Hoff hört - Ein Reviewthread

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Alphex
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon Alphex » 01.07.2016 17:10

Auch von mir Danke für Sam Cooke - Stimme und Name waren bekannt, ein guter Einstieg in sein Schaffen nicht.
"Wenn man in der Metalszene unterwegs ist, dann bekommt man quasi NIE politische Statements zu hören. Auch deswegen liebe ich diese Szene so. Politik ist dort nunmal kein Thema. Fast schon ein Tabuthema."
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ziagg
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon ziagg » 02.07.2016 18:20

Ich bin kein großer Fan von Live-Alben, aber man kann bei dem hier tatsächlich nicht stillhalten.
NOW a warning?!?
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David Lee Hasselhoff
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon David Lee Hasselhoff » 02.05.2017 11:28

*aufschließ*

*Lichtanschalt*

Äh... huhu?

Schon etwas länger her, nech?

Zeit mal wieder was hier reinzuschmieren, um die satte Quote von zwei Reviews pro Jahr auch halten zu können :sick:

...

Judas Priest - Point Of Entry

Priest haben sich im Grunde natürlich einen eigenen Huldigungs- und Reviewthread verdient - ein gutes halbes Dutzend an Klassikern bringt ja nicht eben jede Kapelle zu Stande. Point Of Entry wird nun nicht in einem Atemzug mit Gottwerken wie Stained Class oder Screaming For Vengeance genannt, sondern - im Gegenteil - gerne mal als schlechteste Priest ins Feld geführt. Nichtsdestotrotz lohnt sich eine nähere Betrachtung - etwa der beiden Cover. Die Amis haben die Autobahn aus Druckerpapier bekommen, die ziemlich unverschämt andeutet, was mit Point Of Entry wohl so gemeint sein könnte. Stellt man dann das englische Cover mit diesem undefinierten, aber stramm ins Bild ragenden Etwas daneben... etwa so... Schweinepriester! Unterm Strich ist das aber nicht nur die wohl coolstmögliche Umsetzung des Desert Plains-Textes, sondern könnte vielleicht auch den Willen der englischen Herren den amerikanischen Markt zu erobern symbolisieren. Auf jeden Fall prägen beide Cover die Stimmung, die Atmosphäre des Albums auf passende Weise. Nacht dunkel, Horizont und Wüste weit, Highway unendlich lang, im Zweifel futuristisch. Wer jetzt in den Poesiesetzkasten schaut und Sehnsucht, Selbstreflexion und Hoffnung ergänzt, macht Utta Danella und Rosamunde Pilcher bestimmt glücklich.

Die Songs. Zu obigen Schlagworten passt der Opener Heading Out To The Highway natürlich wie Arsch auf Eimer. Man steht mit dem Rücken zur Wand und fährt auf der Ladefläche eines Pick-Ups verloren durch die Wüsten Arizonas. Wer kennt diese Situation nicht? Gottsong mit einem der coolsten Mitgröhl-Refrains überhaupt. Text kann auch alles und wenn Priest lyrisches Unvermögen angelastet wird, weil mal wieder nur Seite 1 von Painkiller bekannt ist, summe ich im Kopf diesen Refrain leise dahin und verkrieche mich in meinen Happy Place. Der Sound ist zum Niederknien. Ähnlich zu British Steel und Screaming For Vengeance, aber ein bisschen softer, weiter und atmosphärischer. Mit Don't Go folgt leider gleich die erste einer Reihe von unspektakulären Nummern. Hot Rockin' gehört, trotz des wenig überzeugenden Refrains, nicht in diese Reihe. Die Strophen reißen's raus. Das Riff ist dermaßen simpel und genial, dass man sich fragt, warum das nicht schon 1000 andere Bands verwurstet haben. Könnte also direkt auf British Steel stehen. Auch die Solos kann man hier herausstellen, wobei sich Tipton und Downing insgesamt etwas in Zurückhaltung üben. Orgiastische Exzesse werden ausgespart und stattdessen etwas disziplinierter für den Song gespielt. Richtig geil wird Hot Rockin' allerdings erst durch Gott. Halford hängt sich derart rein und zelebriert jeden verdammten Ton so, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass der Song, die Platte, die Wüste, in der er ständig Motorrad fährt, diese Welt viel zu klein für ihn sind. Genauso macht er auf Turning Circles weiter. Der Refrain ist ansteckender als die spanische Grippe und der tolle Mittelteil setzt einen dann schon wieder des Nachts in der Mitte der Wüste aus. Gitarren klingen aus der Ferne auf wie heulende Kojoten und Halford sagt dauernd "aha, aha" - so, als hätte er gerade eine tiefgreifende Erkenntnis. Z.B., dass Turning Circles ein schweinegeiler Song ist. Dann der heimliche Titelsong. Desert Plains. Das Geschwafel über Atmosphäre und Wüste gilt hier im Quadrat. Sollte jeder kennen, der mit Priest was anfangen kann. Sollte generell jeder kennen. Die Band agiert auch hier relativ zurückgenommen und lässt einen nur erahnen, wieviel PS sich wirklich unter der Haube verstecken. Einzig Dave Holland darf sich voll austoben. Sehr, sehr cooler Groove und - mit der Atomuhr gestoppt - genau auf den Punkt gespielt. Perfektes Timing. Das hat er mit Phil Rudd gemein. Das und die Strafanzeigen. Davon ab mal wieder ein Beleg für die Genialität Halfords: Es ist einfach scheissegal was er singt, man kauft ihm alles ab. Partysong, Bumssong, Laserrobotersong, das politische Protestlied oder eben ein melancholisches Stück wie Desert Plains. Ich finde damit steht er allein auf weiter Flur. Bester Metalsänger aller Zeiten? Äh. JA?!

Seite 2 beginnt mit Solar Angels. Es stellt sich natürlich die Frage, was man auf einen so ungewöhnlichen Metalsong wie Desert Plains folgen lässt. Einen weiteren ungewöhnlichen! Vor dem geistigen Auge laufen Szenen aus Unheimliche Begegnung der dritten Art ab. Also schon wieder Wüste. Jetzt aber mit netten Außerirdischen und einem wiederum genialen Solopart. Zwischenfazit: Soviel Kopfkino läuft bei mir mit keiner anderen Priestplatte ab. Damit ist es dummerweise nach Solar Angels auch schon vorbei. You Say Yes ist ziemlich fehlgeleitet und klingt nach einem mißglückten Versuch, die Beatles aufleben zu lassen. All The Way, Troubleshooter und On The Run sind recht simple Rocker, die Sex, Drugs and Rock'n'Roll beschwören. Man will nach so langer Fahrt ja schließlich irgendwo ankommen wo's nett ist. In diesem Sinn eigentlich ein konsequenter Abschluss des Albums. Alle drei gut, aber eben nicht sehr gut. Ich bin trotzdem jedesmal verzückt, wenn Halford bei On The Run das Falsett auspackt. Summa summarum 3 Klassiker, die sich immer mal wieder im Live Set wiederfinden, 2 weitere richtig gute Songs, 4 die nicht weh tun und einer, der ein bisschen stinkt. Wer sich mit Priest in gemäßigter Fassung anfreunden kann sollte dem Album ne Chance geben.
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon Traser » 03.05.2017 20:05

Die Point Of Entry war nach der Unleashed In The East mein erstes Priest-Studioalbum, gekauft kurz nach Erscheinen. Folglich verbinde ich auch so einige Erinnerungen mit dem Album und find es natürlich besser als einfach nur irgendwie gut. Die Anzahl an egalen Songs beläuft sich bei mir genau auf Null Stück, die Höhepunkte des Albums sind allerdings mit Desert Plains, Heading Out To The Highway, Hot Rockin', Turning Circles und Solar Angels sehr gut herausgearbeitet und beschrieben. Ich würde noch Troubleshooter hinzunehmen. Erwähnenswert würde ich auch die tolle Produktion mit dem genialen Sound finden. Ich habe Point Of Entry gerade vor 2 Wochen wiederentdeckt und erst gestern Abend im Kkh im Dunkeln auf Kopfhörer gehört und freue mich nun, hier ein so interessantes Review darüber zu lesen. Letztlich ist Point Of Entry aus heutiger Sicht vielleicht etwas erwachsener als der Vorgänger British Steel und die Nachfolger bis Painkiller und enthielt nicht so viele Klischees.
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon BlackMassReverend » 05.05.2017 05:41

Klasse, weil mal komplett "anderes" Review - macht Bock auf die Platte, werde ich mir heute Abend mal rauskramen und auflegen - schon weil Solar Angels und Desert Plains immer gehen. Aber den Rest werde ich nochmal unter den Lauscher nehmen. Klanglich ist mir die Platte ähnlich spektakulär in Erinnerung wie Stained Glass
1989 haben wir komplett durchgesoffen !
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David Lee Hasselhoff
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon David Lee Hasselhoff » 07.01.2018 01:13

Mist. 2017 genau ein erbärmliches Review. Das kann so nicht weitergehen.

WASP - Helldorado

Wie heißt das beste Schweinerockalbum der Endneunziger? Na? Total 13? Apocalypse Dudes? Supershitty To The Max? Weiß nicht, weiß nicht, weiß nicht. Skandinavischer Sleaze Rock wurde Ende der 90er vom Rock Hard ja nach Kräften hochgejubelt. Backyard Babies, Hellacopters, Turbonegro, Gluecifer... blargh. Sah alles ja recht cool aus - schön bunt zugehackt, 2nd Hand Klamotten von Izzy Stradlin und Zunge rausgestreckt. Da die Musik dann auch euphorisch als entsprechend wild beschrieben wurde war ich einigermaßen begeistert. Bis ich den lahmen Scheiss dann gehört hatte. Klingt eben doch eher nach gemäßigter Kinderzimmerrebellion aus der Mittelschicht und Faster Pussycat in Thermounterwäsche. Nix laut, asozial und unter der Gürtellinie.

Letztere Programmpunkte sind hingegen schon immer Spezialgebiet von Blackie Lawless. Zumindest wenn er sich nicht gerade in verbitterten, zynischen Konzeptalben verliert. Siehe Dirty Balls - der erste WASP Song der mir zu Ohren kam (auf nem durchweg geilen Rock Hard Sampler). SO stell ich mir Schweinerock vor. Musik die so klingt wie Chris Holmes aussieht. Eine Stimme, die nach Aufstand und Sexismus klänge, auch wenn sie nur die Neuerungen im Gleichstellungsgesetz vorlesen würde. Simple, hochoktanige Rock'n'Roll Riffs bei denen mit Verzerrung nicht gegeizt wurde. Mehr ist mehr. Texte, die aktuell noch viel furchtbarer wirken als 1999. Ist das dumm? Jaha! Das ist sogar SAUdumm! Macht dumm glücklich? Joa, ein bisschen schon. Die Scheibe zelebriert die Stumpfheit so konsequent wie wenige andere mir bekannte Alben. Jedes Vorurteil dem man sich als Metalfan so ausgesetzt sehen kann wird auf diesem Album unterfüttert. Man könnte anführen, dass das Debüt in dieser Hinsicht das Gleiche in besserer Qualität bietet. Das ist zwar nicht ganz falsch, aber auf dem Debüt lässt Blackie hie und da ja noch durchblicken, dass er nach Höherem strebt. Sozusagen ein Blick über die Horizontale bzw. die Gürtellinie. Derartige Prätentionen finden sich auf Helldorado nicht. Autos, Blowjobs, Koks, ungewaschene Säcke, Schlägerei, Satan. Das Ganze garniert mit hart behinderten Zwischenspielen, für die sich Asi-Toni und Joey DeMaio fremdschämen. Pate für diesen infantilen Scheiss dürften - zumindest in musikalischer Hinsicht - AC/DC gewesen sein. Aber wenn Airborne AC/DC auf Speed und Steroiden sind, dann ist Helldorado AC/DC auf Crystal Meth und Tilidin.

Auf die einzelnen Lieder einzugehen ist sinnlos. Sieben der neun Songs sind eher schnell - klingen alle gleich. Damnation Angels und High On The Flames fallen mit etwas gemächlicherem Tempo aus der Reihe, wirken aber ebenfalls wie eineiige Zwillinge. Da der Spuk nach gut 40 Minuten ohnehin durchgestanden ist, fällt das nicht weiter negativ auf. Im Kontrast zu den Vorgängern wirkt das Album wie ein kreative Bankrotterklärung. Für mich klingt die Chose aber eher nach einer Rückbesinnung zu den Wurzeln der Band. So, wie das Album, dass sie in jungen Jahren schon gerne gemacht hätten, wären sie schon genügend abgebrüht und schamlos gewesen. Ein jugendlich frisches Werk von perversen alten Schweinen mit einem Frauenbild aus dem frühen Paläozoikum, welches man nur unter Vorbehalt gut finden kann. Dann aber sehr (das Album - nicht das Frauenbild). Auch wenn man danach besser duscht.
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon VoiceOfTheSoul » 07.01.2018 01:45

Sehr geiles Review! Hat echt Bock gemacht zu lesen; ich musste mehrmals debil kichern... :prost:
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon Traser » 07.01.2018 09:49

Helldorado klingt tatsächlich, als hätte es direkt nach dem Erstling erscheinen müssen. Von der Produktion und dem Sound her hört es sich sogar sehr nach einem Debutalbum an, fast unglaublich dass dies bereits Album Nr.8 und 15 Jahre nach W.A.S.P. erschienen ist. Für 1999 wohl alles andere als zeitgemäß. Das mit dem Stumpfsinn, den Plattheiten, dem Sexismus und Frauenbild stimmt natürlich alles. Ich denke Lawless spielt hier einfach nochmals mit den z. T. selbst mit begründeten Klischees im amerikanischen Heavy Metal und versuch es nochmal auf die Spitze zu treiben. Macht aber Spaß mal wieder zu hören, ohne dass ich nun behaupten könnte dies wäre ein Band-Highlight.
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon Frank2 » 07.01.2018 15:02

Sehr geiles Review, hoffe das wars jetzt nicht schon für
2018.... :wink:

Zum Album: Für mich tatsächlich das schwächste von
Blackie und Co.
Zu wenig echte Highlights, zu gleichförmig ( OK, im Zusammen-
hang mit W.A.S.P. ziemlich dünnes Eis, aber dennoch...) und zu
gewollt.
Für Zwischendurch sicher nicht schlecht, aber wenn ich die
Band hören will, greife ich lieber auf das Debüt, "Dominator"
oder "Golgotha" ( um nur einige zu nennen) zurück.
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon Ratatata » 07.01.2018 15:36

Back to serious.
Helldorado ist der gescheiterte Versuch, nach der zwar grandiosen, aber kommerziell gescheiterten "Kill Fuck Die" wieder einen auf "back to the roots" zu machen.
Und zwar ökonomisch fölgerichtig mit zuvor völlig zurecht ausgemusterten Demotracks für voherige Alben.
Der Sound klingt derart nach Homerecording aus den schlechten alten Tagen, dass das höchstens noch für Softwarenostalgiker halbwegs witzig ist.
Textlich übertrifft sich Blackie allerdings tatsächlich selbst an Infantilität. Und das will was heißen...
Positiv sind einzig das Cover und die kurze Dauer.
Schlechteste W.A.S.P. ever. 2,5/10
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David Lee Hasselhoff
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon David Lee Hasselhoff » 07.01.2018 20:24

Ich ärgere mich jetzt ein bisschen es nicht gleich ins Review geschrieben zu haben, aber was mir an dem Album wirklich gefällt ist die hörbare Unbeschwertheit. Blackie hat sich für meine Ohren von allen Ambitionen gelöst, was der Platte eine Leichtigkeit gibt, die ich schon einigermaßen bemerkenswert finde. Wer das kacke findet hat allerdings mein vollstes Verständnis :D
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon Perry Rhodan » 09.01.2018 16:59

Frank2 hat geschrieben:Sehr geiles Review, hoffe das wars jetzt nicht schon für
2018.... :wink:

Zum Album: Für mich tatsächlich das schwächste von
Blackie und Co.
Zu wenig echte Highlights, zu gleichförmig ( OK, im Zusammen-
hang mit W.A.S.P. ziemlich dünnes Eis, aber dennoch...) und zu
gewollt.
Für Zwischendurch sicher nicht schlecht, aber wenn ich die
Band hören will, greife ich lieber auf das Debüt, "Dominator"
oder "Golgotha" ( um nur einige zu nennen) zurück.


Genau meine Meinung. "Helldorado" kann nicht viel. Der Gesang nervt hier sogar manchmal.
It's better to burn out than to fade away...
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon Apparition » 10.01.2018 09:01

Krass. Helldorado hätte ich jetzt auch als letztes Aufbäumen verstanden, bevor Blackie endgültig in Selbstkopie und Belanglosigkeit abdriftete. Dass das mit totalem Stumpfsinn geschah (die damaligen Interviews konnte ich auch nur deshalb ertragen, weil ich mit nicht mal 20 und zuviel unbefriedigtem Testosteron sowas tatsächlich krass fand), ist bei Lawless und Holmes wahrscheinlich folgerichtig.

Noch kurz zu Priest: Desert Plains ist der beste Priest-Song den nicht auf einem ihrer wirklich guten Alben steht und generell einer meiner liebsten überhaupt. Auch vom Text her, der funktioniert nämlich auch bestens, wenn man auf Mädels steht. Solche Highlights hat Halford danach leider nicht mehr oft gebracht. Ich gebe aber zu, dass ich die noch etwas getragenere und epischere Version von Virgin Steele fast lieber mag.
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon David Lee Hasselhoff » 13.07.2018 23:40

So. Da im letzten Review mit WASPs prolligster Scheibe eher das Gebimsel bedient wurde, kommt jetzt mal was für's Sakrakchakra.

Electric Sun - Earthquake

Uli Jon Roth - Gitarrengott und Mastermind bei Electric Sun - leidet ja scheinbar wie viele andere darunter, als Prophet im eigenen Lande nicht wirklich gewürdigt zu werden. Doof, denn Uli hat für die Rockgitarre wirklich Enormes geleistet und einige ebenfalls begnadete Gitarristen stark beeinflusst. Der Stil von Marty Friedman, Roy Z (yeah!) oder Superfan No. 1 Yngwie Malmsteen wäre ohne Ulis Vorarbeit kaum denkbar. Was seinem Erfolg möglicherweise im Wege stand, ist, dass er sich in einer musikalisch sehr eigenen Nische bewegt. Nach dem Austritt bei den Scorpions so ganz und gar nicht Mainstream. Uli kombiniert Dinge, die vor ihm unvereinbar schienen. Hendrix mit Vivaldi, Schnauzbart mit Hutfeder, göttliche Gitarren mit dem Gesang betrunkener, japanischer Obdachloser (Copyright: irgendein Typ im Internet). Noch dazu ein unmögliches Timing: 1979 stand mit Punk und Heavy Metal Gewalt und Zerstörung auf dem Programm. Da kam das Flower Power Potpourri von Electric Sun denkbar ungelegen.

Also erstmal in die Drogennaschkiste gegriffen und, bevor es losgeht, noch ein kleines Ticket gesnackt. Das härtet gegenüber den übleren, bevorliegenden Exzessen etwas ab. Der Titeltrack gibt gleich die Richtung vor: funkiger Rhythmus, der genau so auch auf einer der posthum veröffentlichten Hendrixplatten hätte verwurstet sein können (wohlwollend ausgedrückt. Genaugenommen ist die Rhythmusgitarre direkt aus Funkytown gecopypasted). Der Gesang ist leider höchst gewöhnungsbedürftigt. Irgendwo zwischen Jimi, Bob Dylan und totalem Unvermögen (also deutlich näher an Dylan). Wen juckt's? Das Solo ist der Hauptgang und überrascht erstmal. Wo Hendrix sich auf Blueslicks stützt, jagt Uli unfassbar virtuos und leidenschaftlich durch Skalen und Arpeggien. Deutlich vom klassischen Geigenspiel und vielleicht auch vom Gypsy Jazz inspiriert, ist das für die 70er bahnbrechend und heute immer noch geil. Im Grunde weicht sein Gegniedel nicht großartig von dem ab, was er in den Jahren davor bei den Scorpions gezeigt hatte, aber hier klingt's eben noch eine Spur ausgereifter. Weiter geht's mit Lilac. Uli betrachtet kleine Blumen und sieht in ihnen das ganze Universum gespiegelt. Wohlgemerkt im Jahre 1979. Nicht 1969. Finde ich in dieser Konsequenz sehr liebenswert. Erinnert wegen des coolen Basses ein wenig an Third Stone From The Sun vom großen Meister. Auch ähnlich abgespaced. Wie sich hier das Solo aufbaut und wieder in die tiefenentspannte Strophe übergeht ist schon fantastisch. Uli fängt ganz klein mit einer einfachen Melodie an, umspielt diese erstmal mit einer zweiten, dann noch einer dritten Gitarre und eh man sich versieht mündet es in einem coolen Finale, in dem die drei Gitarren zusammenfinden. Sorgt bei mir für bizarres Kopfkino. Nachts in der Sommerwiese liegend steigt man kurz ins All auf und umrundet innerhalb von 40 Sekunden mal eben den Planeten bevor es wieder zurück auf die gemütliche Wiese geht. Lautmalerei und Farbrausch. Das LSD beginnt langsam zu wirken. Burning Wheels Turning ist Hippie-Wohlfühloase mit freier Liebe im Zeichen des Gitarrenoverkills. Einerseits unglaublich reich ornamentiert und arrangiert, andererseits luftig locker wie ein afghanisches Hasch-Souffle. Japanese Dream bietet Hendrix-Akkord-Gewaber a la Little Wing. Uli sprechlabert ein bisschen esoterisches Zeugs drüber. Leider auch in Deutsch.

"Mond muss weichen, sternumkränzt - Morgenröte küsst die Wiesen, goldbetaut"

Nun gut. Als ob Uli selber erkannt hätte, dass man so die Kundschaft - das Patschulivolk mal ausgenommen - vergrault, startet Sundown a.k.a. All Along The Watchtower B gleich mal mit nem Killersolo. Winterdays ist ein kleines Instrumental, was geschickt zwischen All Along The Watchtower B und All Along The Watchtower C (Still So Many Lives Away) platziert wurde. Dachte wohl, so würde das keiner merken? Still So Many Lives Away ist jetzt nicht unbedingt ein Highlight der Kompositionskunst, aber das Solo reißt es völlig raus. Ungewöhnlich und originell phrasiert und wieder mal zum Eintauchen schön. Was auffällt: eine von Ulis Stärken beim Solieren ist seine Unvorhersehbarkeit. Bei tausenden von Friemlern ahnt man schon was als nächstes kommen wird. Hier wird man noch überrascht. Was mir ebenfalls sehr gut gefällt: Auch wenn des Maestros Finger hier zuweilen sehr flott unterwegs sind bleibt immer der Eindruck, dass ihn das nicht die geringste Mühe kostet. Wo z.B. ein Gary Moore um jede Note dramatisch zu kämpfen schien, scheint es, als fließe Uli die Musik mit einer unverschämten Selbstverständlichkeit aus den Fingern. Ozzy hat Randy Rhoads Spiel mal mit einem Schmetterling verglichen. Bei Uli finde ich diesen Vergleich eigentlich noch passender. Sehr schade, dass der letzte Song das Niveau nicht halten kann. Das titelgebende Instrumental Earthquake hat wenig was mich volle 10 Minuten fesseln könnte.

Letzten Endes besteht bei diesem Album ein ähnliches Problem wie bei vielen anderen Alben von Projekten mit virtuosen Musikern am Steuer. Auf der einen Seite unfassbar tolle Soli mit denen man dieser Welt entschweben kann. Auf der anderen Seite aber eben auch Songs, die ohne diese Kabinettstückchen überwiegend etwas bieder wirken würden. Unterm Strich ist Earthquake ein guter Einstieg ins Uliversum wenn einem die Scorpions - wie mir - zu kartoffelig sind. Der Nachfolger Firewind rockt zwar deutlich härter und metallischer, aber leider ist Ulis Gesang dort arg weit draußen. Also nur für Fortgeschrittene. Beyond The Astral Skies ist noch ne Spur schwerer verdaulich. Earthquake bietet also ziemlich töfte Musik und man fragt sich, wie geil es mit nem richtig guten Sänger hätte werden können. Etwa Robert Plant. Noch so ein versockter Hippie.

Mal zum unverbindlichen Probehören:
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Re: Hoff hört - Ein Reviewthread

Beitragvon David Lee Hasselhoff » 22.09.2019 20:51

Iron Maiden – Beast Over Hammersmith

Es hat unbegreiflich lange gedauert, bis ich diesem Gottwerk überhaupt mal ne faire Chance gegeben habe. Ursprünglich in der streng limitierten Eddie’s Archive Box enthalten, fand das Album über Spotify mittlerweile ganz legal den Weg zum breiteren Publikum. So richtig gejuckt hat mich das nie, denn neben der obligatorischen Live After Death war mein Lieblings-Maiden-Live-Dokument ein Bootleg aus dem New Yorker Palladium – wie Beast Over Hammersmith ebenfalls von der 82er Tour. Bedarf gedeckt, dachte ich mir. Den Bootleg finde ich immer noch ganz stark, aber im Vergleich mit BOH sieht er kein Land.

Die Show im Hammersmith ist geprägt von einer unglaublichen Energie. Bruce ist in einer danach nie mehr erreichten Topform - wo er auf Live After Death hörbar um die Töne kämpft, wirkt es hier eher so, als hätte er Mühe die Power seiner Stimme zu drosseln. Fast so viel fieses Gekeife wie auf No Prayer und Fear Of The Dark, aber mit schier unendlicher Power. Das reicht fast an den Wahnwitz ran, den Rob Halford Anfang und Ende der 80er abgeliefert hat. Sehr, sehr cool. Einziges Manko: seine Ansagen sind ziemlich kacke. Neben Bruce spielt sich Clive Burr in den Vordergrund, in den Rausch! Ein viel zu wenig gewürdigter Drummer. Was er auf BOH abzieht ist Irrwitz. Er wusste offenbar auch nicht wohin mit der ganzen Energie. Die Kick wird erbarmungslos durchgetreten, die Snare geschwartet, als würde sie ihm Geld schulden - dabei aber nie die Musik aus dem Auge verlierend. Bei Hallowed Be Thy Name spielt er die Strophen über so gemein zurückhaltend, als würde er sich hinterlistig die Zähne fletschen, wohlwissend, dass er im Soloteil und über den garstigen Riff direkt danach richtig fies draufkloppt. Ultimative Version dieses verdammten Songs.

Dave und Adrian haben einen perfekten Gitarrensound. Der ist auf The Number Of The Beast ja schon zum niederknien, aber hier klingt’s nicht nur ne Spur fetter, sondern halt auch rauer. Besser kann diese Band nicht klingen. Und das ganz ohne Martin Birch. Die Kick ist vermutlich lauter als auf jedem anderen Album der Band. Gut so. Um mal den Vergleich zu ziehen: Nickos Fußarbeit weckt bei mir Assoziationen an Muhammad Ali. Immer tänzelnd, kaum Bodenkontakt, blitzschnell und leichtfüßig, der Musik folgend. Clive hingegen stampft zielstrebig durch’s Mittelfeld wie einst Lothar Matthäus gegen Jugoslawien. Zu 22 Accacia Avenue dann auch gerne mal mit der Doublebass. Was Bruce wiederum zu einem Grunzversuch hinreißt. Es ist die schiere Geilerei. Man hört richtig, wie sich die Band gegenseitig aufpeitscht.

Dabei fängt es noch relativ unspektakulär an. Murders In The Rue Morgue und Wrathchild klingen gut aber nicht herausragend, wobei Bruce in Wrathchild schon die erste Duftmarke mit einem abartigen Schrei setzt. Mit Run To The Hills kommt die Band langsam in Fahrt. Ab Children Of The Damned wird es dann vorsätzlich. Number Of The Beast wird rauschhaft niedergerockt. Bei Another Life drängelt sich Clive wieder an Bruce vorbei und prügelt sein Drumkit in Grund und Boden.

An Bruce wird ja gerne bemängelt, dass er die frühen Songs nicht so überzeugend hinbekommt wie Paule. Eigentlich bin ich auch ein Vertreter dieser These. Was er allerdings mit Killers veranstaltet ist nicht von dieser Welt. Im Intro lassen die Schreie schon keine Zweifel wo die Reise hingeht und beim verdammten letzten Refrain hat man das Gefühl, Bruce würde mit dem Messer durch die Boxen in die Kemenate stürmen. Genauso aggro muss das klingen! Es geht nicht besser. Einer der geilsten Momente in der gesamten Diskographie. Auch Phantom Of The Opera wird so brutal runtergeknüppelt und -gekotzt, dass es eine Pracht ist. Beste Version, ohne Streit! Total Eclipse - wieder so ein Fall von übertriebener Härte.

Das Album ist der Sweetspot zwischen siffigem Londoner Rowdytum, Messerstechereien, Nutten, Koks (viel Koks), Kotzflecken auf den Schuhen und satanistischen Klischees. Mehr Metal als auf diesem Album waren Maiden nie. Die Band brennt. Die Hütte brennt. Das verdammte Album BRENNT! Live After Death hat natürlich mehr Lametta und klingt deutlich erhabener mit einer vielleicht noch besseren Setlist. An den Testosteronpegel von Beast Over Hammersmith kommt es aber nicht ran. Zum vollständigen Glück auf Erden braucht man beide.

Edit: Mea culpa! Doch nicht auf Spotify :( Youtube schafft Linderung.
Zuletzt geändert von David Lee Hasselhoff am 22.09.2019 21:18, insgesamt 1-mal geändert.

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