums, wenn auch bei Weitem nicht schlecht, und allemal sehr repräsentativ für sein damaliges Songwriting (siehe Outtakes unten) 7,5/10

Does This Bus Stop at 82nd Street? [anhören]
Der nächste Song, von dem eine Akustik-Version auf „Tracks“ veröffentlicht wurde. Auch hier geht es um eine ganz grob autobiographische Geschichte, die davon handelt, wie Springsteen im Bus seine Freundin in Manhatten besucht. Im Großen und Ganzen einer der seichteren Songs, völlig ohne Refrain, und für mich auch eher ein Lowlight im Albumkontext. Wird auch nur ganz selten live gespielt. 7/10

Lost in the Flood [anhören]
Die A-Seite endet mit dem für mich besten Song des Albums, der düsteren Halbballade „Lost in the Flood“. Inhaltlich geht es um Veteranen aus dem Vietnamkrieg, was durch drei kleine separate Geschichten umschrieben wird. Die sehr bildgewaltigen Formulierungen erinnern mich abermals an Bob Dylan, die dramatische, dunkle Musik geht aber weit darüber hinaus. Bruce sagte einmal darüber: “[I was] trying to get a feeling for… the forces that affected my parents' lives… the whole thing of the wasted life”. Vieles, was hier in dem Song vorkommt, ist bereits so etwas wie eine Blaupause für spätere Großtaten, sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Oben habe ich ja geschrieben, dass Steve Van Zandt auf dem Album nicht zu hören ist – das ist nicht ganz richtig. In diesem Song war er für das kurze Donner-Rauschen ganz am Anfang des Songs verantwortlich, indem er an der Hall-Spirale (oder wie auch immer „reverb unit“ auf Deutsch heißt) von Bruces Amps herumgeruckelt hat. Alles in allem ist das hier für mich eine der ganz großen Springsteen-Nummern seiner frühen Jahre und vielleicht auch einer seiner besten Songs überhaupt. Einen halben Punkt Abzug gibt’s nur dafür, dass die etwas dünne Produktion dem Song nicht ganz gerecht wird. 9,5/10

The Angel [anhören]
Ein Song, den ich sehr lange quasi überhört habe, der aber in der letzten Zeit deutlich gewachsen ist. Es passiert zugegeben nicht viel in dieser langsamen Piano-Ballade, aber wie gefühlvoll Bruce die Nummer singt ist sensationell. Inhaltlich geht es um einen Motorrad-Outlaw (Hell’s Angel?), und es werden sehr viele Automobil-Referenzen gemacht. Die Textzeile „The interstate's choked with nomadic hordes” dürfte einem in etwas abgeänderter Form aus “Born to Run” bekannt vorkommen… 8/10

For You [anhören]
Der Song spielt in einem Krankwagen, in dem der Erzähler mit seiner Freundin spricht, die wohl gerade einen Suizidversuch begangen hatte. Springsteen sagte ja über das ganze Album, wie teils schon erwähnt, dass es größtenteils „twisted autobiographies“ seien, worin die Namen und teils auch die genauen Umstände geändert wurden, um die entsprechenden Personen zu schützen. So wird auch hier gemunkelt, dass es um Bruces Ex Diane Lozito ging. Seine Live-Ansage zu dem Song – die Nummer wurde übrigens meistens als Piano-Ballade dargeboten – ging wie folgt: „Back in 1971… I was breaking up with this girlfriend of mine, and when I was away one weekend, she came and painted all the walls of my room black… That's not true… she painted 'em all blue.“ Es ist außerdem der nächste von insgesamt drei Songs, der von Manfred Mann gecovert wurde (in diesem Fall aber einige Jahre später als die beiden anderen) – diese Version ist, noch stärker als bei den beiden anderen Nummern, deutlich geradlinigerer Rock/Pop und damit völlig anders als das Original (und auch nicht mehr wirklich passend zu den Lyrics). Insgesamt eine eigentlich sehr starke Nummer mit einem tollen Spannungsbogen und intensiver Bandbegleitung, mit der ich persönlich aber aus irgendeinem Grund nie völlig warm geworden. Trotzdem: 8/10

Spirit in the Night [anhören]
Der dritte Song, den Manfred Mann für sich verwendet hat, und gleichzeitig (wie oben beschrieben) einer der letzten Songs, die für das Album geschrieben wurden. Darüber hinaus auch einer von nur zwei Nummern mit Beteiligung von Clarence Clemons, was den Song alleine schon auf eine andere Ebene hebt – zumal das Saxophon quasi durchgehend spielt. Da für diesen Song zwar Clemons wieder da war, ein Teil der restlichen Band nicht mehr, hat Bruce dabei selbst einige zusätzliche Instrumente spielen müssen – wie z.B. den Bass in dieser Nummer. Inhaltlich geht es eher seicht aber romantisch zu – es geht um eine Gruppe Jugendliche, die sich an einem See (Greasy Lake) treffen und eine feuchtfröhliche Nacht verbringen. Nicht umsonst neben „Blinded by the Light“ die zweite Single-Auskopplung und einer der populärsten Songs des Albums. 9/10

It’s Hard to be a Saint in the City [anhören]
Das was ich bei “For You” geschrieben habe, gilt hier noch stärker: Guter Song, aber mir hat er sich nie richtig erschlossen. Ungeachtet dessen ist er vielleicht der wichtigste Song des Albums, da es dessen Akustikversion war, die sowohl Mike Appel von Springsteen überzeugt haben, als auch die ihm bei John Hammond zum Plattenvertrag verholfen hat. Auch live war er jahrelang fester Bestandteil des Sets. Der Lyrics handeln von einem jungen Kerl, der in den Straßen einer Stadt aufwächst und versucht, ein guter Kerl zu bleiben. 7,5/10

FAZIT:
Das Debut ist ein recht einzigartiges Album in Springsteens Diskographie (wobei, welches der ersten ca. 10 Alben war das nicht?), weil hier noch deutliche Folkeinflüsse zu hören sind und sich Bruce noch merklich an anderen Größen der Musikwelt orientiert hat (v.a. Dylan, aber auch hier und da Sache wie Van Morisson). Dazu ist es neben den späteren Akustikalben wahrscheinlich das einzige ohne E-Gitarre und mit einigen Songs, die von reinen Singer/Songwriter-Nummern erst für die Aufnahmen auf die Gesamtband umarrangiert wurden. Dazu ist auf keinem einzigen Song die gesamte Band zu hören, weil entweder Clemons nicht zu finden war, oder weil Sancious und/oder Tallent nicht mehr zur Verfügung standen. Trotz allem ist ein erstaunlich homogen klingendes Album herausgekommen, das bereits viele Ansätze enthält, die auf späteren Alben dann stärker betont werden - sei es die klare Struktur von „Growing Up“ oder das dramatische Setting von „Lost in the Flood“, was z.B. auf „Born to Run“ wieder zu finden sein wird, oder das eher exzessiv instrumentalisierte „Spirit in the Night“, das in abgeschwächter Form bereits das zweite Album vorweg nimmt. Alles in allem ein sehr ungeschliffenes Album mit einer eher unterdurchschnittlichen Produktion, aber mit einigen Songs, die mit jeder Phase von Springsteens Schaffen locker mithalten können und sich daher auch teilweise bis heute immer mal wieder in den Livesets wiederfinden. Insgesamt gute 8,5/10.


Outtakes:

EDIT: Nach zusätzlicher Recherche musste ich hier ein bisschen was ändern:

Springsteen hat 1972 eine riesige Menge Songs geschrieben, von denen eine erhebliche Anzahl in einem 72er Demo auf Band gebracht wurden (darunter auch die 4 erwähnte Album-Songs aus den Auditions). Von vielen davon existieren Aufnahmen, die irgendwann mal auf einem „Early Years“-Sampler erschienen waren, der dann zwar von offizieller Seite verboten wurde, aber seitdem zumindest noch im Internet kursiert. Ein bislang unveröffentlichter Song dieser Demos - „Henry Boy“ (quasi eine Vorstufe zu „Rosalita“) - wurde auf Chapter and Verse veröffentlicht.

Der erwähnte "Early Years"-Sampler enthielt auch einen Großteil der tatsächlichen Outtakes von "Greetings...". Aufgrund des damaligen Rechtsstreits um Copyrights und Veröffentlichungsrechte ist keines dieser Outtakes für "Tracks" berücksichtigt worden, aber die Sampler-Songs sind wie gesagt noch immer online verfügbar. Eine Ausnahme auf "Tracks" ist das Live-Recording von "Bishop Danced" - eine Nummer, die ebenfalls aus dieser Ära stammt, von der aber keine Studioaufnahme existiert.

Hier nun also die tatsächlichen Outtakes aus den Recording-Sessions des Albums:


Und hier noch eine Liste von Songs aus den frühen Demos (unvollständig - wird bei Gelegenheit erweitert):

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JudasRising
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Re: BRUCE SPRINGSTEEN - Ein Überblick über sein Werk

Beitragvon JudasRising » 19.06.2017 21:10

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Lost in the Flood [anhören]
Die A-Seite endet mit dem für mich besten Song des Albums, der düsteren Halbballade „Lost in the Flood“. Inhaltlich geht es um Veteranen aus dem Vietnamkrieg, was durch drei kleine separate Geschichten umschrieben wird. Die sehr bildgewaltigen Formulierungen erinnern mich abermals an Bob Dylan, die dramatische, dunkle Musik geht aber weit darüber hinaus. Bruce sagte einmal darüber: “[I was] trying to get a feeling for… the forces that affected my parents' lives… the whole thing of the wasted life”. Vieles, was hier in dem Song vorkommt, ist bereits so etwas wie eine Blaupause für spätere Großtaten, sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Oben habe ich ja geschrieben, dass Steve Van Zandt auf dem Album nicht zu hören ist – das ist nicht ganz richtig. In diesem Song war er für das kurze Donner-Rauschen ganz am Anfang des Songs verantwortlich, indem er an der Hall-Spirale (oder wie auch immer „reverb unit“ auf Deutsch heißt) von Bruces Amps herumgeruckelt hat. Alles in allem ist das hier für mich eine der ganz großen Springsteen-Nummern seiner frühen Jahre und vielleicht auch einer seiner besten Songs überhaupt. Einen halben Punkt Abzug gibt’s nur dafür, dass die etwas dünne Produktion dem Song nicht ganz gerecht wird. 9,5/10

Das Album insgesamt ist mir etwas zu sperrig/durchwachsen, aber das Ding hier ist völlig geil.
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