Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. Mickey Hawks)

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tigerarmy
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Re: Tigerarmys Reise in die Vergangenheit (Screamin' Jay Hawkins

Beitrag von tigerarmy »

1984 hat geschrieben:
tigerarmy hat geschrieben:Screamin' Jay Hawkins
Ich fang grad an, mich mit Blues zu beschäftigen. Danke für den interessanten Artikel. :)
Gerne.
Wie ich zu Beginn bereits geschrieben hab, ist es mit dem Blues bei mir auch nicht sehr weit her.
Speziell zum Rhythm'n'Blues wird es aber in näherer Zukunft an dieser Stelle noch einige Tipps geben.
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tigerarmy
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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. Happy New Year)

Beitrag von tigerarmy »

auch wenn das Abbrennen von Silvester-Feuerwerk in der Zwischenzeit nicht mehr politisch korrekt ist, so beschließen wir das Jahr an dieser Stelle mit einem musikalischen Feuerwerk.
Die Rakete die Jimmy Logsdon zündet ist so gesehen in doppelter Hinsicht politisch unkorrekt (ich sage nur "I got a rocket in my pocket and the fuse is lit"), macht aber meiner Meinung nach gerade deshalb sehr viel Spaß :D

Jimmy Logsdon - Rocket in my pocket

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen einen guten Rutsch und ein gutes Neues Jahr :prost:
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1984
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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. Christmas Special)

Beitrag von 1984 »

:prost:
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tigerarmy
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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. I got rhythm)

Beitrag von tigerarmy »

Ausstellung „I got rhythm – Kunst und Jazz seit 1920“

Da es in diesem Thread ja nicht ausschließlich um Musik gehen soll, will ich an dieser Stell mal etwas Werbung machen, für die Sonderausstellung „I got rhythm – Kunst und Jazz seit 1920“ im Stuttgarter Kunstmuseum.
Inhalt der Ausstellung ist die enge Verzahnung von vielen Künstlern/Bildern zum Jazz seit der eben ab den 1920er Jahren auf der Bildfläche erschien bis zur Gegenwart und die gegenseitige Beeinflussung. Mir sagen erwartungsgemäß vor allem die frühen Jahre zu, sowohl musikalisch, als der Jazz sich natürlich vor allem auf den Swing, New Orleans Jazz und Dixiland beschränkte., als auch von den Malern. Zu sehen sind neben zahlreichen Bildern, auch div- Plattencover, sowie einige Kurzfilme. U.a. eine „Performance“ bei der ein Schlagzeuger und ein Saxofonist freejazz-mäßig improvisiseren, während der darstellende Künstler sich durch die Musik inspiriert schwarze Farbkleckse auf die Leinwand zaubert.

Da es mit den Jahren immer abstrakter wird (in der Musik geht es über den Bebop zum Freejazz, in der Kunst in die Moderne), erschwert das für mich den Zugang tendentiell zu den aktuelleren Ausstellungsstücken, ich bin halt diesbezüglich eher ein schlichtes Gemüt. Nichtsdestotrotz ist die Ausstellung für alle empfehlenswert, die an der Materie prinzipiell interessiert sind und im Großraum Stuttgart wohnen.

Man sollte allerdings anders als wir den Rundgang auf jeden Fall mit dem Audioguide machen. Wenn nicht bei dieser Ausstellung, wo macht das sonst Sinn? Bei uns war leider eine riesige Schlange an der Ausgabe und wir waren eh schon etwas spät dran. Na ja...

Hier findet ihr alle wichtigen Infos:
http://www.kunstmuseum-stuttgart.de/__F ... 37d3e5ea44
Die Ausstellung läuft übrigens noch bis zum 06. März 2016.

Auf zwei Punkte der Ausstellung würde ich gerne noch etwas ausführlicher eingehen:

Zum einen geht es um den Song „Strange fruit“ von Billie Holiday, der neben Ella Fitzgerald wohl größten Jazz-Sängerin aller Zeiten. Der Song basiert auf einem Gedicht des jüdischen Lehrers Abel Meeropol und handelt von den Lynchmorden an farbigen Bewohnern im Süden der USA, wie es selbst in den 1930/1940er Jahren noch üblich war. Meeropol veröffentlichte das Gedicht unter dem Pseudonym Lewis Allan. Ein Song wie er eindringlicher nicht sein kann; mir läuft es jedesmal kalt den Rücken runter.

Billie Holiday – Strange fruit (1939)

Southern trees bear a strange fruit,
Blood on the leaves and blood at the root,
Black bodies swinging in the southern breeze,
Strange fruit hanging from the poplar trees.

Pastoral scene of the gallant south,
The bulging eyes and the twisted mouth,
Scent of magnolias, sweet and fresh,
Then the sudden smell of burning flesh.

Here is fruit for the crows to pluck,
For the rain to gather, for the wind to suck,
For the sun to rot, for the trees to drop,
Here is a strange and bitter crop.


Der Song inspirierte in der Folge mehrere Künstler dazu, den Text grafisch umzusetzen, u.a. auch 1965 Joe Overstreetzu seinem gleichnamigen Bild.
http://www.pointofdeparture.org/PoD20/P ... Cooks.html


Kommen wir zu etwas weitaus fröhlicherem: Josephine Baker.
Einige Jahre vor Veröffentlichung des Billie Holiday Songs trat die Tänzerin, Schauspielerin und Sängerin Josephine Baker das erste Mal in Europa vor dem staunenden Publikum auf. Genauer gesagt im Paris des Jahres 1925. Dort zog sie nicht nur das bürgerliche Publikum in ihren Bann, sondern auch zahlreiche zeitgenössische Künstler wie Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Pablo Picasso. Hemingway bezeichnete sie angeblich als „most sensational woman anyone ever saw“.
Weltberühmt wurde ihr „Danse sauvage“ (dt. Wilder Tanz) den sie mit einem speziellen Bananenrock-Kostüm aufführte.

Hier ein paar Kostrproben ihrer tänzerischen Künste:
https://www.youtube.com/watch?v=DnKgzmzJQtQ
https://www.youtube.com/watch?v=3evyJgFQelk
https://www.youtube.com/watch?v=iVPJD3kaKRQ

Und noch eine Kostprobe ihres Gesangs:
Josephine Baker – J'ai deux amours (1930)

Wie bereits auf dem Ausstellungsposter zu erkennen, hatte sie nicht nur einen großen Einfluss auf die schreibenden Künstler, sondern auch auf die darstellenden. Hier ein paar Beispiele:

http://www.artsology.com/blog/wp-conten ... e-noir.jpg
http://www.vinmag.com/online/media/gbu0 ... r-1931.jpg
http://fineestateliquidation.com/wp-con ... follow.jpg
http://frameitinbrooklyn.net/images/40x ... 206240.jpg
http://images.fineartamerica.com/images ... chidza.jpg
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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. I got rhythm)

Beitrag von 1984 »

Cool. Ich hab grad angefangen, in der Ecke zu buddeln. "Strange Fruit" kenn ich natürlich. Der erste quasi-Kontakt war eine Adaption des Titels im K.I.Z.-Song "Outro" vom "Böhse Enkelz"-Mixtape (ja, ich weiß, interessiert jeden. *g*). Toller Song mit ätzendem Inhalt. Den Rest höre ich mir noch an. Stuttgart ist leider zu weit.
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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. I got rhythm)

Beitrag von Susi666 »

tigerarmy hat geschrieben:Ausstellung „I got rhythm – Kunst und Jazz seit 1920“

Da es in diesem Thread ja nicht ausschließlich um Musik gehen soll, will ich an dieser Stell mal etwas Werbung machen, für die Sonderausstellung „I got rhythm – Kunst und Jazz seit 1920“ im Stuttgarter Kunstmuseum.
Danke für den Hinweis (auch bzgl. des Audioguides...)! Den eigenen Horizont mal zu erweitern soll ja nicht schaden... :D
Kennt ihr dieses leichte Prickeln der Vorfreude und Herzklopfen, wenn ihr einen Thread öffnet, dessen neueste Antwort mit hoher Wahrscheinlichkeit mit beleidigter Leberwurst bestrichen ist?

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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. I got rhythm)

Beitrag von tigerarmy »

1984 hat geschrieben:Cool. Ich hab grad angefangen, in der Ecke zu buddeln. "Strange Fruit" kenn ich natürlich.
ich kannte den Song davor ehrlich gesagt nicht.
Aber in der Jazz-Ecke bin ich einfach auch nicht wirklich bewandert, wenn man mal von New Orleans Jazz und Swing etc. absieht.
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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. I got rhythm)

Beitrag von tigerarmy »

Susi666 hat geschrieben:
tigerarmy hat geschrieben:Ausstellung „I got rhythm – Kunst und Jazz seit 1920“

Da es in diesem Thread ja nicht ausschließlich um Musik gehen soll, will ich an dieser Stell mal etwas Werbung machen, für die Sonderausstellung „I got rhythm – Kunst und Jazz seit 1920“ im Stuttgarter Kunstmuseum.
Den eigenen Horizont mal zu erweitern soll ja nicht schaden... :D
beim besten Willen nicht :prost:
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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. I got rhythm)

Beitrag von tigerarmy »

Sorry, dass sich hier in den letzten Wochen so wenig getan hat, aber manchmal kommt einem das reale Leben einfach in die Quere und zudem muss ich mich noch durch Berge von neuer (bzw. alter) Musik hören, so dass ich im Moment einfach nicht die Zeit gefunden habe, hier weiter zu machen. Es geht hier aber definitiv demnächst weiter, es warten noch jede Menge Künstler und Musik die ich hier vorstellen will.

Als kleinen Pausenfüller gibt es aber eines dieser obskuren kleinen Juwele, die es damals unverständlicherweise nicht geschafft haben und Song und Künstler sind heute nahezu in totale Vergessenheit geraten.
Wenn ich es richtig sehe, erschien der Song damals auch nur auf einer Promo-Single eines absoluten Winzlabels und hat es nie zu einer regulären Veröffentlichung gebracht.

Rodney Scott - That's the way it goes (ca. 1960)

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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. I got rhythm)

Beitrag von tigerarmy »


Da es am heutigen Ostersonntag nicht passender sein könnte, gibt es den folgenden Song gleich noch hinterher:
Marie Knight mit dem Gospelsong "Who rolled the stone away" aus dem Jahr 1955, begleitet wird sie vom Sam Price Trio.
Zu Gospel-Musik im allgemeinen und zu Marie Knight im speziellen werden wir an dieser Stelle hoffentlicht noch kommen.
Bis dahin erst mal vom Song und vor allem von der unglaublichen Stimme begeistern lassen.

Marie Knight & The Sam Price Trio - Who rolled the stone away (1955)
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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. Rudy Grayzell)

Beitrag von tigerarmy »


Künstler: Rudy Grayzell (Rock'n'Roll/Rockabilly/Country)

Eher eine Nebenrolle im Konzert der ganz Großen des Sun Records Katalogs spielt(e) Rudy Grayzell, der es letzlich nur zu einer einzigen Single-Veröffentlichung auf dem legendären Label schaffte, der es aber trotzdem wert ist, an dieser Stelle erwähnt und etwas ausführlicher vorgestellt zu werden.

Grayzell nahm neben Sun Records auch für so berühmte Labels wie Capitol, Mercury und Starday auf. Letzlich konnte er aber die Vernatwortlichen nie lange von seinen Qualitäten überzeugen, um mit einem der Labels seinen Status konsequent aufzubauen. So blieb es letztlich bei einigen lokalen Erfolgen und einer Randnotiz in der Geschichte des Rock'n'Roll.

Der bürgerliche Name von Rudy Grayzell lautete eigentlich Rudolfo Jiminez; aber mit diesem Namen lässt sich natürlich keine Rock'n'Roll Karriere starten. Auf Anraten seiner ersten Plattenfirma sucht er sich einen passenderen Bühnennamen und wird bei einem deutschen Vorfahren fündig, deren Nachnamen er ins Englische übernimmt. Seine ersten Aufnahmen für das Abbott Label sind noch sehr stark vom Country beeinflusst und seine Begleitband firmiert zu diesem Zeitpunkt noch unter dem Namen The Silver Buckles.

Achtung: 5x absoluter Hillbilly Country, nur für die Hartgesottenen :prost:

Looking at the moon (Abbott 145, 1953)
https://www.youtube.com/watch?v=h4pwt9cuMQ4

Bonita Chiquita (Abbott 147, 1953)
https://www.youtube.com/watch?v=8iIY2MlD4LQ

I'm gone again (Abbott 147, 1953)
https://www.youtube.com/watch?v=pNvGYyAkzBc

It ain't my baby and I ain't gonna rock it (Abbott 157, 1954)
https://www.youtube.com/watch?v=7Fun0Tn7MV4

Ocean Paradise (Abbott 157, 1954)
https://www.youtube.com/watch?v=OGsxnc0GdvY

Die Gesangsleistung auf diesen Aufnahmen lässt bereits erahnen, warum aus Rudy kein Star wurde. Der Aufnahmen haben zwar einen gewissen Charme und zeugen von der Euphorie und Begeisterung des Sängers für seine Musik, gesangstechnisch war aber deutlich Luft nach oben. Immerhin ist Rudy Grayzell aber an vier der ersten sechs aufgenommen Songs als Songschreiber beteiligt.

Nach drei veröffentlichten Singles war der erste Abschnitt mit seiner ersten Plattenfirma bereits wieder erledigt. Ersatz fand sich relativ bald im Major Capitol Records auf Vermittlung von Billy Walker, einem Freund von Rudy der als DJ und Sänger über die entsprechenden Kontakte verfügte. Dem Chef von Capitol war der Name Grayzell immer noch zu kompliziert, woraufhin sein Künstlername kurzerhand in Rudy Gray gekürzt wurde. Seine erste Aufnahme war ein Song namens „Hearts made of stone“ der nach Ansicht seines Chefs Rudy an die Spitze der Charts bringen sollte. Der Song gelangte auch an die Spitze der Charts, allerdings in Versionen von anderen Künstlern, namentlich The Jewels (#1 in den R&B Chars) bzw. den Fontane Sisters (#1 in den Pop Charts). Das recht ungewöhnliche Arrangement war vermutlich eher hinderlich. Wo Rudys Stärken lagen zeigte stattdessen die B-Seite der Single „There's gonna be a ball“ eindrücklich. Auch wenn die Hillbilly Einflüsse noch deutlich vernehmbar sind, so ist bereits erkennbar wohin die musikalische Reise für Rudy Gray gehen sollte. Auch gesangstechnisch war eine Steigerung festzustellen, auch wenn Rudy in seinem Leben sicherlich kein zweiter Elvis mehr werden sollte.

Hearts made of stone (Capitol, 1954)
https://www.youtube.com/watch?v=3l1iJK9-8UI

There's gonna be a ball (Capitol, 1954)
https://www.youtube.com/watch?v=-6DfT6oX6SU

Auch die Bosse von Capitol erkannten die Zeichen der Zeit und änderten den musikalischen Kurs für Rudys nächste Aufnahmen. Auf der folgenden Single sind die Country-Einflüsse (von ein paar schüchternen Steel-Guitar- bzw. Fiddle-Sprengslern einmal abgesehen) nahezu komplett verschwunden, stattdessen gibt es etwas comichafte Backing Vocals und eine plötzliche Tempo-Verschärfung bei der A-Seite „Ca-razy!“ Die B-Seite stammt im übrigen von Rudys erster Frau Norma Grimm, die auch später noch den ein oder anderen Song für Rudy schreiben sollte.

Ca-razy! (Capitol, 1954)
https://www.youtube.com/watch?v=Nmt4y2wkAyA

You better believe it (Capitol, 1954)
https://www.youtube.com/watch?v=EuCTlcNIysY

Während seiner letzten Aufnahme-Session für Capitol wurde die Band sogar um ein Saxophon ergänzt. Spätestens jetzt war klar erkenntlich, dass man auch bei Capitol gewillt war, Rudy stärker in die Rock'n'Roll Ecke zu pushen, auch wenn das Songmaterial letztlich nicht konsequent genug dafür ausgewählt wurde und auch nicht so stark ausfiel wie für die beiden Sessions zuvor.

Ein gutes Jahr blieb Rudy bei Capitol bevor auch hier sein Vertrag aufgrund seiner Erfolglosigkeit nicht mehr verlängert wurde. Sein nächster Stop ist das rührige Independent Label Starday Records aus Houston von „Pappy“ Daily für das Rudy einige seiner legendärsten Aufnahmen machen wird. Erneut kam der Kontakt über seinen Freund Billy Walker zustande.
Auch Starday versuchte es zuerst mit zwei konventionellem Hillbilly/Country-Songs auf der ersten Veröffentlichung von Rudy (der jetzt im übrigen wieder auf seinen „vollen“ Künstlernamen Grayzell zurück greifen durfte). Die Single erregte so gut wie keine Aufmerksamkeit. Das sollte sich mit der folgenden Veröffentlichung ändern. Für seine zweite Starday Single nahm Rudy zwei neue Eigenkompositionen auf: „Duck tail“ und „You're gone“. Beide Songs sind Rockabilly in Reinkultur. Mit „Duck tail“ gelang Rudy der langersehnte Erfolg, allerdings nur in seiner Heimatregion in Texas. Der Song wurde im übrigen bereits wenige Wochen nach Veröffentlichung von Joe Clay für RCA/Vik Records gecovert und veröffentlicht. Duck tail bezeichnet im übrigen die nach hinten gegelten Haare der jugendlichen Rocker, genauer gesagt, der spezielle „Kamm“ der dabei am Hinterkopf entsteht. Auf der Single wird der Sänger in der Zwischenzeit als Rudy „Tutti“ Grayzell geführt. Der zusätzliche Spitzname wurde ihm angeblich von Elvis höchstselbst verliehen.

Duck tail (Starday 241, März 1956)
https://www.youtube.com/watch?v=GejtyaTt31o

You're gone (Starday 241, März 1956)
https://www.youtube.com/watch?v=Ni1zQqVut0k

hier noch die (mindestens gleichstarke) Cover-Version von Joe Clay (RCA, 1956)
https://www.youtube.com/watch?v=O8AWJ5_KfVU
(im Video ist im übrigen an einigen Stellen ganz gut zu sehen, was mit dem Begriff Ducktail gemeint ist)

Auch wenn die beiden folgenden Singles ebenfalls starkes Material enthielten (insbesondere die beiden A-Seiten von „Jag-Ga-Lee-Ga“/“You hurt me so“ bzw. „Let's get wild“/“I love you so“), so war der kurzzeitige Erfolg von Rudy Grayzell bereits wieder vorüber. Und so endete seine Zeit mit Starday bereits im Sommer 1957 wieder.

Jag-Ga-Lee-Ga (Starday 270, 1956)
https://www.youtube.com/watch?v=F6LJhziGgOg
(unbedingt bis mindestens 0:30min anhören)

Let's get wild (Starday 321, 1957)
https://www.youtube.com/watch?v=fHfRrTCUn3o

Sein nächster Halt führte Rudy nun zu Sun Records Mainman Sam Philips nach Memphis; und erneut war Billy Walker derjenige der den Kontakt herstellt. Es blieb allerdings bei einer einzigen Recording-Session, woraus letzlich nur die okaye Single Judy/I think of you resultierte. Von den vier aufgenommen Songs waren drei lahme Balladen, nur „Judy“ konnte halbwegs überzeugen. Von wegen „Let's get wild“.

Judy (Sun 290, 1958)
https://www.youtube.com/watch?v=Tu_FiNXoruU

Für das obskure Award Records Label wurde es noch ein letztes Mal wild (F.B.I. Story b/w You'll be mine), bevor es für lange Zeit still wurde um Rudy Grayzell. Obwohl er scheinbar sein ganzes Leben als Musiker bestritt, sollte es bis in die 90er Jahre dauern, bis es wieder zu neuen Aufnahmen von Rudy kommen sollte. Das Rockabilly Revival und der Wunsch vieler Fans die Original-Künstler von damals noch einmal zu sehen, brachten ihm an dieser Stelle noch einmal etwas Erfolg, der im zu seiner damaligen Zeit größtenteils verwehrt blieb.

F.B.I. story (Award, 1959)
https://www.youtube.com/watch?v=TMD-Bk6nK_o

Obwohl Grayzell sein ganzes Leben über der Musik verschrieben blieb, wurde es auch in den folgenden Jahrzehnten nichts mit dem erhofften Erfolg. Er spielte in Bars und Casinos quer durch die USA; seit den 90ern ist er auch ein gern gesehener Gast auf den diversen Rockabilly-Festivals auf dem ganzen Globus und spielt dort seine "Hits" der 50er Jahre.
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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. Rudy Grayzell)

Beitrag von Traser »

Rudi Grauzell *g*, noch nie gehört. Duck Tail und vor allem Judy, das etwas nach einem Little Richard-Song klingt, gefallen aber eigentlich.
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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. Rudy Grayzell)

Beitrag von tigerarmy »

Traser hat geschrieben:Rudi Grauzell *g*, noch nie gehört.
das ist in der Tat schon eher 3. Liga der Rock'n'Roller, zumindest vom Bekanntheitsgrad her.
Ist aber auch ein recht schönes Beispiel für einige gängie Praktiken der damaligen Zeit, z.B.
- dass der Sänger als Vehikel von fertigen Songs genutzt wird und probiert wird was beim Publikum "funktioniert" (und das über diverse Stile hinweg)
- die unglaublich schnelle Cover-Version seines Hits durch Joe Clay
- das schnelle Fallenlassen der Labels, wenn der Erfolg nicht absehbar ist (das allerdings war/ist/und wird vermutlich immer so sein)
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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. RJ Dio)

Beitrag von tigerarmy »

Künstler: Ronnie James Dio (Rock'n'Roll/DooWop/Hardrock/Heavy Metal)

Wie könnte man in diesem Thread Ronnie James Dios Todestag (16. Mai 2010) besser begehen, als dem kleinen Mann mit der großen Stimme ein eigenes Special zu widmen und dabei einen genaueren Blick auf seine ersten musikalischen Gehversuche zu werfen.

Die Geschichte vor Rainbow mit seiner ersten Hardrock/Rock-Band The Electric Elves/Elves/Elf dürfte den meisten bekannt sein. Heute und hier geht es aber noch einige Jahre weiter in die Vergangenheit, denn Ronni Padavona sang bereits vor seiner Zeit mit Elf in Bands und nahm auch davor bereits einige Platten auf, allerdings sind diese (natürlich) noch kein Hardrock sondern bewegen sich größtenteils im Doo-Wop/Rock'n'Roll.

Bereits während seiner Highschool-Zeit spielte Ronnie in diversen Schulbands, anfangs allerdings vor allem Trompete. Nach eigenen Aussagen half ihm der Trompetenunterricht bei seiner späteren Sängerkarriere, da er hier bereits viel über Atemtechnik lernen sollte. Die erste eigene Band gründete Ronnie mit Mitschülern seiner Highschool: Ronnie & The Red Caps (davor trat die Band bereits unter anderem als The Vegas Kings bzw. Ronnie & The Rumblers auf).

Auf der ersten Single (erschienen 1958!!!) ist Ronnie allerdings nur am Bass zu hören. Während der Track auf der A-Seite („Conquest“) ein reines Instrumental war, übernahm den Gesang auf der B-Seite („Lover“) sein Bandkollege Billy DeWolfe. Die Band klingt auf der Single noch recht unerfahren, etwas holprig und insgesamt einfach noch nicht wirklich überzeugend.

Ronnie & The Red Caps – Conquest (1958, Reb)
https://www.youtube.com/watch?v=IGL_la4zb1Q
Link auf Label

Erst auf der zweiten Single ist Ronnie am Gesang zu hören und bereits eindeutig zu erkennen, auch wenn seine Stimme noch etwas „jünger“ klingt. Während die A-Seite („An angel is missing“) eher eine schnulzige Doo-Wop-Ballade ist, rockt die Band auf der B-Seite mit dem Ray Charles Cover von „What I'd say“ bereits recht ordentlich durch die Botanik. Bereits auf dieser Single nahm Ronnie seinen legendären Künstlernamen an, mit dem er später in aller Welt bekannt werden sollte. Der Bandname auf dem Plattenlabel lautet nun auch bereits Ronnie Dio & The Red Caps.

Ronnie Dio & The Red Caps – What I'd say (1960, Seneca)
https://www.youtube.com/watch?v=t0Av1ZuGFII
Link auf Label

1962 benannte sich die Band erneut um: Ronnie Dio & The Prophets lautete nun der Bandname und es sollten etliche weitere Veröffentlichungen folgen. Ein Großteil der Songs bewegt sich dabei in der Schnittmenge von Doo-Wop und seichter Popmusik, die oftmals nicht erahnen lassen, wohin die musikalische Reise des jungen Ronnie in den späteren Jahren gehen sollte.

Die erste Veröffentlichung unter dem neuen Bandnamen erfolgte 1962 auf dem Major -Label Atlantic Records und bot zwei sehr gute Doo-Wop-Rocker. Dio veröffentlichte damit mal eben bereits 7 Jahre vor Led Zeppelin auf dem legendären Label. Allerdings sollte es bei dieser einen Single auf Atlantic bleiben. Die folgenden Veröffentlichungen erfolgten ausnahmlos über kleine (lokale) Labels.

Ronnie Dio & The Prophets – The ooh-poo-pah-doo (1962, Atlantic 45-2145-A)
https://www.youtube.com/watch?v=3nZcezjz8_8
Ronnie Dio & The Prophets – Love pains (1962, Atlantic 45-2145-B)
[url]https://www.youtube.com/watch?v=bQ3OjffJ1w0

Link auf Label

Auch 1963 blieb die Band erstmal ihrem „Erfolgsrezept“ treu und veröffentlichte auf der A-Seite („Gonna make it alone“) erneut einen prima Stomper mit schönen Doo-Wop Vocals und Handclaps galore. Die B-Seite ist qualitativ und stilistisch auf ähnlichem Terrain unterwegs.

Gonna make it alone (1963, Lawn Records 218-A)
https://www.youtube.com/watch?v=sx5wBzV7rFM
Link auf Label

Swingin' street (1963, Lawn Records 218-B)
https://www.youtube.com/watch?v=EBXXfn6jir0
Link auf Label

1963 erschien auch das einzige Album von Ronnie & The Prophets: Dio at Domino's. Neben Neu-Einspielungen bereits zuvor veröffentlichter Songs sin darauf auch einige neue Songs zu hören, u.a. die gelungenen „Blue days“ und „Irresistible you“. Der Opener der B-Seite „I told you so“ kann ebenfalls komplett überzeugen, im Gegensatz zur gesanglich zwar gelungenen, ansonsten aber eher verunglückten Cover-Version des Jerry Lee Lewis Klassikers „Great balls of fire“.

Blue days blue nights (1963, Jove Records J-108)
https://www.youtube.com/watch?v=uRmxZnzxPnQ

Irresistible you (1963, Jove Records J-108)
https://www.youtube.com/watch?v=Dix5p7Cwt54

I told you so (1963, Jove Records J-108)
https://www.youtube.com/watch?v=b2d1fVUOYsE

Wer Lust hat, kann sich hier auch das gesamte Album anhören. Aber Vorsicht: neben den oben genannten Anspieltipps sind auf der Platte auch einige sehr lahme Balladen zu hören.
https://www.youtube.com/watch?v=BRopiBc2qXg

Für die nächste 7“ nahm die Band eine gelungene Cover-Version des alten Clovers-Songs Love Potion No. 9 auf. Kurioserweise wurde der Song sowohl auf der A- als auch auf die B-Seite gepresst.

Ronnie Dio & The Prophets – Love potion No. 9 (1964, Valex 001)
https://www.youtube.com/watch?v=qw1Q57H875g
Link auf Label

Dass die Britisch Invasion mit den Beatles vorneweg nicht unbemerkt an Ronnie und seinen Jungs vorbei ging, lassen die folgenden beiden Singles vermuten. Während „Where you gonna run to girl“ ein gutklassiger Sixties-Beat-Rocker ist (die B-Seite mit „Say you're mine again“ ist leider eher durchschnittlich), überzeugt vor allem die B-Seite der zweiten Single („Smiling by day, crying by night“) mit einer coolen Mischung aus Beat und Garage-Rock und verbucht somit ein letzes Mal einen Winner auf Seiten der Band.

Where you gonna run to girl (1965, Kapp K-697-A)
https://www.youtube.com/watch?v=cmcSG1xQGFI
Single-Infos

Smiling by day, crying by night ( 1965, Kapp K-725-B)
https://www.youtube.com/watch?v=rUWluEp_GOs
Single-Infos

Danach wird es leider selbst für große Fans von RJD nur noch schwer erträglich, da es einfach zu seicht und schmalzig wird. Stellvertretend an dieser Stelle nur „Walking alone“, der noch als ansprechendster Song dieser Phase durchgeht.

Walking alone (1965, Kapp K-770-B)
https://www.youtube.com/watch?v=yBXRFBI0MMA
Single-Infos

Ein Glück nimmt die Band mit der Umbennung in Electric Elves bzw. Elves/Elf eine erneute Kurskorrektur vor und stellt die Weichen für eine weitaus erfolgreichere Karrierephase. Das ist dann aber eine andere Geschichte und muss an anderer Stelle in diesem Forum behandelt werden (z.Bsp. in Trasers Thread).
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Re: Tigerarmys Reise i. d. Vergangenheit (akt. RJ Dio)

Beitrag von Traser »

Tolles Special, interessant anhand seiner frühen Musik zu sehen welch beschwerlichen Weg RJD genommen hat, bis ihm in den Siebzigern der Durchbruch mit Rainbow gelang und er in den Achtzigern dann endgültig in den Olymp aufstieg.
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